Arm, aber demokratisch

31. Aug 2007 | von Sören S. Sgries | Kategorie: Vergessene Konflikte

250px_Flag_of_Niger.svg.pngDas afrikanische Niger gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Wirtschaft liegt am Boden. Politisch scheint Niger jedoch auf dem richtigen Weg zu sein: Politische Machtkämpfe werden nicht mit Waffengewalt auf der Straße, sondern demokratisch in Parlament und Wahlen ausgetragen. Von Sören Sgries

Es gibt da dieses schöne Kinderspiel, in dem „ja“ zu „nein“ und „groß“ zu „klein“ wird. Verkehrte Welt heißt es. Das afrikanische Land Niger könnte hier triumphieren: 1. Platz von 177 – wenn sich das nicht sehen ließe! Aber im ernsten Erwachsenengeschäft der internationalen Beziehungen bleibt wenig Raum für Spielereien. Schönreden lässt sich hier nichts: Der Human Development Report wird leider nicht von Kindern, sondern von Experten des UN-Entwicklungsprogramms herausgegeben. „Erster von hinten“ zu sein bedeutet hier, ein Armutszeugnis für die wirtschaftliche Entwicklung ausgestellt zu bekommen.

„Regeln der Demokratie“ seit 1999

amadou2.jpgBetrachtet man nur die politische Entwicklung Nigers, so muss von einer Erfolgsgeschichte gesprochen werden. Seit 1960 ist das Land im Westen Afrikas unabhängig von der Kolonialmacht Frankreich. In den 90er Jahren entwickelte sich die ehemalige Kolonie zur Republik nach französischem Vorbild. Der Übergang zur Demokratie verlief zwar konfliktreich, doch bei weitem nicht so blutig wie in vielen anderen Ländern Afrikas. Seit acht Jahren hat sich ein semi-präsidentielles System etabliert, die fünfte République du Niger scheint stabil zu sein. „Die Demokratie hat ihre eigenen Regeln. Wir halten uns daran“, erklärte Ministerpräsident Hama Amadou, als ihm das Parlament Anfang Juni 2007 das Misstrauen aussprach. Es gibt eine freie, parlamentarische Opposition in Niger, Wahlen verlaufen regulär. Das politische System scheint grundsätzlich zu funktionieren.

Überleben mit einem Dollar pro Tag

Was nicht funktioniert, ist die Wirtschaft. Auch die Hoffnung auf Besserung fehlt. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt von einem Dollar am Tag. Mit einem BIP von unter 800 US-$/Kopf gehört Niger unbestritten zu den ärmsten Ländern der Welt. Ein jährliches Bevölkerungswachstum von 3,3 Prozent bei durchschnittlich acht Kindern pro Frau verschärft die Lage zudem. Der Human Development Index (HDI) zieht zu den wirtschaftlichen auch Bildungsfaktoren heran, um die Lage eines Landes zu analysieren. Eine Analphabetenquote von gut 70 Prozent (bis zu 85 Prozent sogar nach Angaben des Auswärtigen Amtes) und Schulbildung nur für jeden Fünften schränken die Entwicklungschancen Nigers stark ein.

cattle.jpgNiger lebt von der Landwirtschaft. Im Süden werden – hauptsächlich für den Eigenbedarf – afrikanische Getreide wie Sorghum und Hirse sowie Bohnen angebaut, auf den nutzbaren Flächen im Norden Viehzucht betrieben. Das Fleisch von Rindern, Schafen, Ziegen und Kamelen ist das wichtigste Exportprodukt, Abnehmer sind vor allem die Nachbarländer. Doch diese Grundlage ist fragil, jederzeit kann das Klima Ernten vernichten und so Existenzen zerstören. Im Sommer 2005 sensibilisierten Spendenaufrufe die Weltöffentlichkeit für die Probleme des Landes. Eine Dürre hatte in der klimatisch instabilen Region zu deutlichen Ernteeinbußen geführt und auch die Lebensgrundlage der Viehherden vernichtet.

Leben auf Pump: 40 $ Entwicklungshilfe pro Kopf

road.jpgEinziges klima-unabhängiges Exportgut ist Uran. In den 70er und 80er Jahren verdankte das Land diesem einen gewissen Reichtum, die Infrastruktur wurde ausgebaut, die Wirtschaft blühte. Inzwischen importiert Niger in der Summe deutlich mehr industrielle Güter, als es insgesamt an eigenen Exporten aufbringen kann. Das Land kämpft gegen eine negative Außenhandelsbilanz an. Der Preisverfall des Urans hat eine wichtige Lebensgrundlage genommen. Stattdessen braucht das Land inzwischen regelmäßige Finanzhilfen. 40 $ Entwicklungshilfe pro Kopf erhält das Land jährlich. Die Innenpolitik des Landes ist stark abhängig von Geberländern. Sämtliche Maßnahmen zur Armutsbekämpfung müssen mit Gebern aus dem Ausland abgestimmt werden. Im nigrischen Haushalt fehlen die Eigenmittel. Trotz allgemein schlechter Lage lassen sich Fortschritte erkennen. Niger qualifizierte sich für das Entschuldungsprogramm vom Währungsfonds, der International Development Association der Weltbank und dem African Development Fund. Richtige Ansätze in der Wirtschaftspolitik rechtfertigten die Aufnahme in die Multilateral Debt Relief Initiative (MDRI). Die Regierung bemühe sich um einen ausgeglichenen Haushalt. Wirtschaftliche Hoffnung oder humanitäre Katastrophe – das sind die Extreme, in denen der afrikanische Kontinent Aufsehen in der Weltöffentlichkeit erlangen kann. Niger geht es da nicht anders.

Die Entwicklungen der letzten Jahre machen jedoch Hoffnung, dass es bald auch Erfolge zu vermelden gibt. Sicher, dem Land fehlen die großen Erdgas- und Öl-Ressourcen des Nachbarn Nigeria. Auch gibt es Berichte, nach denen extremistische Gruppierungen Ausbildungslager im Land unterhalten und unter den Ärmsten der Armen Milizen für das Morden in Darfur rekrutiert werden. Politisch scheint das Land am Niger jedoch auf dem richtigen Weg zu sein. Entwicklungshilfen werden überwiegend sinnvoll genutzt, auch wenn regelmäßig der Verdacht der Veruntreuung aufkommt. 2006 wurden zwei Minister entlassen und dem Sondergerichtshof überstellt. Im Juni 2007 wurde Ministerpräsident Hama Amadou aus dem gleichen Grund per Misstrauensvotum des Amtes enthoben. Es gibt also Korruption, es gibt gravierende Probleme. Aber gleichzeitig werden diese auf rechtsstaatliche, demokratische Weise gelöst. Diese Art der Konfliktbewältigung verhinderte bislang weitestgehend gewaltsame Auseinandersetzungen, die das Land zusätzlich belasten könnten. Das politische System ist jung, aber es funktioniert.

Traditionelle Autoritäten werden in demokratische Entscheidungsprozesse eingebunden, so dass inneren Konflikten der Zündstoff genommen wird. Jeder soll an der Demokratie mitarbeiten, jeder soll von ihr profitieren. Zahlreiche Organisationen versuchen, diese Entwicklung nach Kräften zu stützen und zu fördern. Seit über 25 Jahren arbeitet zum Beispiel der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) in Niger. Aktuelle Projekte befassen sich mit der Armutsbekämpfung und der Förderung zivilgesellschaftlicher Organisationen.

Herausforderung durch Krisen

Niger ist auf dem richtigen Weg. Angewiesen bleibt das Land jedoch auf finanzstarke und tatkräftige Hilfen aus dem Ausland. Behaupten müssen wird sich dieses System im Laufe der Zeit. Verkraftet es armutsbedingte Radikalisierungen? Kann es einen Ernteausfall, eine erneute Ernährungskrise bewältigen? Wird die Schaffung und Sicherung einer permanenten Lebensgrundlage gelingen? Der HDI zeigt, dass hierfür insbesondere beim Zugang zur Bildung noch einiges getan werden muss. Der letzte Rang in diesem Bericht sollte dann der Vergangenheit angehören – wenn nicht allzu viel verkehrt läuft, in der kleinen Welt am Niger.


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Die Bildrechte liegen bei Evan Schneider (Amadou/UN Photo #ESD622), bei Thorsten Bär (Cattle) und beim DED-Niger (Road) .


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