Am Ende der Dopingkette

26. Jun 2007 | von Fabian Busch | Kategorie: Innenpolitik

Radfahrer.jpgNicht erst seit den Geständnissen prominenter Radsportler hat die Politik das Thema Doping entdeckt. Vor der Sommerpause des Bundestages soll Deutschland sein erstes Anti-Doping-Gesetz bekommen. Umstritten ist dabei, ob der Staat auch die Möglichkeit erhalten soll, den Athleten für ein Vergehen zu bestrafen. Von Fabian Busch

„Besitzstrafbarkeit“ lautet der sperrige Begriff, um den sich die sportpolitischen Diskussionen drehen. Ursprünglich stammt der Ausdruck aus der Drogenbekämpfung. Die strittigen Fragen lauten dabei: Soll auch der Sportler für den Besitz und Gebrauch von Dopingmitteln bestraft werden, weil er damit nicht nur seine Gesundheit aufs Spiel setzt, sondern auch Konkurrenz und Öffentlichkeit täuscht? Oder ist der gedopte Sportler nur das schwächste Glied der Kette – das Opfer von Dealern, Funktionären und Trainern?

Der Sportler als Täter

Für Winfried Hermann, den sportpolitischen Sprecher von Bündnis90/ Die Grünen, ist die Antwort klar. In einem Anti-Doping-Gesetz müsse der Besitz von Doping-Mitteln unter Strafe gestellt werden. Vorbild für die Befürworter eines harten Vorgehens gegen Athleten ist die Gesetzeslage in Italien. Ein Sportler, der Doping-Mittel benutzt, macht sich dort des Straftatbestandes „Sportbetrug“ schuldig. Der italienische Staat kann ihn mit Geldstrafen oder Gefängnishaft bis zu drei Jahren belegen. In der Europäischen Union ist das noch ein Einzelfall.

In der aktuellen Debatte wird gegen die Übernahme dieses Modells häufig das Argument vorgebracht, wer seine Gesundheit ruiniere, sei selbst Schuld daran. Alkohol- und Zigarettenkonsum, sogar den Selbstmord verbiete der Staat auch nicht. Der italienische Anti-Doping-Kämpfer Sandro Donati hält von diesem Argument wenig. Gerade im Profisport bedeute die Einnahme verbotener Substanzen auch eine Wettbewerbsverzerrung. Profisportler, die durch Doping unrechtmäßigerweise bessere Ergebnisse erzielten, betrügen schlicht und einfach ihre Konkurrenten und fügen ihnen auch wirtschaftlichen Schaden zu. Auf die Frage, wie er den Stand des Anti-Doping-Kampfes in Deutschland einschätze, antwortete Donati in einer Experten-Anhörung im Sportausschuss des Bundestages: „Der Kampf hat sehr spät eingesetzt. Besser spät als nie – aber man muss jetzt Tempo gewinnen.“

Eine Sache des Staates?

Doch auch in Italien ist die gesetzliche Regelung, die von den Medien gerne als schärfstes Anti-Doping-Gesetz der Welt bezeichnet wird, in die Kritik geraten. Die Diskussion um die Strafbarkeit von Doping-Besitz kreist um die Frage, wie weit sich der Staat in den Spitzensport einmischen soll und darf. Sportler für den Doping-Missbrauch zu bestrafen war bisher die alleinige Aufgabe der Sportgerichtsbarkeit. Das bedeutet, dass Organe der Sportverbände über eventuelle Sanktionen – in der Regel eine Sperre – entscheiden, wenn ein Athlet gegen Anti-Doping-Bestimmungen verstoßen hat.

Nach Meinung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) soll das auch in Zukunft so bleiben. Der DOSB-Generaldirektor und ehemalige stellvertretende Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, Michael Vesper, betonte diese Woche im Sportausschuss, der Dachverband baue weiter auf eine Arbeitsteilung von Sport und Staat: „Der dopende Sportler wird durch die Sportgerichtsbarkeit schnell, hart und international bestraft.“ Der Staat dagegen solle sich auf die Verfolgung der Dealer und kriminellen Netzwerke konzentrieren.

Ähnlich sieht das die FDP-Fraktion im Bundestag. Ein Anti-Doping-Gesetz, das auch den Sportler ins Visier nimmt, lehnen die Liberalen ab. „Das Verhältnis der Politik zum Sport hat mit solchen populistischen Aktionen Schaden genommen“, sagte der sportpolitische Sprecher der Partei, Detlef Parr, letzte Woche im Bundestag. Repressionen gegen Sportler würden nicht weiterhelfen, vielmehr müsse die Strafverfolgung der Drahtzieher im Hintergrund verbessert werden. Die Oppositionskollegin Katrin Kunert (Die Linke) hält ebenfalls wenig von der Besitzstrafbarkeit, wenn auch aus anderen Gründen. Der Sportler am Ende der Dopingkette sei das Opfer eines Leistungsdrucks, der in erster Linie durch die Sponsoren aufgebaut würde.

Ein Gesetz kommt – die Diskussion geht weiter

Einen Kompromiss zwischen den Regierungsparteien zu finden, gestaltete sich für Union und SPD zunächst schwierig. Für Klaus Riegert, den Sportexperten der Unionsfraktion, bestand die wichtigste Aufgabe des Staates in der Verfolgung der Hintermänner. Die SPD dagegen wollte auch den dopenden Athleten zur Rechenschaft ziehen. Der im Januar gefundene Kompromiss floss in den Entwurf für ein „Gesetz zur Verbesserung der Bekämpfung des Dopings im Sport“ ein, den das zuständige Bundesinnenministerium Anfang Juni vorgelegt hat.

Genau genommen ist die gebräuchliche Bezeichnung Anti-Doping-Gesetz irreführend. Es handelt sich nämlich nicht um ein eigenständiges Gesetz. Der Entwurf nimmt nur Änderungen an bereits bestehenden Regelungen wie dem Arzneimittelgesetz vor. Laut Gesetzentwurf ist es künftig verboten, Arzneien „in nicht geringer Menge zu Dopingzwecken im Sport zu besitzen.“ Der Sportler, der mit einer Spritze oder einer Packung Tabletten erwischt wird, muss damit auch in Zukunft nicht fürchten, dass der Staat ihn strafrechtlich verfolgen kann. Wo der Besitz einer „nicht geringen Menge“ konkret anfängt, darauf fehlt noch eine einheitliche Antwort.

Portrait_Danckert.jpgDie Grünen lehnen den Entwurf ab, da er ihrer Meinung nach kaum Fortschritte im Vergleich zu bestehenden Regelungen bringe. „Am Ende gibt es immer eine Athletin oder einen Athleten, der mitmacht“, gab Winfried Hermann im Sportausschuss zu bedenken. Ähnlich wie in Italien plädiert die grüne Bundestagsfraktion für die Einführung des Straftatbestandes Sportbetrug.

Hermanns Parteifreund Michael Vesper sieht das kraft seines Amtes anders. Der DOSB ist mit dem Gesetzentwurf zufrieden, da er an der bisherigen Arbeitsteilung von Sport und Staat nichts Grundlegendes ändern wird. Dass ein Sportler selbst große Mengen an Dopingmitteln bei sich trägt und damit erwischt wird, ist in der Praxis schwer vorstellbar. Faktisch wird der Athlet daher weiterhin allein der Sportgerichtsbarkeit unterliegen.

Anfang Juli soll der Gesetzentwurf den Bundestag passieren, etwa zeitgleich mit dem Beginn der diesjährigen Tour de France. In seiner Funktion als Vorsitzender des Sportausschusses ist Peter Danckert (Foto rechts) zur Neutralität verpflichtet. Als Mitglied der SPD-Fraktion verhehlte er in der ersten Lesung des Gesetzes jedoch nicht, dass sich die Sozialdemokraten mehr gewünscht hätten: „Es ist sicherlich bei weitem nicht ausreichend, um im Kampf gegen Doping zu bestehen, aber wenn wir dieses Instrumentarium nicht bekommen, ist es noch hoffnungsloser.“


Weiterführende Links:

Welt-Anti-Doping-Agentur

Nationale Anti-Doping-Agentur Deutschlands

Sportausschuss des Deutschen Bundestages



Bildnachweise:

Radfahrer: T-Mobile Team

Peter Danckert im Plenum: Deutscher Bundestag/ Lichtblick/ Achim Melde


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