Weißrussland: Bleibt alles anders?

Wahlen in Weißrussland: Despot Lukaschenko ließ fälschen, gewann, hätte aber ebenso freie Wahlen gewonnen. Verstehen kann das im demokratischen Europa kaum jemand. Das Land ist voller Gegensätze und entzieht sich unseren Deutungsmustern. Es ist erschreckend und faszinierend. Ein Erfahrungsbericht von Hagen Pietzcker.
Belarus, das Land, das in Deutschland fälschlicherweise als Weißrussland bezeichnet wird, hat einen Präsidenten gewählt. Der Wahlsieger heißt wieder Alexander R. Lukaschenko. So sehr aber internationale Wahlbeobachter über Manipulationen klagen, herrscht doch Einigkeit darüber, dass der Präsident auch ohne diesen Betrug mit großer Mehrheit wiedergewählt worden wäre. Doch woher diese merkwürdige Duldung durch die Bevölkerung, diese stillschweigende Zustimmung zu diesem Despoten, den viele als den letzten Diktator Europas bezeichnen?
Ich habe vor einiger Zeit als Mitglied der NGO HumanAct e.V. mehrere Hilfskonvois nach Minsk organisiert und geleitet. Viele unserer Erlebnisse waren absurd, manchmal geradezu komisch, immer aber auch tragisch. Es erklärt nichts, aber mag etwas zeigen. Daher hier ein paar Beispiele:
Die Intellektuelle
In Minsk, einer furchtbar grauen Stadt, trafen wir eine junge Kinderärztin, die in einem städtischen Krankenhaus arbeitete – hochgebildet und informiert. Wir fragten nach der politischen Situation und wie die Menschen damit umgingen, mit Armut, Willkür, Tristesse. Sie klagte über die Passivität der Menschen, über ihr Desinteresse und dass ja alles besser sein könnte, wenn man sich nur engagierte. Als wir sie fragten, was sie neben ihrem Beruf denn noch so täte, zeigte sie uns begeistert anderthalb Stunden lang ihre Sammlung von Fotografien orthodoxer Kirchen in Belarus. Dann war sie müde und ging ins Bett.
Einfache Leute
Zu Besuch bei einer Familie: Sie waren arm, aber es wurde aufgetischt wie in Russland: Man musste essen, man musste trinken, in rauhen Mengen, dazu jede Menge Trinksprüche. Woher diese Leute die einfachen, aber reichlichen Speisen und Getränke hatten, war uns unerklärlich. Es musste sie mindestens ein Monatsgehalt gekostet haben. Traurigkeit, Bedrückung? Keine Spur! Diese Menschen mochten ihr Leben. In dieser grauen Betonwüste. Ohne Fragen zur Politik läßt es sich besser feiern.
Polizei
Das Minsker Stadtbild ist nicht so Polizeigeprägt, wie man sich das in Westeuropa vorstellt. Probleme mit den Sicherheitsbehörden zu bekommen ist aber alles andere als angenehm. Parkt man beispielsweise den Konvoi am Straßenrand und den Führungs-Geländewagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite, um den Wachen einen besseren Überblick über die geparkten Fahrzeuge zu ermöglichen, kann man sich schnell von einer ganzen Kolonne von Polizeifahrzeugen umringt wiederfinden. Wenn dann der Rest des Teams sofort abgedrängt wird, während man selber als Konvoileiter auf den Rücksitz eines Polizeijeeps geschubst wird, wo bereits ein ganz unangenehm aussehender und offensichtlich hochrangiger Offizier sitzt, dann wird einem mulmig. Wegen Falschparkens. Wie soll man schon einem solchem, demonstrativ desinteressierten und junge Westeuropäer verachtenden Vertreter der Staatsgewalt mit Händen und Füßen erklären, was man da gerade tut, während die eigene Dolmetscherin von Polizisten festgehalten wird? Glücklicherweise war die Obrigkeit bald so entnervt, dass ich nach einer Stunde, ziemlich verschwitzt, wieder gehen durfte.
Ganz anderes erlebt, wer von einer Zollbehörde innerhalb von 30 Minuten zu einer Weiteren am anderen Ende der Stadt muss. Minsk ist eine Großstadt mit 1,7 Millionen Einwohnern, der Berufsverkehr entsprechend dicht. Also setzt man ein Blaulicht auf das Dach des Geländewagens, gibt Gas und hofft auf das Beste. Zugegeben, es ist atemberaubend, mit fast 90 km/h durch die Innenstadt von Minsk zu rasen und zu sehen, wie sich der Verkehr vor einem teilt – nur wegen eines Blinklichts.
Als mich schließlich mitten in einem Kreisverkehr meine belarussische Beifahrerin am Ärmel zupfte, bemerkte auch ich dann den kleinen Polizei-Lada, der verzweifelt und erfolglos versuchte, uns zu überholen und zu stoppen. Also anhalten, denn fliehen wäre doch zu riskant. Die laute Tirade des Polizisten richtete sich aber nicht etwa gegen die Verletzung so ziemlich aller Verkehrsregeln, sondern gegen die Benutzung des Blaulichts! Schnell vom Dach entfernt, und wir durften weiterrasen. Nicht etwa die Übertretung von Gesetzen, sondern die Autorität der Staatsmacht und vor allem ihrer Symbole ist eben das einzig Entscheidende in dieser surrealen Stadt.
Das Kinderheim
Eines unserer betreuten Projekte war ein Heim für behinderte Kinder. In diesem Land rechnet man mit einem düsteren, tristen Verwahrlager. Wir kamen an einen bunten, fröhlichen und liebevoll betreuten Ort. Die Ausstattung war gut, es gab jede Menge Spielsachen, die Betreuerinnen waren engagiert, phantasievoll und in ihrer Arbeitsweise äußerst modern. Wir waren immer verwirrter ob dieser Gegensätze und Ungereimtheiten, die einem hier begegneten. Polizeimethoden wie in Südamerika, aber Versorgung von behinderten Kindern; Korruption und sowjetische Zustände in den Zollstationen, aber den Playboy am Kiosk – unzensiert, nicht so brav wie in Deutschland. Es passte einfach nichts zusammen.
Tschernobyl
Der tiefste Eindruck stammt aus einem Kinderkrankenhaus. Wir wurden von sehr freundlichen Schwestern und einer jungen Ärztin durch die Klinik geführt, und man gab uns freimütig Auskunft auf Fragen nach der Versorgungslage, der manchmal etwas mangelhaften Verfügbarkeit von Medikamenten und der Bevorzugung zahlungskräftiger Patienten. Nur eine Frage wurde stets zurückgewiesen: die nach den Folgen der Katastrophe von Tschernobyl, die auch große Teile von Belarus mit ganzer, furchtbarer Wucht getroffen hatten. "Nein, das sehen wir hier nicht" lautete die stereotype Antwort.
In einem kurzen, unbemerkten Augenblick gelang es einem Freund und mir, uns von der Gruppe abzusetzen und in einen Trakt des Krankenhauses zu schleichen, an dem wir vorher vorbeigelotst worden waren. Und da fanden wir sie dann, Neugeborene mit offenen Rücken, mit Köpfen so groß wie Fußbällen und größer. Babys, die nicht aussahen wie Menschen. Kreaturen wie aus einem schlechten Horrorfilm. Kleine Wesen, kaum geboren, denen man nur noch wünschte, dass es schnell ging. Sie wurden gut gepflegt, aber versteckt. Wehe, man sprach davon.
Bleibt alles ganz anders…
Belarus ist ein Land voller Gegensätze – kein totalitärer Staat. Die Menschen genießen Freiheiten, solange sie sich nicht in politischen Dingen oppositionell betätigen. Der Alltag entzieht sich unseren westlich geprägten Vorstellungen von Staat, Gemeinwesen, Wohlleben. Man konnte damals in Litauen oder Russland viel schlimmere Auswüchse von Armut und Brutalität, von Menschenverachtung und Hoffnungslosigkeit erleben. Aber auch tiefer sitzende Gefühle von Unterlegenheit gegenüber dem Westen oder der eigenen Obrigkeit. Die Menschen in Belarus haben vielleicht keine politische Freiheit wie wir sie kennen. Dass sie diese aber auch gar nicht so sehr vermissen, wird uns unverständlich bleiben.
Ein Ghetto, ein Armenhaus ist Belarus nicht. Es gibt himmelschreiende Missstände, aber sie treffen nicht unbedingt die Armen zuerst. Es mag zynisch klingen, aber in seinem Zustand ist das Land nicht so ungerecht.
Kann das Lukaschenko und seine Popularität erklären? Sicherlich zu einem Teil. Er ist nicht Saddam Hussein, der Kriege anfing und Zigtausende der eigenen Bevölkerung hinrichten ließ, auch kein Kim Jong Il, der sich die Bombe besorgte, um die Welt erpressen zu können, wenn es denn nötig werden sollte. Er ist ein brutaler, aber kein totalitärer, mit Machtinstinkt und Gefühl für die Bedürfnisse der Bevölkerung agierender Despot. Die Menschen, über die er herrscht, braucht er nicht zu fürchten. Irgendwie sind sie sich ähnlich in ihren Widersprüchen.
Die Bildrechte für die Fotografie Lukaschenkos liegen beim Kreml. Das Bild darf für alle Zwecke verwendet werden, wenn die Quelle angegeben wird: http://kremlin.ru/mainpage.shtml.
Die Fahne von Belorus ist frei.
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