Afrika revisited

23. Mrz 2007 | von Nona Schulte-Römer | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Brinkb__umer.jpgAussichtslosigkeit als Zukunftsperspektive? Auf einer Reise durch Afrika traf Klaus Brinkbäumer Flüchtlinge vor den geografischen und politischen Grenzen Europas und erzählt ihre Geschichten. Von Nona Schulte-Römer

Vier Jahre war John Ampan aus Ghana unterwegs nach Spanien, wo er heute lebt und mit Flüchtlingen arbeitet. Nach 14 Jahren kehrt er in seine Heimat zurück, um seine Frau und Kinder wiederzusehen undJohn_Ampan_mit_Familie.jpg mit dem Spiegelreporter und Autor Klaus Brinkbäumer sowie dem Fotografen Markus Matzel Afrika ein zweites Mal zu durchqueren. Der Traum vom Leben – eine afrikanische Odyssee rekonstruiert Ampans 5846 km weiten Weg von Accra nach Algeciras und schildert gleichzeitig die verzweifelte Lage der Flüchtlinge von heute. Die Situation ist unverändert aussichtslos, wie fast dreihundert Seiten engagierter Journalismus dokumentieren.

Unterlassene Hilfeleistung und Ignoranz

Brinkbäumer beschreibt die Perspektiv- und Arbeitslosigkeit in Accra, die Mafiaclans im Kaduna Polo Club, Bandenkriminalität in Benin City, das unerträgliche Chaos in Lagos und unzählige Einzelschicksale. Die im Bucheinband schwarz-weiß nachgezeichnete Reiseroute gerät in Bewegung und entzieht sich immer mehr einer eindeutigen (europäischen) Lesart.

Im eigenen Land heimatlos umherirrende Menschen, im Fachjargon lapidar als internally displaced persons (IDPs) bezeichnet, haben plötzlich erkennbare Gesichter und nachvollziehbare Geschichten. “Nur 4,6 Millionen der 17 Millionen Menschen, die in Afrika auf der Flucht sind, werden vom UNHCR betreut – mit 50 Grenzzaun_Ceuta.jpgDollar pro Flüchtling und Jahr”, lässt der Autor die Statistik für sich sprechen.

Die Meerenge von Gibraltar ist ein Massengrab, in dem nach Schätzungen von Migrationsforschern jährlich 2.000 Menschen kentern und ertrinken. Die europäische Einwanderungspolitik erscheint als kurzsichtig und populistisch, wenn man bedenkt, dass Europa aufgrund des demografischen Wandels auf Einwanderung angewiesen ist und dennoch seine Grenzbarrikaden aufrüstet.

Fehlgeleitete Hoffnungen

Millionen junger, ambitionierter Afrikanerinnen und Afrikaner opfern ihrem falschen Traum von Europa ihr Vermögen, ihr Zuhause, ihre Kultur und viel zu oft ihr Leben. In Benin City verlassen die einen ihre Kinder, um ihnen durch illegale Arbeit in Europa eine Schulbildung zu ermöglichen. Die anderen verpfänden ihre Häuser an Zuhälter und Menschenhändler, um ihren Töchtern den Weg ins europäische Prostitutionsgeschäft zu ebnen. Viele stranden in Nordafrika, wo sie gerade genug verdienen, um sich ein unsicheres Versteck leisten zu können.

“Keiner, den ich kenne, würde ein zweites Mal gehen, weil keiner erwartet, dass diese Reise so sein würde,” erklärt ein nigerianischer Elektrotechniker. Mit seinem Freund sitzt er mittellos in der Wüste Nigers fest, bis sie den beiden Deutschen begegnen, die den geplatzten Traum mit 40 Euro für die Rückreise nach Lagos erträglicher machen.

Die Gefahr zu verdursten, zu ertrinken oder fern der Heimat festzusitzen zählt nicht, solange es noch Hoffnung gibt. Jeder kennt jemanden, der es geschafft hat und monatlich Geld in die Heimat schickt, während es in der Heimat einfach keine Arbeit gibt. Brinkbäumer macht den selbstzerstörerischen Exodus für Europäer verständlich, indem er nach den persönlichen Beweggründen der Menschen fragt.

Meinungsbildung und Haltungsfindung

Ergänzt wird der Reisebericht durch holzschnittartige politikwissenschaftliche, landeskundliche und historische Exkurse. Die Einschübe liefern informative doch keinesfalls neue Hinweise auf Sklaverei, Umweltkatastrophen, Bevölkerungswachstum und Bürgerkriege. Neben den eindrücklichen, persönlichen Reiseerlebnissen wirken sie eher blass.

Ohne Trostpflaster legt der Autor den Finger auf verschiedene Wunden, so dass es schmerzt: Die algerische Polizei setzt Illegale in der Wüste zum Verdursten aus. Ein deutscher Lastwagenfahrer an der Grenze zu Marokko spricht von “gegrillten” blinden Passagieren.

Den teilweise auf Effekte zielenden Stil und den nicht immer urteilsfreien Ton der Berichterstattung mag die gute Absicht rechtfertigen. Brinkbäumer macht keinen Hehl aus seinem Mitgefühl für die Betroffenen, seiner Wut über die allgegenwärtige Korruption oder seiner Skepsis gegenüber Voodoozauber. Zwischen den Zeilen zeichnet sich nicht nur persönliche Betroffenheit ab, sondern auch kulturelle Differenz. In kurzen Zitaten vermittelt John Ampan, der beide Seiten kennt, “Afrikanisch für Anfänger” zwischen den Welten: “Das Ghetto ist unsere Universität, wo wir zu überleben lernen.”

Afrika als Vermittlungsproblem

Brinkbaeumer_mit_Kind.jpgDoch die weiße Haut lässt sich ebenso wenig ablegen wie die schwarze. Der Autor thematisiert die entnervenden Bestechungsgeldforderungen der Grenzbeamten ebenso wie die Schwierigkeit Migration in Afrika aus europäischer Perspektive neutral zu betrachten. So zitiert Brinkbäumer den Afrikaexperten und politischen Reporter Ryszard Kapuściński und dessen Überzeugung, “dass die Europäer all die Probleme, die mit der afrikanischen Migration zu tun haben, verzerrt und darum grundfalsch wahrnehmen.” Die Menschen in Afrika haben sich längst in Bewegung gesetzt. Die Frage ist nicht mehr, wie man sie stoppen kann, sondern wie sie empfangen werden.

Der Traum vom Leben nähert sich auf individueller Ebene und leicht zu lesen der schwerverdaulichen Migrationsproblematik. Im Vordergrund stehen dabei weniger die sachlichen Informationen, die man anderswo ausführlicher nachlesen könnte. Brinkbäumer präsentiert auch keine politischen Handlungsempfehlungen oder globalen Lösungsansätze. Es sind die Begegnungen mit Menschen – zu Hause und auf der Flucht – und die Einblicke in ihr Leben, die dieses Afrikabuch ausmachen. Bestechend ehrlich und ohne Frustration, Unverständnis oder Sympathien zu vertuschen, macht sich der Autor am renovierungsbedürftigen Fundament der mentalen Festung Europas zu schaffen.

Brinkbäumer, Klaus,

“Der Traum vom Leben. Eine afrikanische Odyssee”

(2006), Frankfurt/M., S. Fischer Verlag,

288 S., ISBN 978-3-10-005103-5, 18,90 Euro



Die Bildrechte liegen beim S. Fischer Verlag. Der Verlag im Internet.



Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Die Angst vor der Ausweisung 

Leben ist schlimmer als sterben 

Komm rein, bitte! 

Einwanderungsland Deutschland


Optionen: »Afrika revisited« bewertenArtikel drucken | Artikel per E-Mail versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Kommentar hinterlassen

Twitter Nutzer - Mit deinem Twitteraccount bei /e-politik.de/ anmelden: