Vergessener Krieg

29. Aug 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Steininger.gifDer Korea-Krieg formte als zentrales Ereignis die Struktur des Kalten Krieges zu Beginn der fünfziger Jahre und für vier lange Jahrzehnte. Rolf Steininger hat jetzt die erste deutschsprachige Monographie zu diesem Konflikt vorgelegt. Von Christoph Rohde

Der Korea-Krieg war ein großer und opferreicher Krieg. Er begann im Morgengrauen des 25. Juni 1950. Nordkoreanische Truppen fielen im Süden Koreas ein, um das Land gewaltsam im kommunistischen Sinne wiederzuvereinigen. Der Konflikt dauerte drei Jahre und verlief in dramatischer Weise. Das Kriegsgeschehen, in dem erstmals amerikanische und chinesische Truppen direkt aufeinander trafen, oszillierte um den 38. Breitengrad herum und festigte eine Grenzlinie, die bis heute ihre tragische und gefährliche Gültigkeit behalten hat.

Das Drama Koreas in der Geschichte

Rolf Steininger, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck und bekannter Fernsehautor, schildert nur kurz die dramatische Geschichte Koreas als Opfer imperialistischer Mächte über zwei Jahrtausende. Vor allem Russland und Japan beanspruchten die Herrschaft über die Halbinsel, während China meist friedliche Tributbeziehungen zu Korea unterhielt. Es bleibt leider unverständlich, warum Steininger nicht auf das viel beachtete Werk Gottfried-Karl Kindermanns Der Aufstieg Koreas in der Weltpolitik verweist. Denn nur unter sorgfältiger Beachtung der langen Entwicklungsgeschichte des Landes werden die Hintergründe der Teilung des Landes verständlich. Steininger konzentriert sich dagegen auf die Behandlung Koreas durch die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs.

Nachkriegskolonialismus

Nach dem Moskauer Abkommen vom 27. Dezember 1945 sollte eine sowjetisch-amerikanische Kommission die Bildung einer provisorischen Regierung überwachen. Doch ähnlich wie im Alliierten Kontrollrat über Deutschland wurden auch in Korea die unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Vorstellungen der beiden Akteure schnell manifest.


Portrait_Steininger.jpgSteininger (Bild links) stellt gut heraus, dass die Entscheidung über die Zukunft Südkoreas von den politischen Entscheidungsträgern der USA auf die Militärs übertragen wurde. Dies führte zu einer absurden Situation. General Douglas MacArthur sollte sich um die Entwicklung in Korea kümmern. Er sah, dem damaligen amerikanischen Zeitgeist folgend, die Koreaner nicht als zur Selbstbestimmung fähiges Volk an. Mit dieser Halbherzigkeit betrachteten die Vereinigten Staaten Korea als Land "of little strategic interest."

Keine strategische Bedeutung

Während die Sowjetunion die am 9. September 1948 unter Kim Il-Sung gegründete Demokratische Volksrepublik Korea militärisch und logistisch unterstützte, wollten die USA die frei gewählte Regierung Südkoreas von Syngman Rhee ihrem Schicksal überlassen. Laut Außenminister Dean Acheson gehörten Korea nicht in den Verteidigungsperimeter der USA. Dies ließ er noch im Juni 1950 verlauten. Kim Il Sung musste diese Tatsache fast als Einladung für einen Angriff auf Südkorea bewerten, so Steininger.

Wer ist der politisch Hauptverantwortliche für den Überfall der Nordkoreaner auf Südkorea? In dieser Frage gibt es eine relativ klare Antwort, meint der Autor. Denn Kim Il Sung drängte seit August 1949 auf eine Unterstützung Josef Stalins für den nordkoreanischen Angriffs auf Südkorea. Das Buch zeichnet den Verhandlungsprozess zwischen dem nordkoreanischen Diktator und Stalin sehr anschaulich nach. Erst zu Beginn des Jahres änderte Uncle Joe seine Haltung, wohl ermutigt durch die Machtübernahme der Kommunisten in China im Oktober 1949.

Steininger vertritt die These, dass Stalin Nordkoreas Anliegen dann nicht unterstützt hätte, wenn er von der amerikanischen Sicherheitsdoktrin NSC-68 gewusst hätte. Diese enthält die berühmte Rechtfertigung der US-Eindämmungspolitik.

Der Verlauf des Krieges

Dass die USA doch in den Krieg eingriffen, weil sie einen Präzedenzfall kommunistischer Siege im Sinne des Domino-Theorems verhindern wollten, ist kein Geheimnis. Anschaulich wird im Buch jedoch gezeigt, wie schnell die Nordkoreaner den Süden überrollten und mit welcher strategischen Genialität es MacArthur durch die Invasion Chromite bei Inchon gelang, in dem aussichtslos scheinenden Krieg eine vorübergehende Wende zu erreichen. Steininger porträtiert den sturköpfigen Charakter MacArthurs, dem von der Politik während des Krieges freie Hand gegeben wurde, weiter nach Norden vorzudringen. Die Drohungen Chinas, in den Krieg einzugreifen, wurde von dem Fünf-Sterne-General nicht ernst genommen. Die Tatsache, dass die unter UN-Mandat operierenden US-Truppen bis zum Jalu-Fluss vordrangen, provozierte das Eingreifen der Chinesen, die die US- und UN-Kräfte wieder in den Süden zurückdrängten.

Die Chinesen bedienten sich dabei einer geschickten Guerilla-Taktik, indem sie ihre 250.000 Mann starke Armee verdeckt und blitzartig in Einsatz brachten. Der US-Geheimdienst versagte in diesem Falle vollständig. Anfang Dezember 1950 sah es so aus, als würden die Chinesen ganz Korea einnehmen. MacArthur sprach davon, dass seine Truppen sich in Panik zurückziehen würden. Dass er daraufhin Atomwaffen einsetzen wollte und von Präsident Harry S. Truman entlassen wurde (obwohl der Einsatz von taktischen Atomwaffen auch in Washington D. C. ernsthaft erwogen wurde), gehört zu den dramatischen Episoden der Kriegsgeschichte.

Die Tatsache, dass auch MacArthurs Nachfolger General Matthew Bunker Ridgway die Zerstörung chinesischer Luftwaffenstützpunkte in der Mandschurei intendierte und 38 Atombomben für einen potenziellen Einsatz anforderte, motivierte Moskau und Peking dazu, Waffenstillstandsverhandlungen einzugehen.

Deutsches Wirtschaftswunder auch Folge des Korea-Krieges

Der Autor schildert einige speziell für deutsche Historiker interessante Fakten. Er zeigt, in welchem Maße das deutsche Wirtschaftswunder auf den Korea-Krieg und die damit steigende amerikanische Importnachfrage zurückzuführen ist. Allein von Juli bis September 1950 stieg die deutsche Stahlproduktion um 20 Prozent. Außerdem konnten die Deutschen neue Konsumgütermärkte erobern, die die USA aufgrund ihrer Betonung der Investititionsgüterindustrie vernachlässigen mussten. Wenig bekannt ist zudem die Tatsache, dass Konrad Adenauer den USA deutsche Truppen für den Korea-Krieg zur Verfügung stellen wollte. Die USA forderten und ermöglichten die deutsche Wiederbewaffnung, weil die Deutschen zu den "besten Soldaten der Welt" gehörten.

Politische Folgen des Konflikts

Als Abschluss fasst Steininger die Folgen des Krieges für die beteiligten Akteure in dreißig Punkten zusammen: Der von den US-Entscheidungsträgern als Stellvertreterkrieg und Beginn einer sowjetischen Offensive interpretierte Konflikt blieb ein begrenzter Krieg, der jedoch in einer nuklearen Katastrophe hätte enden können. Die Teilung des Landes am 38. Breitengrad behält bis in die Gegenwart ihre Aktualität. Strukturell festigte der Korea-Krieg die Fronten des Kalten Krieges und führte auf Seiten beider Lager zu gigantischen Aufrüstungsmaßnahmen. Dazu gehörte auch die deutsche Wiederbewaffnung. Koreas industrielle Entwicklung wurde stark zurückgeworfen. Die mangelnde Unterstützung Chinas durch die UdSSR während des Konflikts förderte die Entfremdung zwischen den beiden kommunistischen Mächten. Die USA wurden durch das Eingreifen in China stärker in Asien involviert als es ihnen recht war. Späte Folge war das US-Desaster in Vietnam. Erst seit der Einweihung des Korean War Veterans Memorials in Washington D. C. am 27. Juli 1995 wurde der Krieg von einem "vergessenen Krieg" zu einem Krieg, an den man sich wieder erinnert.

Die Teilung Koreas bleibt aktuell und in näherer Zukunft wohl nicht überwindbar. Aber die Sonnenscheinpolitik des Jahres 2000, die Sechs-Mächte-Gespräche über das Nuklearprogramm Nordkoreas sowie die Tatsache, dass es bei den Olympischen Spielen in China 2008 eine gesamtkoreanische Mannschaft geben wird, zeigen einen Aufbruch in den bilateralen Beziehungen zwischen Nord und Süd. Dennoch verhungern in Nordkorea weiter Menschen, Dissidenten werden gefoltert und das Land bleibt eine Militärdiktatur, geführt von einem alt-stalinistischen Herrscher. Das Land versuchte im Juli 2006 seine militärische Fähigkeit durch Raketentests zu demonstrieren, was aber kläglich scheiterte.

Gelungene Zusammenschau

Steiningers Werk bietet eine gelungene Darstellung des Korea-Krieges in seinen politischen und strategischen Dimensionen. Es gewinnt durch eine Sammlung von 94 Bildern, sechs Faksimiles und vier Landkarten an Originalität, die der Text allein nicht immer anzubieten vermag. Denn nicht viele Erkenntnisse sind wirklich brandneu. Die Karten, die die verschiedenen Phasen des Krieges verdeutlichen, sind besonders hilfreich zum Verständnis des komplexen Kriegsgeschehens. Im Anhang des Buches weist Steininger auf eine ganze Reihe von Internetseiten zum Koreakrieg hin. Die Monographie ist für Historiker und Politikwissenschaftler, aber auch für Interessierte ohne Vorkenntnisse aufgrund ihrer Verständlichkeit gut geeignet.

Rolf Steininger,
Der vergessene Krieg, Korea 1950 – 1953,
2006, Olzog Verlag, München,
ISBN 3-7892-8175-1, 247 S., 24,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Olzog Verlag (Cover) und Rolf Steiniger (Portrait). Der Verlag im Internet.


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