Zwischen Bürgerkrieg und Armut

26. Mai 2006 | von | Kategorie: Flucht und Asyl

sudan_I.jpgDer Sudan ist geprägt von konfessionellen Konflikten. Trotzdem herrscht ein verzweifelter Kampf um Normalität und Anerkennung. Ein Reisebericht. Von Iris Pufe

Khartoum University. Ich sitze im Innenhof mit Palmen und Bänken aus zusammengestückeltem Beton, auf denen die Mädchen ihre verschleierten Köpfe zusammenstecken, um zu tratschen. In unmittelbarer Nähe findet eine Kundgebung statt. In kämpferischem Ton skandiert ein junger Araber durch den Trichter seines Megaphons, wie sich Mann und Frau begegnen sollen: so wenig wie möglich. Dabei bietet der Campus als einziger Ort den Studierenden die Möglichkeit, mit dem anderen Geschlecht außerhalb familiärer Strukturen in Kontakt zu kommen. Immerhin gibt es einen Frauenraum.

Ich nähere mich einem der arabischen Mädchen auf den Bänken. Ihre Finger stecken trotz der extremen Hitze in schwarzen Handschuhen, der ebenfalls schwarze Schleier ist am unteren Rand ihrer Brille befestigt. Es scheint, als klammerte sie sich an das mit Großbuchstaben bedruckte Buch in ihren Händen. Als sie sagt, dass ihr das Studium an der Universität Bar El Gazal in Khartoum gefällt, scheint sie zu lächeln.

Einerseits entspricht die 26jährige Samira dem westlichen Klischee einer muslimischen jungen Frau: sie liebt ihre Familie, ihr Land, ihren Glauben, und – nach Mohammed natürlich – ihren Mann. Der ist zugleich ihr Cousin. Zur Freude ihrer ganzen Familie fällt die Liebe manchmal genau dahin, wo sie hingehört, nämlich in den Schoß der eigenen Sippe.

(K)ein lebendes arabisches Klischee

Dem arabischen Frauenbild will Samira allerdings ganz und gar nicht entsprechen: sie studiert Medizin, spricht gut Englisch und will erst mit 28 Jahren Kinder, damit sie ihr Studium beenden kann. Obendrein bewegt sie sich auf dem Campus, ohne männliche Begleitung, was keine Selbstverständlichkeit ist. Nächstes Jahr will sie ihr Studium abschließen, danach möchte sie als Frauenärztin arbeiten.

David Nyandeng studiert im ersten Jahr Jura an der Juba Universität, ebenfalls in Khartoum. Allerdings ist er weniger zufrieden mit seiner Ausbildung. "Ich weiß nicht, ob ich mein Studium beenden kann", sagt der 24-jährige Sudanese, ein Schwarzafrikaner dessen dunkle Hautfarbe und Kraushaar im arabisch geprägten Khartoum auffallen.

"Studiengebühren, Bücher, Kleidung, öffentliche Verkehrsmittel – das ist alles ziemlich teuer. Sollte ich eines Tages tatsächlich als Jurist arbeiten, werde ich mir kaum die Anzüge leisten können, die ich als Rechtsanwalt brauche", sagt der schlicht und sauber gekleidete junge Mann mit einem Anflug von Verzweiflung. Er trägt eine beige Hose und einen schwarzen Pulli. Eine dunkelrote Plastikuhr am dünnen Handgelenk ist sein einziger Schmuck.

"Selbst wenn ich mal fertig bin, bekomme ich keine gute Position, weil nicht-muslimische Rechtsanwälte hier im Norden weniger angesehen sind", sagt er in sachlich klingendem Ton, als habe er sich mit seinem Schicksal bereits abgefunden.

Und wie steht es damit, neben dem Studium etwas Geld zu verdienen? "Aussichtslos", erklärt David. "Einen Nebenjob bekomme ich nicht, weil ich Christ bin". David stammt aus dem Süden des Landes, wo die meisten Christen der insgesamt 36 Millionen Sudanesen leben. Samira und David studieren beide in Khartoum, mit fünf Millionen Einwohnern die Hauptstadt des Sudan.

Das Hochschulsystem des Landes ist aus den Fugen – nach 21 Jahren Bürgerkrieg. Die Ausstattung der Universität ist mager und rückständig. Die Hörsäle sind abgedunkelt, um das Eindringen der Hitze zu mildern. Auf dem Betonboten kleben Farbkleckse vom Streichen der Decke, die Schiefertafel an der Front ist ausgeblichen, die Stühle der Sitzreihen sind aus schwerem, schwarzem Stahl. Es riecht muffig und jedes Wort hallt, wegen des Betons und der Leere des Raums.

Muslime versus Christen

sudan_II.jpgDie Infrastruktur im Sudan ist am Boden. In den Straßen der Hauptstadt kommt es regelmäßig zu Demonstrationen – Thema sind wie immer die unüberbrückbar kontroversen religiösen Überzeugungen. Viele haben bereits die Hoffnung auf politische Stabilität, Ordnung und Frieden aufgegeben.

Der Bürgerkrieg kostete bislang mindestens zwei Millionen Menschen das Leben. Hunderttausende sind noch immer auf der Flucht, denn trotz offiziellem Friedensabkommen setzt sich der Konflikt zwischen dem arabisch-islamischem Norden und dem schwarzafrikanisch-christlichem Süden ungehindert fort.

Die Unruhen wirken sich auch auf die Situation der Studierenden aus. Mittlerweile haben sämtliche Hochschulen ihren Sitz in die Hauptstadt verlegt, sogar die renommierte Juba Universität, ursprünglich im Süden des Landes ansässig, wo die Guerilla ("SPLA") die Zivilbevölkerung bis heute terrorisiert.

sudan_III.jpgNachdem es 1983 im Süd-Sudan zu einem Ausbruch an Feindseligkeiten zwischen Rebellen und Regierung gekommen war, musste die Universität Bar El Gazal nach Khartoum verlagert werden. Für Tausende Studierende bedeutete das, ihre Familien – den größten Halt in ihrem Leben – zurückzulassen.
 
Studenten kämpfen um ihre berufliche Zukunft

Die Studenten im Sudan kämpfen einen harten Kampf um ihre berufliche Zukunft. Doch Probleme wie Armut, Hunger und Krankheit, hoher Bevölkerungszuwachs bei unzureichender Hygiene und mangelnde Aufklärung gewinnen infolge der hohen Analphabetenquote zusätzlich an Boden: 29 Prozent der Männer und 51 Prozent aller Frauen im Sudan sind davon betroffen. Besonders schlecht steht es um die übrigen 31 Millionen Sudanesen, die nicht in der Hauptstadt leben – sie haben kaum eine Chance auf Ausbildung und angemessene Bezahlung.

Dennoch beansprucht das marode Bildungssystem keinen herausragenden Stellenwert auf der nationalen Agenda. Es ist akut unterfinanziert. Dabei hätte das Land durchaus genug Ressourcen und damit wirtschaftliche Möglichkeiten der Verbesserung, wenn seine Repräsentanten es verstünden, dieses Potential richtig zu nutzen: Die wirtschaftliche Dividende des Landes könnte sehr gut sein. Sudan verfügt über viel kultivierbares Anbauland, Baumwolle, Gold und sogar über Ölfelder.

Zwar hat die Zahl der Universitäten und Hochschulen in den letzten Jahren zugenommen, nicht aber die Qualität der Bildung selbst. Nach wie vor fehlt es an qualifizierten Lehrkräften und Unterrichtsmaterial. Das Bildungsniveau von Schulabgängern entspricht oft nicht den Anforderungen für eine Studienlaufbahn. Zudem verfügt das Lehrpersonal in den seltensten Fällen über eine pädagogische Grundausbildung.

Schlechtere Chancen für Mädchen

"Offiziell schließen jährlich etwa 800 Mädchen die Grundschule ab", sagt ein deutscher Bundeswehrsoldat. Er ist als UN-Friedensbeobachter in der Region um Juba im Süd-Sudan eingesetzt. Ungläubig schüttelt er den Kopf über eine Quote, die derjenigen einer Stadt wie Ulm gleichkommt. Trotz der desolaten Studiensituation sind die meisten von ihnen eifrig bei der Sache. "Die jungen Leute im Sudan wollen lernen. Wer sich gut vorbereitet, bekommt auch gute Noten", sagt Samira. Sie selbst nutzt jede Situation zum pauken und liest im Bus, in der Cafeteria und sogar beim Laufen.

In der Vergangenheit war besonders die Ausbildung von Mädchen unterrepräsentiert und wurde überwiegend nur von religiösen Einrichtungen, den "Khalwa-Schulen" bereitgestellt, in denen der Schwerpunkt auf dem Studium des Koran lag. Solche Schulen bereiteten Mädchen allerdings nur unzureichend auf den säkularen Bildungs- und Arbeitsmarkt vor. Überdies hatten sudanesische Eltern in der Vergangenheit häufig starke Vorbehalte gegenüber Mädchenschulen; sie befürchteten, dass dort die Moral ihrer Töchter untergraben würde.

Vor diesem Hintergrund wurde den Söhnen meist der Vorzug gegeben, wenn es sich um berufliche und schulische Ausbildung drehte – damit diese durch ihre Leistung das Ansehen der Familie heben konnten. Dies minderte natürlich den Wert der Töchter, deren soziale Aktivitäten hauptsächlich in der Vorbereitung auf die Ehe bestand.

Ich frage Samira nach ihren beruflichen Aussichten, und sie klingt zuversichtlich: "Ich möchte uns Frauen helfen", sagt die 26-jährige. Beschneidungen und Genitalverstümmelungen hält sie für unsinnig. "Wenn überhaupt, so sollte man damit warten, bis die Mädchen 20 Jahre alt sind und nicht fünf oder zehn." Offenbar ist sich Samira über die irreversiblen Folgen solcher Verstümmelungen nicht wirklich im Klaren.

Während sie spricht, achtet sie auf jedes Geräusch und jede Bewegung durch die sich andeuten könnte, dass sich ein Mann nähert und unser Gespräch belauschen könnte.

Glaubenskrieg im Hörsaal

Samira und David spiegeln in zwei unterschiedlichen Perspektiven die Folgen eines Krieges, der die Situation der Menschen im Sudan oft auf tragische Weise bestimmte und noch bestimmt. Es ist ein Glaubenskrieg, der selbst nach Abschluss eines offiziellen Friedensabkommens in den Köpfen der Menschen weitergeführt wird.

Samira kann zwar studieren, ist als muslimische Frau aber mit erheblichen Einschränkungen konfrontiert. David erhielt als einziger Sohn der Familie die Chance zu einem Studium, leidet als Christ jedoch unter permanenter sozialer wie wirtschaftlicher Benachteiligung.

Viele der Studenten haben wie David eine ungewisse Zukunft. Aufgrund der unzureichenden Ausstattung der Hochschulen und der Lückenhaftigkeit des Bildungssystems sind ihre Informationen über das eigene Land dürftig.

Außenstehende können die Situation im Sudan oft besser einschätzen. Nicht wenige UN-Friedensbeobachter befürchten eine Wiederaufnahme der Kriegshandlungen noch vor Ablauf des Friedensabkommens: "Dann geht es hier wieder rund und all unsere Bemühungen um Frieden und Toleranz waren umsonst."


Die Bildrechte liegen bei www.impetusinmundum.de.


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