Weltmeister der Herzen
Deutschland hat das zweitbeste Ende einer rauschenden Weltmeisterschaft erlebt. Friede, Freude, Fahnen… Von Christoph Rohde
Ausschließlich Gerhard Mayer-Vorfelder, ehemaliger Präses des VfB Stuttgart und profilneurotisch veranlagter Ex-Kultusminister des Schwabenlandes wurde ausgepfiffen. Ansonsten nur “Freude schöner Götterfunke” und Begeisterung rundum.
Als Dritter kann man erster sein… Man muss im Leben nicht alles erreichen und doch alles bekommen – das ist eine Sache innerer Einstellung. Wenn wir Deutschen das mitnehmen von diesen Tagen, dann ist es die beste Moral von der Geschicht”.
Dramaturgie nicht zu überbieten
Oliver Kahn Weltklasse – auf dem Platz und mit dem Mut zum Abschied – zur besten Zeit! Und nach neunzig Minuten einen Großen geschlagen – den Vize-Europameister Portugal in einem erfrischenden Fußballspiel – und das mit allen Ersatzspielern in Aktion. Das ist ein Abschied voller Stil und ohne Macken… Und auch dem alten, schönen Mann Luis Figo, gelang eine Traumflanke zum verdienten Ehrentor der Portugiesen. So ist allen und jedem gedient gewesen. Am Ende ein Feuerwerk und wehende Fahnen – ein Ende nach Maß
Zwei Lichtgestalten
Franz Beckenbauer verkörpert das Deutschland, das elegant ist, organisationsfähig, erfolgreich. Er kann sich Widersprüche leisten. Jeder Politiker möchte neben ihm gesehen werden. Diese WM trägt des Kaisers Handschrift. Eine Leichtigkeit, die uns Deutschen unbekannt war, durchzog dieses Mega-Event, auch wenn es logistisch, sicherheitsstrategisch und kulturpolitisch sehr aufwendig war. Beckenbauers Bilanz fällt sehr positiv aus. Besonders hebt der Kaiser die Fanmeilen und das Public Viewing hervor – ein gesellschaftspolitisch innovatives Modell, dessen Zukunft wohl den Bereich des Fußballs überschreiten wird.
Die andere Lichtgestalt heißt Jürgen Klinsmann. Dem Bundestrainer ist es gelungen, ein Volk hinter einer Sache zu versammeln. Aus schier aussichtsloser Lage zimmerte er eine begeisterungsfähige Mannschaft; uns Nörglern hat er gewaltig das Maul gestopft. Er symbolisiert mehr als schwäbische Akribie. Sein Mut zu innovativer Methode kam gerade rechtzeitig und war erfolgreich, weil viele andere Nationen sich fußballerisch strukturkonservativ verhielten.
Alles für Dieter Kürten
Der Mann des Konsenses, der Harmonie und des Weltfriedens, Dieter Kürten, durfte vom Bundespräsidenten bis zur Bundeskanzlerin alles interviewen, was Rang und Namen hat. Und der harmoniebedürftige Mann mit schwerer Kindheit hat seine Ideale erfüllt gefunden – wenigstens diese vier Wochen lang. Es gab keine Ausschreitungen, kaum Gewalt und keine spektakulären fremdenfeindlichen Vorfälle. Die Deutschen wurden als gute Gastgeber empfunden – nicht nur weil sie, wie erwartet, alles effizient organisierten, sondern weil sie freundlich waren, weil sie auf den Straßen lachten und manchmal südländisches Temperament rausließen. Der “Ziehvater des Flauschimoderators” Michael Steinbrecher hat eine Welt gesehen, die immer besser wurde – hoffentlich hat er sich nicht getäuscht.
Schwarz-Rot-Geil und anderen Niveaulosigkeiten
Die Unterhaltungsindustrie allerdings konnte das Niveau der WM nicht erreichen. Niveaulosigkeiten wie Schwarz-Rot-Geil der Bild (welches sie schnell wieder aus dem Netz entfernten), die ZDF-Comedy Nachgetreten und auch einige ARD-Souffleure. Mit Ausnahme von Netzer und Delling, fiel wenig Originelles ein, um die Zwischenspiel-Berichterstattung zu beleben. Die Bild-Zeitung kam nicht mehr an die “Haudi Saudis”-Originalität von 2002 heran. Denn das Arriverderci Pizza, der beste Spruch der Weltmeisterschaft des Springer-Hauses, konnte nicht verwirklicht werden.
Alte Stereotype aufgewärmt
England kam wieder als selbst ernannter Favorit, trat sich aber durch Wayne Rooney wieder mal selber raus. Man traf das Tor aus elf Metern nur sehr selten. Es ist Tradition, dass die Briten den Ball aus kurzer Distanz nicht in das 2,44 Meter hohe und 7,32 Meter hohe Rechteck hinein bekommen. Mehr als den melodramatisch vomitierenden David Beckham bekam man dann von den Insulanern nicht zu sehen.
Die Holländer spielten gegen Portugal den unfairsten Fußball des Turniers. Die sehr begabten Spieler können aufgrund charakterlicher Mängel ihr Talent nicht in teamfähigen und erfolgreichen Fußball umsetzen. Deshalb mussten wir sie nicht stoppen, sie stoppten sich wie so oft selber.
Die Macht der EU
Wenigstens im Fußball hat die EU bei dieser WM ihre Durchschlagskraft bewiesen. Es war die Quadrupel-Allianz aus Portugal, Deutschland, Italien und Frankreich, die den Rest der Welt das Fürchten lehrte. Insgesamt aber hat Deutschland sich während der WM selbst damit gedient, dass es anderen diente. Geben ist seliger als Nehmen, das hat man während diesen Wochen wunderbar gemerkt. Hoffen wir auf eine Wiederholung bei der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz.
Die Bildrechte sind Public Domain.
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