Volatilität, Hass und Imperien

31. Okt 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch


Cover_Ferguson.jpgDer Krieg der Welt klingt nach H.G. Wells, ist aber von Niall Ferguson. Die Angreifer sind aber Erdenmenschen und nicht vom Mars. Und nicht die Erde geht unter, sondern nur der Westen. von Tobias Heinrich

Das 20. Jahrhundert war das blutigste der Menschheitsgeschichte und gleichzeitig der Gipfel der westlichen Zivilisation. Die Siege der „guten“ westlichen Staaten über Nationalismus, Kommunismus und Faschismus und die spektakuläre Wiedererlangung von Wohlstand nach dem 2. Weltkrieg verleiten zu glauben, der Westen habe das 20. Jahrhundert gewonnen. Dem ist nicht so, wie der Harvard-Historiker Niall Ferguson gewohnt konträr argumentiert. Der Krieg der Welt war eher der Krieg des Westens, der dessen Untergang einläutete.

Reicht eine Erklärung nicht, dann müssen es mehr sein

Was machte das 20. Jahrhundert so brutal? Die tradierten Erklärungen reichten jeweils nicht aus, so Ferguson. Ethnien-/Rassenhass, wirtschaftliche Schocks und der Niedergang von Imperien schaffen es jeweils alleine nicht, die im 2. Weltkrieg kulminierende Gewalt zu erklären. Ferguson argumentiert, dass die drei einzeln jedoch notwendige Bedingungen darstellten und in der Summe dann hinreichend werden. Als die Elemente der drei tradierten Erklärungsmuster zusammenfanden, musste es zu jenem großen, vernichtenden Krieg kommen.

Die erste Standarderklärung ist der Hass zwischen den Ethnien. Sie greift aber zu kurz: Obwohl die Ideologien, die unter dem Titel der „Rassenlehre“ firmierten, schon zur Mitte des 19. Jahrhunderts voll ausgereift waren, brach der 2. Weltkrieg erst 1939 aus. Zudem war Europa ethnisch sehr gemischt. Es kam zum Zerbrechen von vorher scheinbar weit vorangeschrittenen und erfolgreichen Assimilationsprozessen. Diese Erklärung kann nicht die brutale Kulmination zu genauer jener Zeit darlegen.

Der zweite Ansatz: Wirtschaftliche Schwankungen. Keiner verliert gerne Hab, Gut oder Privilegien. Die Zeit zwischen 1919 und 1939 hatte teils doppelt so große ökonomische Schwankungen wie das jeweils das vorangegangene und darauffolgende Doppeljahrzehnt. Diese Unruhen erzeugten und trieben dann die soziale und ethnische Polarisierung. Hiermit könnte man den Zeitpunkt darlegen, aber nicht, warum es zu Gewalt kam und nicht nur zu Protesten. Es fehlte eine dämmende Kraft, die die Gesellschaft von außen zusammenhielt.

Der dritte Ansatz: Niedergang und Zerfall der Imperien. Während des 19. Jahrhunderts war das Imperium die meistverbreitete Herrschaftsform. Diese Klammer hielt die Zentrifugalkräfte der Ethnien zusammen. Mit dem Niedergang der Ordnungsform konnten ökonomische Schocks nicht mehr absorbiert werden. In Zeiten wirtschaftlicher Probleme klammert sich jeder an den Status quo und im Sinne des rent-seeking hat der dominierende Teil der Bevölkerung einen Anreiz, sich der Instrumente des Staates zu bedienen, um sich und den eigenen Besitz zu schützen. Somit versuchten Gruppen, oftmals mit den Ethnien als Bruchlinien, Vorteile des Staates zu appropriieren, während Kosten sozialisiert wurden.

Es kam letztendlich zu ökonomischen Schwankungen, die zu statuswahrender Politik der führenden Gruppe von Leuten auf Kosten von Minderheiten führte. Da die Imperien zu jener Zeit zerbrachen, gab es höchstens unzulängliche disziplinierende Kräfte.

Soweit so gut. Problematisch wird Fergusons Argument, wenn der zentrale Strang darin nicht auf das Herzstück seines Buches passt. Der Krieg zwischen Nazi-Deutschland und Großbritannien und Frankreich verlief eben nicht entlang ethnischer Linien, war aber dennoch zweifelsohne sehr gewalttätig. Deutschen und Franzosen dehumanisierten sich nicht, während Deutsche das in Bezug auf Juden zweifelsohne taten.

Des Weiteren argumentiert Ferguson, dass die hohe Bevölkerungsdichte des Deutschen Reichs, welche sich nicht in einem Kolonialgebiet verteilen konnte wie es bei den Briten der Fall war, zu einem expansiven, nach „Lebensraum“ strebendem Krieg führte. Wie lässt sich dies mit ökonomischer Volatilität, Ethnienhass und Zerfall von Imperien erklären? Schwierig, zumal Ferguson das 12jährige „Tausendjährige Reich“ als entstehendes, nicht als zerfallendes Imperium darstellt.

Ferguson ist der History Boy

 

Portrait_Ferguson.jpgDas bisherige Schaffen von Ferguson stellt als Amalgam den Rahmen für das zentrale Sujet des Buches dar. Die Geschichte des 1. Weltkriegs, das Zusammenspiel von Finanzen, Politik und Kriegen und die Imperien Großbritanniens und der Vereinigten Staaten wurden vorher schon von Ferguson voluminös behandelt, erhalten aber mit Krieg der Welt einen neuen Lokus, nämlich den 2. Weltkrieg.

Der elaborierte Rahmen gibt dem neuen Werk etwas weiteres, neues und tieferes hinzu: nur wenn man die Dominanz des Westens des 19. Jahrhunderts genau in ihrer Größe einschätze, verstehe man, wie der Krieg der Welt im 20. Jahrhundert das Zucken vor dem Ende der abendländischen Glorie darstellt. Was oftmals als die Dominanz des Westens im 20. Jahrhundert gesehen wurde, ist eher eine schon geschwächte Variante des 19. Jahrhunderts.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts besiegt mit Japan erstmals eine asiatische Macht den (teils) europäischen Staat Russland. Vier Jahrzehnte später waren britische Soldaten nicht mal mehr bereit, ihr Ganzes zu geben und flüchteten in der Schlacht von Singapur vor den Japanern. Ist dies das Zeichen von Größe, fragt Ferguson, um auf vielen Hundert Seiten die Negation als Antwort zu geben.

Niall Ferguson, Krieg der Welt. Was ging schief im 20. Jahrhundert?

(2006), Berlin Propyläen Verlag,

987 S., ISBN: 3549072147, 29,90 Euro.

 


 

Die Bildrechte liegen beim Propyläen Verlag. Der Verlag im Internet

 



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