Auf der Suche

06. Jan 2007 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Beckett.jpgSamuel Beckett gehört zu den größten Autoren des 20. Jahrhunderts. Seine Theaterstücke werden weltweit aufgeführt und haben an ihrer Aktualität nichts verloren. Beckett ist zeitlos. Eine aktuelle Biographie gibt Einblicke in Leben und Werk. Von Fabian Engelmann

Beckett steht in keiner Konkurrenz zu anderen Vertretern des absurden Theaters. Während Eugéne Ionesco oder Jean Genet zuweilen um ihr Überleben auf den Theaterbühnen kämpfen, scheint Beckett jeden Zeitgeist zu treffen. Was macht das Werk Becketts aus, der im vergangenen Jahr seinen 100. Geburtstag feierte?



Erfolge bleiben aus

Der österreichische Roman- und Sachbuchautor Andreas P. Pittler kann die Frage in seiner Biografie Samuel Beckett nicht umfassend beantworten. Seine Darstellung geht im Wesentlichen chronologisch vor. Pittler beschreibt die Studien- und Lektorentätigkeit am Dubliner Trinitiy College. 1932 siedelt Beckett nach Paris über. In den 1930er Jahren pendelt er zwischen Paris und Dublin und hält sich 1937 für mehrere Monate in Berlin auf. 1947 erscheint sein Roman Murphy, der sich zunächst so gut wie gar nicht verkauft.

Murphy lebt mit einer ehemaligen Prostituierten, Celia, in London ziellos vor sich hin. Er ist gezwungen, sich eine Arbeit zu suchen. Andernfalls müsste Celia wieder anschaffen. Er bewirbt sich um eine Stelle als Pfleger in einer Anstalt für Geisteskranke. Murphy tut dies, weil er laut einem Horoskop gut mit Geisteskranken umgehen kann. In Dublin entspannt sich unterdessen eine Parallelhandlung, in der Personen aus Murphys früherem Leben auftauchen, die ihn in London aufspüren wollen. Beckett entwirft eine Beziehungsgeflecht um Murphy, das sich erst mit seinem Tod wieder aufzulösen scheint. Murphys Asche landet nicht, wie von ihm gewünscht, im Dubliner Abbey-Theater, sondern in den Ritzen eines Londoner Kneipenbodens.

Auf der Such nach sich selbst heißt Rückkehr in den Dreck?

Pittler interpretiert Murphy als Suche nach sich selbst. Die Ironie der Geschichte sei, dass Murphys Suche zwar nicht im Nichts, aber in einem Kneipenboden endet – „die Heimkehr ins große Ganze ist die Rückkehr in den Dreck“. Beckett wird das Thema in Warten auf Godot wieder aufnehmen.

Dieses, sein berühmtestes Stück, erscheint 1952. Wie so viele andere spekuliert Pittler, darüber, wer den Godot nun eigentlich sei. Eine Legende besage, dass der Name auf einen Radrennfahrer der Tour de France zurück zuführen sei. Als Beckett an der Rennstrecke wartendende Fans nach ihrem Verharren fragte – obwohl das Hauptfeld die Strecke schon längst passiert hatte – antworteten sie ihm, dass sie auf Godot warteten, der die Stelle als einziger noch nicht passiert hatte.

Am häufigsten wird Godot jedoch als Paraphrase für Gott interpretiert. George Tabori - der Godot zuletzt am Berliner Ensemble inszenierte – schreibt über das Stück: „Warten auf Godot handelt von Warten auf Godot und nichts anderem, was an sich genug ist“. Die in Murphy begonnene Suche geht also weiter.

Bis zum Hals im Sand

Beckett treibt diese Suche in Endspiel und Glückliche Tage auf die Spitze. In Glückliche Tage warten Winnie und Willie, ein Ehepaar, bis der Tag vorüber geht. Diese Ritual findet natürlich jeden Tag nach den gleichen Regeln statt. Beckett schränkt die Handlungsmöglichkeiten der beiden bis auf äußerste ein. Winnie steckt am Ende bis zum Hals im Sand. Eine konsequente Weiterführung von Warten auf Godot.

Für sein Werk erhält Beckett 1969 den Literaturnobelpreis. Er schreibt und inszeniert weiter, unter anderem für das Fernsehen. Beckett stirbt 1989 und wird in Paris beigesetzt.

Pittler hat eine übersichtliche und gut lesbare Biografie geschrieben. Sie gibt einen ersten Einblick in das Werk Becketts, nicht mehr und nicht weniger. Interessant wäre gewesen, Becketts Werk stärker in Beziehung zu anderen Autoren seiner Zeit zu setzen – eben Ionsesco oder Genet. Hier hätte Pittler zeigen können, was Beckett so einzigartig macht. Eine gute Ergänzung bietet Martin Esslins Standardwerk Das Theater des Absurden. Hier findet eine angemessene Verortung Becketts in der Welt des absurden Theaters statt. Wer eine komplette Beckett Biografie lesen möchte, sollte auf James Knowlsons monumentale Darstellung zurück greifen. Und schließlich ist da ja auch noch das Werk Becketts, das zur Erhellung sicherlich einiges beizutragen hat.

Pittler, Andreas P.: “Samuel Beckett”

Deutscher Taschenbuch Verlag, 2006, 192 Seiten,

ISBN: 3-423-31082-0, 10,00 Euro



Die Bildrechte liegen beim Deutschen Taschenbuch Verlag


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