Wiesler – Ein Stasimärchen?

09. Dez 2006 | von Maik Henschke | Kategorie: Politischer Film

Podium1.jpg1,6 Millionen Besucher, Filmpreisabräumer und viel Diskussionsstoff: Das Leben der Anderen über die Machenschaften der DDR-Spitzel begeistert Zuschauer und Filmkritiker. Doch Experten warnen: Zur Geschichtsstunde über die Stasi taugt der Streifen nicht. Von Maik Henschke

Originalgetreuer und zugleich beklemmender hätte die Atmosphäre kaum sein können. Orangefarben gepolsterte Stühle, Hängelampen aus den Siebzigern und dieser typische Geruch vergangener Zeiten, konserviert in den kahlen Wänden.

Im früheren Kinosaal der DDR-Staatssicherheit in Leipzig, wo man im Oktober 1989 noch den vierzigsten Jahrestag der DDR feierte, wurde das gefürchtete Spitzelregime am Montagabend für drei Stunden wieder lebendig. Unter dem Motto „Geschichtsaufarbeitung oder Kassenschlager?“ kamen am 4. Dezember Experten aus Film, Bildung und Wissenschaft zusammen, um über den wohl kontroversesten Kinofilm des Jahres zu streiten: Das Leben der Anderen.

Gastgeber war der Verein Bürgerkomitee Leipzig, der seit der Wende das Stasi-Museum am Dittrichring betreibt. Den Machern des Kinoerfolgs stellte der Verein die original Dampfmaschinen zur Verfügung, mit denen die DDR-Spitzel bis zum Mauerfall verdächtige Briefe öffneten – die heute einzig noch verbliebenen Geräte.

Akten belegen: Wiesler-Wandlung nur Erfindung

1,6 Millionen Zuschauer sahen das Kinodebüt von Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck seit März bereits im Kino. Nach dem Bayrischen und dem Deutschen Filmpreis sowie einer Oscar-Nominierung heimste Das Leben der Anderen, mit Ullrich Mühe als Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler, nun die Auszeichnung „Bester Europäischer Film 2006“ ein.

Ob der Film trotz des Erfolges für den Geschichtsunterricht taugt, ist dagegen fraglich: „Es ist ein Märchen“, urteilt Tobias Voigt, ein junger Wissenschaftler vom Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin. Natürlich hätte man sich damals „einen wie den Wiesler“ gewünscht, der sich vom eiskalten, unbestechlichen, humorlosen Oberst der Staatssicherheit wandelt zum guten Menschen, der am Ende sogar denjenigen deckt, den er zuvor wochenlang überwachte. Doch in den Akten, so Voigt, sei so einer den Forschern niemals untergekommen.

„Trotz Fiktion pädagogisch wertvoll“

Portrait_Weiss.gifKonrad Weiß (Foto links), studierter DDR-Regisseur, hält das Werk zwar für „politisch fragwürdig“, trotzdem habe es durchaus seine Berechtigung. Seinem Regie-Kollegen Henckel von Donnersmarck sei es gelungen, „die Atmosphäre sehr gut“ einzufangen, lobt Weiß und gibt zu: „Der Film hat mich berührt.“ Doch würden jetzt viele Zuschauer glauben, „die Stasi war genau so. Das ist das Problem.“ Die Gefährlichkeit der Partei-Ideologie werde nicht gezeigt, bemängelte der Regisseur und Publizist. Der Film mache nicht klar, dass in Wirklichkeit die SED das Sagen gehabt habe und die Stasi nur Handlanger gewesen sei.

Für Katrin Willmann von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ist Das Leben der Anderen trotz aller Fiktion pädagogisch wertvoll. Der Streifen bringe gerade denjenigen Jugendlichen die DDR nahe, die sie nur aus Filmen kennen.

„16 Stasi-Leute in einer Person“

Mit Sonnenallee, Good Bye, Lenin! und NVA bekamen Kinobesucher in Deutschland bisher meist die vermeintlich lustige Seite der DDR auf der Leinwand zu sehen. Als erste deutsche Kinoproduktion beschäftigt sich Das Leben der Anderen ernsthaft mit der systematischen Einschüchterung, Drangsalierung und Unterdrückung der DDR-Bürger durch die Staatssicherheit.

Gastgeber Tobias Hollitzer vom Verein Bürgerkomitee Leipzig sieht das vieldiskutierte Werk deshalb als „Türöffner“. Der Film habe es aus einer Sicht geschafft, „das Nischenthema wieder in der Mitte der Gesellschaft zu verorten“. Der Zuschauerandrang an diesem Abend sei der beste Beweis dafür, sagte er. Seit dem Mauerfall erinnert das Bürgerkomitee jährlich an die friedliche Besetzung der Stasi-Zentrale Leipzig durch die DDR-Bürger am 4. Dezember vor 17 Jahren. Dieser Abend sei der bestbesuchte Gedenktag seit 1989, freute sich Hollitzer. „Schon allein deswegen hat es sich gelohnt“, sagte er augenzwinkernd, „damals die Dampfmaschinen zu Verfügung zu stellen.“

Doch auch der Mann vom Bürgerkomitee übte Kritik am Drehbuch: Bei rund 100.000 Stasi-Mitarbeitern habe es in Wahrheit nicht einen gegeben, der soviel Einfluss hatte wie die erfundene Hauptfigur, meinte er. Im Film leitet der von Ullrich Mühe verkörperte Gerd Wiesler den operativen Vorgang, sitzt selbst an der Abhöranlage auf dem Dachboden des Hauses und tippt Berichte. „Wiesler fasst mindestens 16 Stasi-Funktionäre in einer Person zusammen“, kritisierte Hollitzer.

„MfS-Nuttenservice gab es nicht“

Auch Tobias Voigt sieht „vermeidbare Fehler“ im fertigen Produkt des Regisseurs. Ein gutes Beispiel sei „die Nuttenszene“, so Voigt, in der sich Stasi-Oberst Wiesler eine MfS-Prostituierte in seine armselige Plattenbauwohnung kommen lässt, um sein trostloses Privatleben wenigstens für eine halbe Stunde zu verdrängen. „So einen Nuttenservice gab es nicht“, stellte der FU-Wissenschaftler klar. Der Film wolle schließlich von seinem Anspruch her genau sein. Dann müsse er sich auch daran messen lassen, sagte er.

Die Szene mit der Liebesdame sei lediglich „eine Metapher für die Einsamkeit der Figur Wiesler“, konterte Katrin Willmann. Davon abgesehen könnten die Schüler von heute durchaus unterscheiden zwischen Film-Fiktion und Realität. Ein Gymnasiallehrer im Publikum hingegen warnte, der Film sei aufgrund seiner häufig falschen Details „gefährlich für Jugendliche, die sich sonst nicht mit Geschichte beschäftigen“.

Die rund 400 Zuschauer im früheren Kinosaal der Stasi diskutierten emotionsgeladen mit, rief der Streifen doch beim einen oder anderen Erinnerungen wach an das eigene Leben unter dem sozialistischen Regime. Die heutige Jugend müsse den Film unbedingt sehen, so eine Zuschauerin, die, wie sie sagte, sowohl NS- als auch DDR-Diktatur selbst miterlebte: „Damit sie sich nicht mehr beherrschen lassen von diesen Mächten.“ Sichtlich bewegt äußerte sich auch eine andere Frau im Publikum, laut eigener Aussage Mitte Achtzig: Es sei an der Zeit, endlich all diejenigen zu befragen, die hautnah SED-Diktatur und Stasi-Methoden erleben mussten. Denn, so erinnerte die rüstige Dame die Experten auf dem Podium: „Wir Zeitzeugen werden ein biologisches Ende nehmen.“


Die Bildrechte liegen beim Autor und dem Deutschen Bundestag (Portrait Weiß)


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