Uneinige Enkel in der Sozialdemokratie

28. Nov 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

sturm.jpgDaniel Friedrich Sturm erklärt das Versagen der Enkel Willy Brandts bei der deutschen Wiedervereinigung. Vor allem Oskar Lafontaine kommt schlecht weg. Von Nadine Lindner

Die SPD schlingert sich zur Wiedervereinigung. Auf diesen einen Satz lassen sich 520 Seiten Daniel Friedrich Sturm zusammenfassen. Äußerst detailreich, aber auch unterhaltsam beschreibt der Redakteur der Tages Zeitung Die Welt die internen Auseinandersetzungen der Sozialdemokraten. Politische Fehleinschätzungen, deutschlandpolitische Verwirrungen, Generationenkonflikte und Machtkämpfe – Daniel Friedrich Sturm zeichnet ein genaues Bild der Oppositionspartei SPD und ihrem schwierigen Verhältnis zur deutsch-deutschen Vereinigung.

Willy gegen Oskar

Der Autor macht die politischen Grabenlinien vor allem am Personal fest. Nicht so sehr die parteiinterne Konfliktlinie Links gegen Rechts, sondern ein Generationenkonflikt hat die Sozialdemokraten zu dieser Zeit gelähmt. Der Autor skizziert zwei Gruppen, die vor allem ihre persönliche und politische Sozialisation trennte. Auf der einen Seite standen die Vereinigungsbefürworter um Altbundeskanzler Brandt, der für eine konstruktive Teilnahme am Einigungsprozess forderte. Sein viel zitierter Ausspruch “Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört”, drückt deren Position aus.

Doch die sogenannte “Enkel-Generation” um Oskar Lafontaine, Gerhard Schröder und Heidemarie Wieczorek-Zeul stand der Vereinigung skeptisch, wenn nicht ablehnend gegenüber, denn sie fürchteten einen neu erstarkenden Nationalismus. Für sie war die Spaltung Deutschlands die Voraussetzung für Frieden in Europa. Über sie fällt Daniel Friedrich Sturm ein Urteil, das mit dem Wort “uneinig” noch recht harmlos daher kommt. In seiner Schlussbetrachtung wird er konkret: “Die Revolution in der DDR überforderte vor allem diejenigen, die einst von der Revolution im Westen geträumt hatten. Insbesondere die Generation der “Enkel”, geprägt von der 1968er Revolte, konnte die Vorgänge in der DDR nicht in die eigene politische Vorstellungswelt einordnen. Lafontaine war dafür das beste Beispiel.” Zwischen diesen beiden Polen schlingerte die Partei, unfähig Helmut Kohl das Heft des Handelns aus der Hand zu nehmen.

Das lange Jahr 1989

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Uneinig in die Einheit orientiert sich weitgehend an der chronologischen Abfolge der Ereignisse, wobei besondere Aspekte in einzelnen Kapiteln behandelt werden, wie das Verhältnis der West- zur Ost-SPD. Daniel Friedrich Sturm beginnt mit einer kurzen Betrachtung der Deutschlandpolitik der SPD in den 1960er und 1970er Jahren, einer Zeit, in der die Partei Maßstäbe setzte. Die Betrachtungen enden im Jahr 1990 mit den Auseinandersetzungen über die polnische Westgrenze und die Frage der Bündniszugehörigkeit Deutschlands. Die insgesamt 520 Seiten sind in 10 Kapitel unterteilt, gefolgt von einer Schlussbetrachtung und einem umfangreichen Anhang mit Personenregister und Literaturnachweisen.

Tiefensee tief im Westen

Der_Nachbar_des_Onkels___Wolfgang_Tiefensee.JPG Daniel Friedrich Sturm hat die Wende als 16-jähriger erlebt. Er ist in Bochum geboren und hat in Bonn studiert – eine Sozialisation, die tief im Westen stattfand. Interessant genug, dass er sich bereits in seiner Magisterarbeit mit der deutschen Wiedervereinigung ausgesetzt hat, in einer Untersuchung der Biographien von Bürgerrechtlern nach der Wende. “Der Mauerfall hat dieses Biotop gespalten”, so Sturms zentrale These. Heute arbeitet er als Redakteur für Innenpolitik bei der Tageszeitung Die Welt.

Vielleicht war es eine Zufallsbekanntschaft, die sein Interesse für die Wiedervereinigung weckte: mit 14 lernte er Wolfgang Tiefensee, den heutigen Verkehrsminister und ehemaligen Bürgerrechtler, kennen. Der spätere Leipziger Oberbürgermeister war der Nachbar von Sturms Onkel – Politik über den Gartenzaun also. Auch heute noch begleitet Wolfgang Tiefensee die Arbeit des Autors und so lässt er es sich nicht nehmen, bei der Buchvorstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig als Podiumsteilnehmer zu sitzen – auch wenn der Applaus der Leipziger anfangs etwas spärlich ausfällt.

Glatte Geschichte

“Ein guter Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten.” Dieses Wort des verstorbenen Tagesthemen Moderators Hajo Friedrichs trifft auch auf Daniel Friedrich Sturm zu, denn bei aller Liebe zum Detail wahrt er Distanz zu den Akteuren. Er widersteht den Versuchen mancher Zeitzeugen ihre historische Rolle in den Recherche-Interviews glätten und ihre damalige politische Kurzsichtigkeit kaschieren zu wollen.

Doch nicht nur der Recherche hilft die journalistische Berufserfahrung dem Wissenschaftler und Historiker Sturm. Denn Uneinig in die Einheit ist eigentlich eine Dissertation – wohl eine der wenigen, die beim Lesen nicht nur informieren, sondern auch unterhalten. Das Buch gefällt durch eine flüssige Schreibe und nachvollziehbare Argumentation. Viele Fotos von damaligen Sozialdemokraten beleben das Buch. Leider fehlt im umfangreichen Anhang eine Chronik der Ereignisse der Wiedervereinigung, eine Zeitleiste würde bessere Orientierung zur Einordnung der Details geben.



Empfehlenswertes Buch

Dennoch bleibt Uneinig in die Einheit ein äußerst lesenswertes Buch, das sich nicht nur an ein Fachpublikum aus Historikern oder Politikwissenschaftlern wendet, sondern auch für alle anderen “Fans” der Zeitgeschichte interessant ist. Der interessierte Politikwissenschaftler freut sich jetzt natürlich auf Aufarbeitungen zur Rolle der bürgerlichen Parteien und ihrem Umgang mit den Blockparteien in den Wendejahren. Denn auch nach 16 Jahren ist noch nicht das letzte Kapitel zur friedlichen Revolution geschrieben.

Daniel Friedrich Sturm: “Uneinig in die Einheit, Die Sozialdemokratie und die Vereinigung Deutschlands 1989/1990″

Verlag J.H.W. Dietz, Bonn, 2006, 520 S.

ISBN 3-8012-0363-8, 29,90 Euro


Die Bildrechte für das Cover liegen beim Dietz-Verlag.

Sonstige Bildrechte liegen bei Peter Franke, Punktum.


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