Von “Niggern” und “Opfern”

26. Mrz 2006 | von Samuel Müller | Kategorie: Wissenschaft


Lisa-und-Michael_web.jpgWer sich knallhart, den neuen Film von Detlef Buck anschaut, bekommt die volle Ladung sozialen Missstands ab – direkt mit der Baseball-Keule ins Gesicht. Die Gewalt scheint einige nicht mehr zu schocken: “Ist doch ein ganz netter Berliner Kiez-Film”, so der Kommentar eines Kinobesuchers. Ja, extreme Gewaltdarstellungen mögen wir kennen, doch was hellhörig machen sollte, ist die Sprache. Von Samuel Müller

“Ein ganz netter Berliner Kiez-Film” ist Bucks Produktion wohl kaum. Knallhart suggeriert eine gewalttätige und trostlose Realität, der sich der fünfzehnjährige Michael ausgeliefert sieht. Ob der Film eine gelungene Milieustudie geworden ist, sei dahingestellt. Auffällig ist jedoch der Milieu-Slang, die “Kanack-Sprak” beziehunsgweise der Soziolekt. Dabei betiteln sich die jungen Protagonisten mit dem erniedrigenden Begriff “Opfer”. Doch warum eigentlich? Und Opfer wessen? Ähnlich könnte man fragen, warum sich Schwarze innerhalb der Gang- und Bandenkultur der US-Großstädte mit “Nigger” ansprechen. Ein scheinbar demütigender Slang, der sich für Außenstehende in Filmen oder der MTV-Hip-Hop-Kultur widerspiegelt.

Sprache ist Macht

Solche Phänomene entwickeln sich nicht aus Unwissenheit. Michael, dem Neuen in der Hauptschulklasse, wird schnell klar, dass er der Verlierer ist: Von den Mitschülern wird er gedemütigt, erpresst und geschlagen, von seiner Mutter vernachlässigt, einen Vater gibt es nicht. Er weiß, dass er sich von nun an am unteren Rand der Gesellschaft befindet. Und er weiß auch, was ein Opfer ist: derjenige, der erleiden muss, sich nicht wehren kann, der keine Chance hat.

Michael, so stellt es der Film dar, gehört jetzt zur Kategorie “Unterschicht” und seine Mutter zu den “Sozialversagern”. Anhand dieser Kategorisierungen wird die Macht der core culture deutlich. Hier ist von der dominanten beziehungsweise gesellschaftlich maßgeblichen Kultur die Rede, an der sich die anderen messen lassen müssen – die “Leitkultur”. In den USA ist sie durch die WASP geprägt, die White-Anglo-Saxon-Americans, in Deutschland spricht man von der Mittelschicht – also dem Durchschnittsbürger mit mittlerem bis höherem Einkommen.

gangster_web.jpgDie core culture prägt dabei nicht nur gesellschaftliche Normen, sie prägt auch den öffentlichen Diskurs und somit die Sprache. Die Kategorien, die sich so herausbilden, pauschalisieren das, was man nicht sein will oder nicht haben will: Arbeitslose und Ausländer oder Unterschichtenfernsehen und Fastfood. Unter der Kategorie Ausländer können sich dann schnell die Bezeichnungen Türke, Moslem und Terrorist oder Krimineller sammeln. Die Kategorie Hauptschüler impliziert leicht die Merkmale “potentiell arbeitslos” oder “Versager”, vielleicht auch “Opfer”.

Sprache ist Identifikation

Diese Form der schleichenden Diskriminierung bleibt dabei nicht folgenlos. Begriffe wie “Opfer” oder “Nigger” gehen in die Sprachkultur der betroffenen Gruppen über. “Opfer” oder “Nigger” beginnen sich mit den Bezeichnungen zu identifizieren. Die Soziologin Rosemarie Sackmann  geht davon aus, dass sich in der Übernahme kategorialer Zuschreibungen Diskriminierungs- oder Stigmatisierungserfahrungen ausdrücken können.

Entlang dieser Erfahrungen entwickelt sich eine kollektive Identität. Es entstehen Gruppen, deren Mitglieder dieselben Erfahrungen machen mussten, die sich dann auch in der gemeinsamen  Sprache manifestieren. Als Reaktion auf Kategorisierungen können laut Sackmann Gruppenbildungsprozesse stattfinden.

Sprache ist Reaktion

Doch in so entstandenen Gruppen bleiben die Begriffe inhaltlich nicht dieselben. Sie erfahren einen Bedeutungswandel. Die Gruppenmitglieder reagieren auf den gesellschaftlichen Ausschluss indem sie die Bezeichnungen umfunktionieren und somit entmachten. Die Gruppe grenzt sich aktiv von der Mehrheitsgesellschaft ab.

Topfschlagen_web.jpgDiese Entwicklung wird gerade in der Gangkultur der US-amerikanischen Schwarzen deutlich. Sie identifizieren sich mit der Bezeichnung “Nigger” und verbinden damit bestimmte Einstellungen. Während “Opfer” in Bucks Film noch negativ konnotiert ist, verbirgt sich hinter dem Begriff “Nigger” ein selbstbewusstes Lebensgefühl, das in Opposition zur core culture steht.

Innerhalb der Gruppen entwickeln sich eigene Regeln und Ehrenkodizes. Die vormals erniedrigenden Begriffe drücken nun die besondere Qualität der Beziehungen zwischen den Gruppenmitgliedern aus. Statt zu degradieren, werden sie zu exklusiven Titeln.

Hinhören

Michael-und-Hamal_web.jpgMichael aus Bucks knallhart weiß, dass er kaum eine Chance hat, seiner Lebenswelt bzw. seinem Umfeld zu entkommen. So ist es soziale Intelligenz, dass er sich mit den Strukturen identifiziert, die ihm von der Mafia vorgegeben werden und die ihm zu Prestige und Einkommen verhelfen – so will es zumindest der Film. Hamal, skrupelloser Drogenboss und zugleich Vaterfigur für Michael, nutzt ihn für sein Drogengeschäft. Der Film schafft hier eine Welt, die sich abseits von Rechtsstaatlichkeit und Chancengleichheit, mit ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten von der core culture losgesagt hat.

Die Sprache lässt dabei die tiefen Gräben zwischen den sozialen Schichten sichtbar werden. “Opfer” und “Nigger” trotzen Stigmatisierung und Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft und deren Sprachmodi. Es lohnt sich daher aufmerksam hinzuhören, wo im gesellschaftlich-politischen Diskurs kategorisiert oder pauschalisiert wird. Auch wenn political correctness allein wohl kaum alle Probleme löst, ist Sprache mehr als nur Beiwerk. Sprache ist Macht, beinhaltet identifikative Funktionen und ist somit ein Indikator für gesellschaftliche Zustände.

 


Knallhart

Regie: Detlev Buck

mit David Kroß, Jenny Elvers-Elbertzhagen, Erhan Emre, Inan� Oktay Özdemir, Kida Khodr Ramadan, Arnel Taci, Kai Michael Müller, Hans Löw, Jan Henrik Stahlberg u.a.

Produktion: Boje Buck Produktion

Deutschland 2006, 98 Min., 35mm, 1:1,85, Dolby SRD

freigegeben ab 12 Jahren

Im Kino seit: 09. März 2006


Die Bildrechte liegen bei Delphi Filmverleih GmbH und bei PixelQuelle


Optionen: »Von “Niggern” und “Opfern”« bewertenArtikel drucken | Artikel per E-Mail versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Kommentar hinterlassen

Twitter Nutzer - Mit deinem Twitteraccount bei /e-politik.de/ anmelden: