Zweimal Beirut
Nach den israelischen Angriffen auf den Libanon machen die gesellschaftlichen Eliten in Beirut nicht Israel oder die USA sondern größtenteils Hisbollah für die Bomben verantwortlich. Die libanesische Bevölkerung ist gefährlich gespalten. Ein Bericht aus dem Libanon Teil II. Von Lisa Schwarz
Es ist weniger die Beiruter Elite, die wirklich unter den Folgen des Krieges zu leiden hat. Nach dem Ende des Bürgerkriegs war Beirut in den letzten Jahren der Ort eines der größten Stadtplanungsprogramme der Welt, in Folge dessen große Teile der Innenstadt renoviert, rekonstruiert und in einem an Disney Themen Parks erinnernden Stil neu gebaut wurden.
Das Beirut der Oberschicht
Hier, in den hermetisch durch Militärposten und Schranken abgeriegelten Vierteln, in die nur einige Autos mit Sondergenehmigung fahren dürfen, flaniert die Beiruter Schickeria, hier shoppt man in teuren Boutiquen und speist in exklusiven Restaurants. Beirut hat das Image der westlichsten, modernsten und partyhungrigsten Stadt des Mittleren Ostens. Hier wird trotz des Krieges und der instabilen politischen Situation gefeiert.

In den teuren Shopping Malls werden die neusten US-amerikanischen Filme gezeigt. Die Einkaufsmeilen sind voll léger gekleidetem Publikum und in den besseren Vierteln der Innenstadt cruisen die neusten Modelle von BMW, Mercedes und Porsche. Weder die unzähligen Banken noch die zahlreichen Juweliergeschäfte, die Hotels oder McDonald´s-Ketten wurden von Bomben getroffen. Die Angehörigen der betuchten Oberschicht kennen die Bombenschäden nur aus TV und Zeitung.
Ground Zero multiplied
Dabei müssten sie nur einige Minuten mit dem Minibus fahren, um das Ausmaß der Zerstörung mit eigenen Augen besichtigen zu können. Teile des Stadtviertels Haret Hreik, das ab dem 15. Juli bombardiert wurde, liegt in Schutt und Asche. Das Ganze wirkt wie eine nahöstliche Kopie von Ground Zero. Nur dass es sich dabei nicht um einen, sondern mehrere Orte handelt, wo ganze Häuserblocks mit hunderten von Wohnungen dem Erdboden gleichgemacht wurden.
Einige der zerbombten Orte sind abgesperrt und werden von schwer bewaffneten Mitgliedern der Hisbollah bewacht. Andere sind frei zugänglich und schließen sich scheinbar natürlich an den Rest der intakten Stadt an.
Wo noch vor ein paar Monaten 9- bis 15-stöckige Wohnblocks standen, krabbeln nun gelbe Baumaschinen über graue Schutthaufen aus Beton und Stahl. Die Planierraupen bahnen sich ihren Weg durch Überreste von Möbeln, Kleidern, Schulheften und Kochutensilien. Sie wirbeln giftigen Staub auf, der in den Lungen brennt.
Einstürzende Neubauten
Andere Wohnblocks haben mehr Glück gehabt: Von neun Stockwerken stehen teilweise die unteren noch, und die Besitzer waren in der Lage, einige ihrer Privatsachen zu retten. Bewohnt sind sie allerdings nicht mehr. Wir treffen einen Mann, dessen Wohnung im 6. Stock eines Wohnblocks nunmehr ebenso wenig existiert wie sein Laden im Parterre.
Er erklärt uns, dass es zu gefährlich sei, die Häuser zu betreten, da die meisten in den kommenden Tagen vermutlich einstürzen würden. Wie zur Untermalung seiner Worte löst sich in diesem Augenblick eine Schuttlawine von dem oberen Teil einer der Blocks und kracht donnernd hinunter. Ein paar Kinder, die neben dem Gebäude standen, laufen davon.
Bombenschlag ins Leben
Wir fragen den freundlichen Mann, ob er hier gewesen sei, als die ersten Bomben fielen. Ja, sie waren alle da: Er, seine Frau und die sechs Kinder, um 4.30 Uhr, als die ersten Bomben einschlugen. Die Kinder hätten Angst gehabt und geweint, die Detonationen wären sehr laut gewesen. Kurz darauf wären die Leute von Hisbollah gekommen und hätten alle Leute aus den Häusern geholt und mit Fahrzeugen in Sicherheit gebracht.
Der Mann betont, er und seine Familie seien keine Terroristen, sondern bloß einfache Leute, die ungestört ihr Leben leben wollen. Er hätte seinen Laden betrieben, die Kinder wären zur Schule gegangen. Er zeigt uns die Schule, ein zur Hälfte zerstörtes weißes Gebäude, in dessen intaktem Teil die Fenster fehlen und von dessen Dach Stahlfetzen herunter hängen.
Hisbollah – Helfer in der Not
Seine 12 Jahre alte Tochter, die noch mit der Familie in Syrien ist, hätte ihn gestern am Telefon gefragt, warum die USA Israel helfen und nicht ihnen, wo sie doch die Bomben abbekommen hätten. Er erklärt uns, dass die etwa 10 Meter tiefen und 5 mal 10 Meter breiten Bombenkrater durch Tomahawk-Raketen verursacht wurden, von denen einige beim Abwurf nicht detoniert seien. Die Hisbollah hätte jedoch vor kurzem alle Blindgänger geborgen.
Ob sie keine Hilfe von der Regierung, den UN oder NGOs bekämen, erkundigen wir uns, obwohl es offenkundig ist, dass hier keine dieser Organisationen Wiederaufbauarbeit leistet. Weder große luxuriöse Fahrzeuge mit UN-Aufschrift noch die Werbeslogans unterschiedlichster Hilfsorganisationen sind hier irgendwo in Sicht. So lautet auch die Antwort der Männer, die sich nun auf dem Beiruter Ground Zero angesammelt haben: Nur Hisbollah entschädigt die Leute für die entstandenen Schäden an ihrem Eigentum, und nur sie baut hier die Häuser, Schulen und Läden wieder auf.
Alle der hier anwesenden Männer waren bei der großen Siegesfeier von Hisbollah im Süden Beiruts vor einigen Wochen dabei. Ihre Augen glänzen, wenn sie davon erzählen, wie über eine Million Menschen den “Sieg” Hisbollahs über die israelische Armee feierten. Während der Veranstaltung hätte sich Nasrallah frei in der Menschenmasse bewegt und in seiner Rede verkündet, er habe keine Angst vor israelischen Angriffen auf seine Person, da er bereit sei, mit seinem Volk und für sein Volk zu sterben.
Kulturpflege zwischen Trümmern
Am Rande des riesigen Schutthaufens, der einmal aus etwa 20 großen Wohnblocks bestand, befindet sich ein kleines, von unbewaffneten Hisbollah-Leuten bewachtes Freilichtmuseum, in dem Karikaturen über Israel, USA und die UN ausgestellt werden. Am Eingang lehnen Banner mit der Aufschrift “Made in USA” und “very precise targets”, sowie Acrylbilder, auf denen weinende Menschen, Friedenstauben und Kopien von Picassos “Guernica” zu sehen sind.
Die Männer begrüßen uns freundlich und laden uns ein, mit ihnen Tee zu trinken. Sie freuen sich über unseren Besuch und Interesse, nachdem die westlichen Kamerateams schon vor einigen Wochen abgezogen sind. Die Story ist nun nicht mehr aktuell.
Lesen Sie in Kürze auch Teil III des Berichts aus dem Libanon über die Weiterfahrt in Richtung der israelischen Grenze.
Die Bildrechte liegen bei der Autorin
Lesen Sie hier den ersten Teil des Berichts aus dem Libanon: Der Norden des Libanons 10/2006
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