“Wir schnüren der Natur den Hals ab!”
Wälder sind die wichtigste natürliche Ressource der Erde. Von ihrem Überleben hängt das Überleben von weltweit rund 300 Millionen Menschen ab, für die der Wald Wohn- und Versorgungsgrundlage ist. Trotzdem geht die Abholzung der letzten Wälder Kenias ungebremst weiter. Jackson Kiplagat, Projektleiter bei Forest Action Network in Nairobi, warnt vor den Folgen der Abholzung, die bereits heute spürbar sind. Ein Interview von Iris Pufe
/e-politik.de/: Kenia – damit verbinden Europäer vor allem Safaris mit Wildlife und üppige Regenwälder. Warum sollten sie sich die Kenianer da Gedanken um Umweltschutz machen?
Kiplagat: Nun, Kenia hat eine Waldabdeckung von gerade einmal 1,7 Prozent. Laut Biodiversitätskonvention sollten es aber mindestens 10 Prozent sein. In den letzten 15 Jahren haben wir die Folgen davon zu spüren bekommen: weniger Anbau- und Siedlungsfläche, erschwerte Landwirtschaft und ein verändertes Regionalklima. Wir schnüren der Natur den Hals ab.
/e-politik.de/: Was ist der Hauptgrund für die Abholzung?
Kiplagat: Degazettement – wenn Wahlen anstehen, vergibt die Regierung Land an Bürger – um damit Stimmen zu kaufen.
/e-politik.de/: Ökologen warnen, die großflächige Abholzung forciere den Klimawandel.
Kiplagat: Im Falle Kenias werden die Niederschläge immer weniger vorhersagbar. Wir erleben mehr Extremdürren, Wüsten dehnen sich massiv aus. Die Egerton University und das hier in Nairobi ansässige Umweltprogramm der UN sind dabei, die Wechselwirkungen von Regenwaldvernichtung und Klimaänderung zu untersuchen.
/e-politik.de/: Sustainability ist das Schlagwort der Stunde - wie viele Menschen wissen was das bedeutet?
Kiplagat: Die meisten Kenianer kennen den Begriff nicht. Aber wenn du sie fragst: “Möchtest du, dass dieser Wald heute hier ist aber auch morgen für deine Kinder und für die Zukunft?”, dann werden sie “ja” sagen.
/e-politik.de/: Spielt die Erhaltung von Wäldern in der Weltpolitik überhaupt eine Rolle?
Kiplagat: Laut Kyoto-Protokoll sollen die Industrieländer in die Wälder von Entwicklungsländern investieren, um das Niveau an Kohlenstoff, den sie produzieren, zu senken. Bislang arbeiten sie aber kaum zusammen.
/e-politik.de/: Inwiefern ändert Forest Action Network etwas daran?
Kiplagat: Wir unterstützen gemeinschaftliches Waldmanagement mit dem Trees & Forests Programme. Im Empowering Civil Society for Participatory Forest Management in East Africa, EMPAFORM-Projekt, arbeiten wir mit Tansania und Uganda zusammen, um die Rechte von Waldbewohnern zu stärken. Wir kooperieren mit Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen. Und wir kämpfen dafür, dass der Naturschutzgedanke verfassungsrechtlich verankert wird.
/e-politik.de/: Was ist der bislang größte Erfolg?
Kiplagat: Die Durchsetzung / Inkraftsetzung des Forest Act 2005. Jetzt können Gemeinschaften an der Verwaltung ihrer Wälder mitbestimmen. Vor zwei Jahren haben wir erfolgreich gegen die Regierung geklagt, die 67.000 Hektar zu Siedlungszwecken abholzen wollte.
/e-politik.de/: Gerade für indigene Völker sind Wälder wichtig als psychische und physische Lebensgrundlage. Etwa 300 Millionen Menschen hängen in ihrem Überleben von ihnen ab. Wie wird sich ihr Leben ohne Wälder verändern?
Kiplagat: Sie müssen ihren Lebensstil ändern, weil es keine Alternativen gibt. Hier in Kenia haben wir die Ogiek People, die die UN als “gefährdete Gruppe” einstuft. Sie bekommen Wildfrüchte und Honig von den Wäldern, sie jagen und sammeln dort, ihre Häuser sind aus Holz und sie verwenden spezielle Bäume für ihre Zeremonien. Ohne Wälder wird sich ihr Leben verändern, und zwar fundamental.
Weiterführende Links:
The African Conservation Foundation
Africa Governance Monitoring and Advocacy Project
Humanitarian Organisation fighting global poverty
Forest Action Network Canada
Rainforest Action Network San Francisco
Robin Wood
Worldwatch Institute
Die Bildrechte liegen bei Iris Pufe.
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