Auf der anderen Seite – Die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg

17. Mrz 2007 | von Bert Grosse | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Merridale.jpgCatherine Merridale reflektiert den Verlauf des Zweiten Weltkriegs aus einer ungewohnten Perspektive. Ihr neues Buch beleuchtet die Geschichte der Roten  Armee auf bisher nicht bekannte Weise. Von Bert Große

Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs wird häufig biographisch am Schicksal der Protagonisten oder als Schlachtengeschichte erzählt. In der sowjetisch-russischen Geschichtsschreibung ist die Historie des Großen Vaterländischen Krieges zudem ohne den ideologischen Aspekt vom gemeinschaftlichen Sieg des Kommunismus kaum vorstellbar. Über das Leben des gemeinen Soldaten, des „Iwan”, ist in der offiziellen Darstellung bis heute hingegen wenig bekannt.

Catherine Merridale, Historikerin an der Queen Mary University in London hat begonnen, diese Wissenslücke mit ihrem neuen Buch Iwans Krieg, Die Rote Armee 1939 – 1945 zu schließen. Über viele Jahre hinweg hat die Russland-Kennerin in Archiven recherchiert, Interviews mit Veteranen geführt und überlebende Zivilisten aufgespürt. Ihr Buch gibt den Blick frei, auf eine sowjetische Bevölkerung, die unermessliches Leid ertragen musste, eine Armee, die kurz vor der völligen Vernichtung stehend über drei Jahre hinweg zur erfolgreichsten Truppe des Krieges wurde und vor allem auf politisch indoktrinierte Soldaten, die sich für das Erlittene bitter an „Führer und Reich” rächten.

Eine Armee unter Schock

Als unter dem Decknamen „Unternehmen Barbarossa im Juni 1941 der Angriff begann, trafen die deutschen Armeen die Sowjetunion nahezu unvorbereitet. Folge war die Fortsetzung des „Blitzkriegs”, eine Taktik, mit der Hitler bereits in Westeuropa erfolgreich gewesen war. Die Rote Armee, rund vier Millionen Mann stark, war unfähig, die voranstürmenden deutschen Truppen zu stoppen. Binnen weniger Monate fielen das Baltikum, die Ukraine, Weißrussland und die „Schwarzerdezone”, Russlands Kornkammer, in die Hände der Deutschen.

Anfangs geschockt reagierten die Russen schnell mit freiwilligen Meldungen zum Kriegsdienst, die die politische Führung anfangs nicht akzeptieren will. Die Kriegsteilnahme soll als Ehrendienst ausschließlich Kommunisten vorbehalten werden. Erst nach dem Verlust hunderttausender Soldaten binnen weniger Monate wurde die allgemeine Wehrpflicht ausgerufen. Wie Merridale schreibt, musste die Lebenswartung eines Infanteristen an der Front in dieser Kriegsphase eher in Stunden, denn in Tagen gemessen werden. Schuld war das völlige Versagen der politischen wie militärischen Führung. Nichts, aber auch gar nichts funktionierte bei der Verteidigung – Planung, Logistik, Nachschub und die medizinische Versorgung fielen völlig aus.

Stattdessen wurden immer neue Wellen „Menschenmaterial” gegen die Angreifer geworfen – ihr Massensterben einkalkulierend. Zudem wurde ein massiver Propagandakrieg geführt – „Vorwärts oder der Tod”, die Politkommissare hatten Befehl, bei Rückzug auf die eigenen Leute zu feuern und Deserteure standrechtlich zu erschießen. Merridale führt die große Zahl an Partisanen hinter den deutschen Linien auch auf diese rigorose Taktik zurück. Erst der einsetzende Winter 1941 machte dem deutschen Vormarsch ein Ende.

Von Stalingrad nach Berlin

Wie andere Autoren auch macht Merridale in der Schlacht um Stalingrad den Wendepunkt des Krieges aus. Ab dem Frühjahr 1943 ging es für die Rote Armee immer schneller voran Richtung Westen. Für den einfachen Soldaten änderte sich hingegen herzlich wenig. Ständige Himmelfahrtskommandos, Vorgesetzte, die ihre Untergebenen mit der Waffe in der Hand in den Kampf trieben, mangelnde Ausrüstung – auch die schlechte Versorgung blieb konstant. Für die Armee war es normal, „Erntedienst” zu leisten und bei Bedarf in der Zivilbevölkerung zu requirieren.

Aber eine wesentliche Verbesserung gab es doch, die Aussicht auf den bevorstehenden Sieg über die Nazis. Zur politischen Schulung gehörte es, den Rachegedanken zu schüren: „Der Zorn des Soldaten im Kampf sei furchtbar” wurde zum Leitbild. Besonders schlimm traf es Ostpreußen, die abgerissenen, zornigen Soldaten fanden beim Vormarsch eine für ihre Vorstellungen unvorstellbar reiche Landschaft vor, die Hitlers Lebensraum-Argumentation geradezu absurd erschienen ließ.

Der umstrittene Schriftsteller, Soldat und Deutschenhasser Ilja Ehrenburg schrieb dazu: „Die Leichen all der Unschuldigen aus den Massengräbern, Gräben und Schluchten marschieren auf Berlin. Wenn wir durch Pommern ziehen, haben wir das verwüstete, blutgetränkte Weißrussland vor Augen. Wer kann uns jetzt noch aufhalten? Der Volkssturm? Nein, Deutschland, es ist zu spät. Du kannst Dich drehen und wenden und im Todeskampf brüllen: Die Stunde der Rache hat geschlagen!” Merridale zitiert auch Lew Kopelew, der als junger Offizier seinen Soldaten befahl, nach dem Überqueren der Grenze gemeinschaftlich auf deutschen Boden zu urinieren.

Der Gedanke an Rache, Mord, Plünderung und Vergewaltigung wird seitens der politischen Führung systematisch befördert. Die Autorin zitiert Quellen über befohlene Massenvergewaltigungen, bei deren Lektüre sich der Magen umdreht. Interessanterweise spielt dieser Aspekt für viele Veteranen keine Rolle, Merridale bemerkt in ihren Interviews ein bewusstes Verschweigen, allerdings weniger aus Scham vor der amoralischen Tat, sondern weil man „darüber” (Sexualität) schlicht nicht sprach.

In der Reflexion findet sich erstaunlich wenig Bedauern. Die Autorin erklärt dies mit einer tiefen Unterdrückung von Sexualität in der russischen Gesellschaft und vor allem der Armee. Gegen Kriegsende gehörten die meisten Soldaten der zweiten und dritten Kriegsgeneration an, Überlebende von 1941 gab es in der kämpfenden Truppe kaum noch. Die häufig sehr jungen Soldaten wurden systematisch kollektiviert, es gab keinen individuellen Freiraum und schon gar keine „normale” Entwicklung. Leben hieß Überleben unter Beschuss.

Kriegsgeschichte „inside”

Catherine Merridale ist es gelungen, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs aus einer bisher weitestgehend unbekannten Perspektive zu erzählen. Puristen werden ihren Forschungsansatz als wenig nachprüfbar und willkürlich kritisieren und liegen damit nicht einmal falsch. Leider erklärt die Autorin nicht, wie und warum sie ihre zahlreichen Quellen auswählt.

Andererseits war ihr Projekt für die heute noch lebenden Kriegsteilnehmer die sicher letzte Chance, ihre Erlebnisse weiterzugeben. Und die Gespräche, Briefe und Tagebücher bieten einen sehr persönlichen Blick auf das Alltagsleben der Soldaten. Besonders die Reaktionen auf den weit verbreiteten Alkoholismus, Sexualität und politische Propaganda sind hoch spannend. Daher sind alle, die an Militärgeschichte mehr Ansprüche haben, als die bloße Wiedergabe von bekannten Fakten, mit Iwans Krieg sehr gut bedient.

Merridale, Catherine: Iwans Krieg, Die Rote Armee 1939-1945,

S. Fischer Verlag, (2006) Frankfurt/M., 474 S., 

ISBN 3-10-048450-9, 22,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim S. Fischer Verlag. Der Verlag im Internet.


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