150 Jahre Kampf
Kann die Entwicklung der deutschen Arbeiterbewegung noch immer Hinweise zum Aufbau einer gerechteren Gesellschaft geben? Diese Frage begleitet implizit Helga Grebings neues Buch. Von Christoph Rohde
Helga Grebing, ehemalige Professorin an der Bochumer Ruhr-Universität und Mitglied der Historischen Kommission des SPD-Vorstands, hat eine Neuauflage ihres Standardwerkes Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung veröffentlicht. Neben einer souveränen Darstellung bekannter Meilensteine bietet das Werk einige überraschende Interpretationen und kritische Töne.
Ein Standardwerk
Die frühsozialistische Emanzipationsbewegung
Spannend ist, wie Grebing den Weg der Arbeiterbewegung aus einer frühsozialistischen Emanzipationsclique zu einer die Gesellschaft umgestaltenden kulturellen Bewegung zeichnet. Konträr zu Mainstream-Vorstellungen wird verdeutlicht, dass sich die Arbeiterbewegung von vornherein kreativ und vielschichtig entwickelte – eben nicht auf der Marxschen „Einbahnstraße einer objektiv begründbar erscheinenden sozioökonomischen Entwicklungsgesetzlichkeit“. Bemerkenswert ist der hohe Stellenwert, den die Historikerin den Gewerkschaften bei der Entstehung der Arbeiterbewegung zuweist. Denn dieser enge Zusammenhalt ist im Vergleich zu anderen europäischen Arbeiterbewegungen als partikular zu bezeichnen.
Zwischen Gegenmacht und Ordnungsfaktor
Die Gliederung des Buches folgt den gesellschaftlichen Veränderungen, auf welche die Bewegung stets neue Antworten finden musste. Die emphatische Darstellung lässt den Leser die Spannung nachspüren, die die Arbeiterbewegung als gesellschaftspolitische Gegenmacht und als staatlicher Ordnungsfaktor in ihrer Gleichzeitigkeit in den Zeiten der Weimarer Republik aushalten musste – eine Spannung, die der Bewegung letztlich die Kraft nahm, um den Nationalsozialismus verhindern zu können. Die Spaltung der Sozialdemokratie in SPD und USPD ist nur oberflächlich die Ursache für die mangelnde Entschlossenheit zum Regieren – Grebing schildert Mentalitäten, die den ideologischen Kampf nach innen als wichtiger erachteten als den Kampf gegen den brutalen politischen Gegner.
Die Historikerin zeigt jedoch den großen Anteil, den Exil-Sozialdemokraten wie Wilhelm Hoegner oder Waldemar von Knoeringen am Aufbau der bundesrepublikanischen Demokratie hatten. Die Jahre bis zum Godesberger Programm über die sozialliberale Koalition bis zur Zerreißprobe unter Helmut Schmidt werden sorgfältig, aber unspektakulär besprochen.
Kritik an der SPD-Wiedervereinigungspolitik
Grebing wagt eine dezidierte Kritik an der SPD, vor allem wenn es um die Belange der Wiedervereinigung und deren Folgen geht. Im falschen Moment habe sich die SPD von einem positiven Patriotismus verabschiedet, was die Partei später in den neuen Bundesländern maßgeblichen Einfluss gekostet habe. Dabei kritisiert sie Oskar Lafontaine, der das Modell des Nationalstaates zu früh aufgegeben habe. In diesem Zusammenhang werden die Sozialdemokraten auch für die Entstehung und Stärkung der PDS verantwortlich gemacht. Die SPD habe das Erbe des „demokratischen Sozialismus“ leichtfertig aus der Hand gegeben. Die PDS hält für Grebing zu stark an der Tradition der SED fest und ist für die SPD deshalb kein potenzieller Partner. Stattdessen empfiehlt sie der SPD neue Anstrengungen, um das linke Spektrum zurück zu erobern.
Die Veränderung des Begriffs Arbeit
Des Weiteren diskutiert die Autorin die Rolle der Gewerkschaften, den Umbau des Sozialstaates und den sich verändernden Begriff der Arbeit. Dabei greift sie auf Ulrich Becks Gesellschaftskritik zurück, der den Teufelskreis der Schönen neuen Arbeitswelt markierte: zunehmend mehr Menschen verlieren ihre soziale Sicherheit, fliehen in „Selbständigkeit“ ohne Kapitalbasis, brauchen mehrere Jobs und haben kaum mehr eine Lobby wie die Gewerkschaften an ihrer Seite. Auch Hannah Arendt wird rezipiert, die auf den Zusammenhang zwischen dem Verlust an sinnvoller Erwerbsarbeit und allgemeinem gesellschaftlichem Verfall hingewiesen hat. Grebing glaubt, dass alternative Formen der Arbeit auf längere Sicht die klassische Erwerbsarbeit nicht ausreichend ersetzen können.
Vorsichtige Bewertungen
Die Verfasserin weist explizit darauf hin, dass sie auf Bezüge zu aktuellen Entwicklungen verzichtet. Dies ist schade, da die Entstehung der Linkspartei aus PDS und WASG sowie die Annäherung dieser Gruppierung an die Gewerkschaften (Thema Mindestlohn) ebenso Zündstoff bietet wie die Assimilation nationaler Arbeiterbewegungen in transnationalen Protestgruppen (Stichwort G8-Gipfel in Heiligendamm). Aus der Perspektive der Historikerin ist ihr Verzicht jedoch ein Indikator für ihre Seriosität. Insgesamt hält Grebing die Arbeiterbewegung für ein sehr konstruktives Element deutscher Geschichte.
Das Buch ist für politische Praktiker, gesellschaftspolitisch Interessierte und Studenten der Sozialgeschichte von hohem Nutzen. Als sehr zielführend erweisen sich die einführenden Zitate führender Protagonisten der Arbeiterbewegung zu Beginn eines jeden Kapitels ebenso wie das sehr ausführliche Personenverzeichnis am Schluss des Buches.
Die Autorin zeigt ihrem Publikum, dass die Wertorientierungen und Vorstellungshorizonte der Arbeiterbewegung auch im 21. Jahrhundert bedeutende Richtungsanzeiger auf dem Weg zu einer gerechteren Gesellschaft sind. Und gesellschaftspolitische Aktivisten können lernen, dass der Aufbau einer gerechten Gesellschaft nicht nur durch Protest zu erreichen sein wird, sondern eines leistungsfähigen alternativen Steuerungsmodells bedarf.
Grebing, Helga,
Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung – Von der Revolution 1848 bis ins 21. Jahrhundert,
(2007), Berlin, Vorwärts Buch,
324 S., ISBN 3-86602-288-1, 24,80 Euro
Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:
Wandel durch Annäherung
Uneinige Enkel in der Sozialdemokratie
Die Bildrechte liegen bei der Ruhr-Universität Bochum (Portrait) und dem Vorwärts Buch Verlag (Cover).
Artikel in sozialen Netzwerken teilen:


