Was unterscheidet Große und Kleine?

24. Okt 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

Muenkler_klein.jpgHerfried Münklers neues Buch legt die Handlungslogiken der Davids und der Goliaths dieser Welt detailliert und gekonnt dar. Von Tobias Heinrich

Die Kleinen wollen die Großen ärgern und vereinzelt reüssieren sie dabei. In der Bibel musste David Goliath nur gut treffen um zu siegen, aber eine tiefere Handlungslogik war nicht am Werke. Anders ist der Fall bei den heutigen Versionen der beiden Gegenspieler: Mächtige Staaten gegen kaputte Staaten, Terroristen gegen den Staat und Demokratien eben nicht gegeneinander. Hinter der Fassade der Nachrichten zu Suizidanschlägen, humanitären Interventionen oder Abstimmungen im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen liegen Logiken. Alles ist viel vertrackter und verworrener, als man glauben mag. Glauben? Herfried Münkler weiß und liefert die Antworten. Der Wandel des Krieges ist die Sammlung eben dieser.

He’s a one-man-gang – or a think tank

Es vergeht kein Jahr, ohne dass eine neue Schrift von Münkler auf den Markt kommt. Der Politikwissenschaftler der Berliner Humboldt Universität hat sich in den letzten Jahren in die Topriege der deutschen Denker der Internationalen Politik geschrieben. Die ZEIT nannte ihn einen “Ein-Mann-Think Tank” und hatte damit recht: Gekonnt und behände argumentiert Münkler durch griechische, römische, chinesische, russische oder amerikanische Geschichte hindurch, hat jeden Text eines jeden polit-philosophischen Denkers gelesen und kennt sich im Detail mit Militärtheorie aus. Das mag nun überschwänglich klingen, ist aber im Prinzip ernst zunehmen.

Der Band stellt die Zusammenfassung (negativ formuliert: das etwas angereicherte, gering-symbiotische Wiederholen) seiner letzten Bücher dar. 2002 publizierte Münkler die Neuen Kriege, die Logik deren sich durch den kompletten aktuellen Band zieht. Ein Jahr später folgte die Reflexionsgeschichte Über den Krieg; längere Passagen zu von Clausewitz oder Fichte finden sich wieder. 2005 legte er die Logik von Herrschaft, genauer von Imperien, dar. Im Grunde ist Der Wandel des Krieges das Amalgam der Bücher seit dem “11. September”. Es ist natürlich des potentiellen Lesers Entscheidung, ob die eher marginalen neuen Erkenntnisse den Preis von 34 Euro rechtfertigen.

Gleich und Ungleich gesellt sich ungleich

Portrait_Muenkler.jpgMünklers (Bild links) Lieblingsthema sind die idealtypischen Pole von Symmetrie und Asymmetrie. Sie tauchen überall auf in der heutigen Welt. Die Vereinigten Staaten (und die NATO) intervenierten asymmetrisch im wesentlich schwächeren Kosovo 1999, beschweren sich aber, wenn sich die Davids dieser Welt (Jihadisten beispielsweise) selbst dieser Logik bedienen. Der “11. September” ist das beeindruckenste Schaustück zur Asymmetrie: 19 Männer mit etwas Flugtraining und Paketmessern legten ein Land mit einem damals 320 Milliarden umfassenden Verteidigungshaushalt für Tage lahm. Implizite Unterstützung fanden die Täter durch die Medien, welche global als Multiplikatoren der Anschläge dienten. Mit der Infrastruktur der Symmetrischen vollziehen die Asymmetrischen jiu jitsu.

Wie reagierten die USA? In Afghanistan und dann im Irak attackierten sie mit Mitteln der symmetrischen Kriegsführung gegen die Davids. Das Militär war und ist immer noch darauf ausgerichtet, einen klar definierten, mit eigenem Territorium ausgestatteten Gegner zu bekämpfen. Doch die Davids verschwanden, verteilten sich unter der Bevölkerung. Mit dem klobigen Instrumentarium des Militärs werden bei der Jagd unvermeidlich Zivilisten getötet.

Genau diese Ereignisse sägen an dem sprichwörtlichen Ast des kriegführenden Staates, auf dem dieser sitzt: Sterben offenbar Unschuldige, so finden die Gejagten Unterstützung durch Zivilisten, die sich dann ebenso gegen den amoralisch-interventionierenden Staat richten. Zuhause kommt die Regierung unter Feuer: bei Verlusten eigener Leute wird dann die Frage aufgeworfen, ob sich denn das Unterfangen noch lohne oder überhaupt das Richtige sei. Je länger das Engagement dauert, desto mehr untergraben beide Tendenzen Goliath und desto besser wird die Situation für die Davids.

Klasse glänzt, aber zu viel Glanz blendet

Die Darstellungen Münklers sind luzide, direkt und umfassend. In weiteren Kapiteln finden sich Abhandlungen zu Napoleonischen Schlachten aus der Sicht des Militärtheoretikers Carl von Clausewitz. Eine Historiographie über das Denken zur möglichen Abschaffung von Kriegen gibt es ebenso. Die Wichtigkeit der Fähigkeit, Geschehnisse zu verlangsamen oder zu beschleunigen, wird dargestellt. Ebenso macht sich der Autor Gedanken über die Wehrpflicht oder die postheroischen Gesellschaften. Jedes Mal bohrt Münkler tief unter die Oberfläche des Gegenstandes und liefert Einsichten, die sofort plausibel erscheinen. Vermutlich ist dies der wahre Ausdruck von Größe eines Denkers: die Eröffnung des Gesamtbildes, welches dem Leser sofort einleuchtet, das man aber nie so verstanden hatte, obwohl alle Teilstücke stets sichtbar waren.

Die Kritik am Wandel des Krieges liegt nicht in der Substanz des Geschriebenen, sondern eher in ihrer Redundanz. Jedes Kapitel fängt beim Konzeptionellen nochmals bei rund 20 Prozent an, wobei im vorangegangenen schon die 100 Prozent erklärt wurden. So legt beispielsweise das erste Kapitel die Entstehung des klassischen Staatenkrieges dar. Im darauf folgenden Abschnitt über die asymmetrischen Kriege, entwickelt Münkler die Logik des gleichen Themas nochmals von neuem, um dann schließlich die jeweiligen Aspekte des asymmetrischen Krieges zu kontrastieren. Ähnlich finden sich zahlreiche, sich wiederholende Ausführungen zu Clausewitz’ Theorien, der Natur von Asymmetrie oder welche Bedeutung die Geschwindigkeit in den Themenkomplexen spielt. Sicherlich, jedes Kapitel wurde zuvor bereits in irgendeiner Weise publiziert, aber strikteres Redigieren im Manuskript würde dem Leser einiges an Augenrollen ersparen.

Herfried Münkler,

Der Wandel des Krieges. Von der Symmetrie zur Asymmetrie,

(2006), Velbrück Wissenschaft Verlag, Weilerswist,

398 S., ISBN: 9-783938-8080992, 34,00 Euro.


Die Bildrechte liegen beim Verlag (Cover) und der HU Berlin (Portrait). Der Verlag im Internet


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