Ausstellung zum DDR-Zoll in Marienborn eröffnet
Vor 20 Jahren trennte eine Grenze Deutschland in zwei Teile. Der Eiserne Vorhang war für kaum jemanden zu überwinden. Wer legal die Grenze überqueren wollte, musste sich auf Herz und Nieren kontrollieren lassen. Eine ganz besondere, für viele emotionale, Rolle kam dabei dem Zoll der ehemaligen DDR zu. Grund genug also, eine Ausstellung zum Thema zu eröffnen. Von Thomas Kutschbach
Marienborn, 25. Januar. Hier, am ehemaligen Grenzübergang an der A3 zwischen Magdeburg und Braunschweig wird heute die Ausstellung „Zoll in der DDR. Marienborn“ in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig eröffnet. Marienborn galt einst als wichtigste Grenzübergangsstelle, kurz GÜSt, für den Transitverkehr nach West-Berlin. Nach Aufhebung der innerdeutschen Grenze 1990 wurde das 7,5 Hektar große Gelände unter Denkmalschutz gestellt. Sechs Jahre später öffnete die Gedenkstätte Marienborn ihre Pforten. Seit 2000 gibt es im ehemaligen Stabsgebäude ein Informations- und Dokumentationszentrum mit Dauer- und Sonderausstellungsbereich. Insgesamt 1,4 Millionen Besucher sind seither gezählt worden.
Von Passkontrollen bis zur Zerlegung ganzer Fahrzeuge
Nun wurde das Angebot der Gedenkstätte erweitert und der Fokus auch auf den Zoll der DDR gerichtet. Die neue Ausstellung befindet sich in den tatsächlichen Räumlichkeiten des DDR-Zolls auf dem Gelände in Marienborn. Thematisch ist die Ausstellung untergliedert in die sechs Bereiche: Kontrollablauf, Aufgaben des Zolls, Wirtschaftsfaktor, Ausbildung und Motivation der Zöllner, Lebensbedingungen der Zöllner und zuletzt Kontrollierte Kontrolleure. Auf Infotafeln, sowie mit Hilfe von Audioguides für deutsche, englische und spanische sowie niederländische Gäste, wird Wissenswertes über den Zoll in der DDR vermittelt.
Besondere Aufgaben der DDR-Zöllner
Bei den Grenzkontrollen konnte es von der einfachen Passkontrolle bis zur Zerlegung ganzer Autos und zu Leibesvisitationen kommen. Konnte eine Straftat nachgewiesen werden, kam es zum Verhör. Neben herkömmlichen Zollaufgaben, wie der Kontrolle der Warenströme an den Grenzen eines Landes, kamen den DDR-Zöllnern besondere Funktionen zu. Aufgaben, welche der Herrschaftsausübung und –sicherung der SED-Diktatur dienten, waren nicht explizit im Zollgesetz beschrieben, sondern „inoffiziell“ in Dienstanweisungen und Befehlen geregelt. Das Schleusen von Menschen zu verhindern war dabei die Hauptaufgabe. Ferner sollten politische Gegner erkannt, sowie Print- und Tonmedien entsprechend der DDR-Zensur kontrolliert werden. Darunter konnten schon Zeitschriften wie Bravo oder Geo fallen.
Zollbeamte genossen Privilegien in der DDR
Die Grenzübergangstelle Marienborn wurde von 1972 bis 1974 errichtet und verschlang etwa 70 Millionen DDR-Mark. Zwischenzeitlich waren hier bis zu 1000 Menschen beschäftigt. Die Arbeit an der Grenze war nicht unbeliebt. Zollbeamte genossen vielerlei Privilegien. Zunächst einmal bestand – trotz Wohnungsmangels in der DDR – die Aussicht auf ein eigenes Domizil. Auch die Bezahlung lag über dem Durchschnitt. Nach 25 Dienstjahren hatte man zudem Anspruch auf Rente.
Strenge Überwachung durch Ministerium für Staatssicherheit
Den Sonderrechten standen jedoch enorme Belastungen gegenüber. Wegen des immer stärker werdenden Verkehrsaufkommens mussten nicht selten 16-Stunden-Dienste geleistet werden. Das Leben im Sperrgebiet und die damit verbundenen Isolierung rief weitere Probleme hervor. Jede Fahrt aus oder in das Sperrgebiet musste genehmigt werden. Zudem standen die Zollbeamten unter ständiger Beobachtung. „Jeder siebte Zöllner war Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit“, weiß Jörn-Michael Goll. Der Historiker der Universität Leipzig legte mit seinen Forschungen zum Thema Zoll die Grundlagen zur Ausstellung.
Schon der Beginn einer Karriere beim DDR-Zoll war von einer nachweisbaren Regime-Treue abhängig. „Kein Anwärter oder Bediensteter der Zollverwaltung konnte sich der peinlich genauen Erfassung seines Werdgangs entziehen: vom Engagement in der Partei und ihrer Organisationen über familiäre und andere soziale Kontakte bis hin zur Intimsphäre“, heißt es auf einer Infotafel im Bereich Kontrollierte Kontrolleure.
Ausstellungskonzept von Studierenden entwickelt
Die Studierenden des Studiengangs Museologie der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) haben die Ausstellung im Rahmen eines Seminars für Ausstellungsplanung und -gestaltung mit Hilfe ihrer Seminarleiterin Gisela Weiß über zwei Semester konzipiert, erarbeitet und schließlich vorgestellt. Dazu Museologie-Studentin Katharina Sennewald: „Der Leiter der Gedenkstätte war bei uns als Dozent tätig. So kam der Kontakt zu Stande. Die Chance auf eine solche Ausstellung ließen wir uns dann nicht entgehen.“
„Wir mussten viel Leid über uns ergehen lassen.“
Dass es sich beim Thema Zoll in der DDR um kein einfaches Thema handelt, zeigt ein Eintrag im Gästebuch der Ausstellung, datiert auf den 25. Januar, den Tag der der Ausstellungseröffnung: „Es ist traurig, dass die ehemaligen Täter nicht bestraft wurden. Wir mussten viel Leid über uns ergehen lassen.“ Für die Studierenden der HTWK Leipzig war deshalb der möglichst objektive Umgang mit dem Ausstellungsthema oberste Maxime. Im Mittelpunkt sollte die Arbeit der Zöllner stehen. Gleichwohl wurden Augenzeugenberichte von Reisenden nicht außer Acht gelassen. Dazu hat man versucht den Menschen hinter dem Zollbeamten darzustellen.
Positives Fazit der Ausstellungseröffnung
Die Seminarleiterin Gisela Weiß zog trotz schwieriger Thematik ein positives Fazit der Ausstellungseröffnung. „Uns war wichtig, von beiden Seiten ein positives Feedback zu bekommen. Ich habe etwa von einem ehemaligen Zöllner lobende Worte gehört. Wir wussten vorher nicht, wie die Ausstellung von dieses Leuten angenommen wird“, zeigte sich die Professorin für Museumspädagogik erleichtert. Weitere Reaktionen bleiben abzuwarten. Ein Besuch in Marienborn ist nicht nur wegen der bisher relativ unerforschten Thematik Zoll in der DDR lohnenswert. Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags jeweils von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.
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