Aerotropolis – Herzmaschine urbanen Lebens?
Trotz steigender Rohstoffpreise, penibler Sicherheitskontrollen und Sylt-statt-Seychellen-Hysterie: Der Luftverkehr bleibt in den Augen vieler eine Wachstumsbranche. Dabei fungieren Flughäfen nicht mehr nur als Umschlagplatz von Personen und Gütern. Von Nils Siebert
Neidisch blickt man nach Dubai. Während man in Europa und Nordamerika gerade erst begonnen hat, sich mit den Problemen des Bevölkerungsverlustes durch Abwanderung und Überalterung zu beschäftigen, lebt das Emirat den Traum vom unbegrenzten Wachstum vor.
Rund 50 km südlich von Dubai entsteht derzeit der größte Flughafen der Welt.
Im Parallelbetrieb mit dem jetzt schon riesigen Flughafen Dubais wird der Dubai World Central International Airport dabei in puncto Größe und Kapazität alle bis dato existierenden Flughafenprojekte übertreffen – selbst den im letzten Jahr eröffneten Suvarnabhumi Airport in Bangkok.
Zahlen gefällig? 120 Millionen Passagiere pro Jahr werden die Terminalanlagen einmal bewältigen können. Das sind in etwa so viele Fluggäste, wie die beiden größten europäischen Flughäfen Paris Charles de Gaulle und London Heathrow zusammen jedes Jahr abfertigen. Die Kapazitäten für das Frachtgeschäft liegen sogar noch weiter über dem, was heute an den großen Flughäfen dieser Welt umgeschlagen wird.
Ebenfalls im Bau befindet sich ein gigantisches, stadtähnliches Gebilde rings um den Flughafen: Eine Airport City, bestehend aus Logistik-Zentren, Hotels, Büros, Sportanlagen und nicht zuletzt jeder Menge Wohnraum für die vornehmlich aus Südostasien stammenden Arbeiter, die einmal am oder um den Airport herum ihrer Tätigkeit nachgehen werden. Quellen sprechen von bis zu einer dreiviertel Million Menschen, die diese Aerotropolis einmal bevölkern sollen, auf einer Fläche von rund 140km², so groß wie Bonn.
Boomtown Flughafen
Genug der Zahlen: Prof. John D. Kasarda, University of North Carolina, befasst sich seit Jahrzehnten intensiv mit den Entwicklungen des kommerziellen Luftverkehrs. Für ihn sind Flughäfen längst nicht mehr das, was sie ursprünglich einmal waren: Ein bloßer Umschlagplatz für Passagiere und Cargo. Flughäfen sind heute das, was im 20. Jahrhundert Autobahnen oder im 19. Jahrhundert die Eisenbahn waren: ein Motor der Entwicklung, ein Zukunftsgeschäft.
Verantwortlich für einen derart optimistischen Blick in die Zukunft sei vor allem das Luftfrachtgeschäft. Gerade zeitsensible und hochwertige Güter werden auf dem Luftweg transportiert. Fisch aus Island, Blumen aus Ghana, aber eben auch I-Pods aus China oder Esprit-Pullover aus Vietnam.
Doch der Aerotropolis-Gedanke geht dabei etwas über den an jedem kleineren Flughafen vorhandenen Business-Park hinaus.
Kasardas Wunsch: Anstatt den Flughafen zu verteufeln und sich um Nachtflugverbote und geänderte Abflugrouten zu streiten sollte man ihn als Zentrum der eigenen Existenz und einer neuen stadtplanerischen Idee verstehen.
Schöne vernetzte Branchenwelt
Wenn Kasarda von Aerotropolis spricht, dann spricht er von Clustern. Untereinander vernetzte Firmen, die einen direkten Bezug zur Luftfahrtbranche haben. Speditionen, die den Weiterversand von Fracht organisieren, Großhändler, die die angelieferte Ware sofort weiter verkaufen. Daneben hochtechnologisierte und hochspezialisierte Unternehmen – weiterverarbeitendes Gewerbe, Customer Support der IT-Branche, regionale Headquarter internationaler Firmen. Diese qualitativ hochwertigen Branchen fangen an, alteingesessene, Betriebe zu verdrängen.
Diese Landschaft aus hochwertigen und vernetzten Betrieben bildet den Grundstein für die Aerotropolis. Sie ist so etwas wie das urbane Herz, der Central Business District der Luftfahrt-Metropole. Daneben entstehen – innerhalb wie außerhalb der Abfertigungshallen – ganze Freizeitwelten: Retail, Einzelhandel, Einkaufszentren neben Kinos, Casinos, Sportanlagen. Für Fluggäste und Beschäftigte gleichermaßen.
Der Fantasie der Betreiber sind auch hier keine Grenzen gesetzt. Bei einem längeren Umsteigeaufenthalt gegen Mitternacht noch mal kurz bei Burberry reinschnuppern? Kein Problem. In der Mittagspause ein paar Abschläge machen und nach Schichtende sein Handicap verbessern? Schon fast ein alter Hut.
Drittes Erkennungsmerkmal der Aerotropolis: Wohnraum. In Hong Kong, dessen Flughafen 1998 auf der Insel Lantau westlich von Kowloon entstand, existiert bereits heute eine Art Schlafstadt für rund 45.000 Arbeiter, die im direkten Umfeld des Flughafens arbeiten.
New York? Rio? Tokyo!
Dubai, Bangkok, Hongkong. Am Weitesten gediehen ist der Gedanke derzeit in der Tat in Asien. Die neuen Drehscheiben heißen Chek Lap Kok oder Suvarnabhumi. Sie entstehen heute dort, wo auch die gesamte Luftfahrtindustrie in den nächsten Jahrzehnten den größten Wachstumsmarkt sieht: In China, Malaysia, Taiwan oder Thailand. Auch Indien wird in den kommenden Jahrzehnten die Luftverkehrsinfrastruktur ausbauen müssen, und in Dubai bereitet man sich auch mit dem neuen Mega-Airport auf eine Zeit vor, in der nicht mehr das Öl für Wachstum sorgt, sondern der Tourismus. So lautet die Devise: Bauen für die Zukunft.
Eine Chance für schrumpfende Städte?
Auf der anderen Seite des Globus, in den USA, denkt man ebenfalls an die Zukunft. Auch hier sieht man in einem multifunktionalen Großflughafen eine mögliche Zukunftsvision,
wenngleich auch unter anderen Voraussetzungen. Detroit ist das Sinnbild einer schrumpfenden Stadt. Ganze Straßenzüge liegen brach. Großflächige Verfallserscheinungen mitten in der Innenstadt. Doch der Großraum Detroit ist nach wie vor dicht besiedelt, ist immer noch Standort für viele Unternehmen: Ford, General Motors, Daimler-Chrysler. Genug Potenzial um den Flughafen Detroit zum elfgrößten in Nordamerika zu machen.
Ungleich vieler anderer US-Amerikanischen Flughäfen ist das Gelände um Detroit Airport zudem weitläufig und offen. Keine Bebauung würde weitere Expansionspläne verhindern.
Detroit’s Vision
Im vergangenen Jahr entwickelten Architekturstudenten der University of Michigan nach den Ideen Kasardas eine Vision für die gebeutelte Stadt: In Verbindung mit einem benachbarten Geschäftsflugplatz könnte entlang einer bereits bestehenden Schnellstraße in die Innenstadt von Detroit der Grundstein für solch ein Vorhaben gelegt werden. Entlang der Interstate 94 könnte eine kombinierte Geschäfts- und Wohnwelt für 100.000 Menschen entstehen – mitten im Grünen, flankiert von gleich zwei Flughäfen. Man erhoffe sich Impulse nicht nur für Detroit, sondern für den ganzen Südosten Michigans. Geplant sind ein Casino, ein Vergnügungspark und eine Pferderennbahn.
Peanuts für Dubai. Wenn der neue Flughafen 2009 in weiten Teilen in Betrieb gehen wird, so die Stimmen, werde das kontinuierliche Passagierwachstum sichergestellt sein. Für die nächsten 40 Jahre.
John D. Kasarda führt durch die Airport Cities Conference am 25. und 26. April in Frankfurt am Main.
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