Südstaaten-Idylle

23. Mrz 2006 | von Christoph Rohde | Kategorie: Politisches Feuilleton, USA

suedstaaten.jpgDie Südstaaten der USA haben ihren Country-Charme bewahrt. Auch nach 9/11. Von Christoph Rohde

Die Sonne geht auf über Blue Ridge/Tennessee. Wir sitzen im Motel. Country-Music von Alan Jackson dröhnt aus der Musik-Box. An der Theke sitzen Trucker und bekommen einen Refill des schlechten Kaffees in ihren Cup. So hatte ich mir das vorgestellt. Die Mam fragt: "What d"guys want?"

Ich wähle two eggs mit Bacon, dazu Hashbrowns und natürlich Refill-Kaffee. Unvermeidlich klebt auch Grits auf meinem Teller, ein unvermeidlicher, nach nichts schmeckender, griesig aussehender Brei.

Wir fahren durch das wunderschön verschlungene Tal der Cherokees in Richtung Chattanooga. In den Hügeln um den Tennessee River fand hier eine der blutigsten Auseinandersetzungen des Unabhängigkeitskrieges statt. In der Nähe von Murfreesboro am Stone"s River wurde eine ebenso wichtige Schlacht um die strategisch bedeutsame Bahnlinie von Chattanooga nach Nashville am Nashville Pike ausgefochten. 23.000 Soldaten starben. Nicht weit von unserer Route entfernt wurden Tausende deutscher Kriegsgefangener während des Zweiten Weltkrieges im Camp Forrest festgehalten.

Food-Exits und Churches

Auf unserer Route von "Ätlänna" nach Nashville wird uns eines deutlich: In jedem noch so kleinen Ort gibt es mindestens acht Fastfood-Schuppen und etwa 7 Kirchen von den Methodisten bis zu den Baptisten. Die Straßen sind gepflegt und sauber. Doch was in Tennessee und Georgia der Fall ist, ändert sich in Arkansas und Alabama in drastischer Weise. Von einer Sekunde auf die andere wandelt sich das Bild der Häuser, Straßen und Fuel Stations. Wir kommen von einem reichen in einen armen Staat, nachdem wir bei Memphis den Mississippi überquert haben. Elendsviertel werden neben der Autobahn sichtbar. Arkansas ist ein flaches, langweiliges Land, das uns gleich mit einem Fast-Hurrikan begrüßt. Strommasten werden gefällt – unser Van ist kaum auf der Straße zu halten.

Autonomie der Einzelstaaten

Die Gleichartigkeit der Lebensverhältnisse ist in der US-Verfassung nicht gewollt und bei der Größe des Landes auch gar nicht erreichbar. Die Einzelstaaten haben eine viel höhere Autonomie als die deutschen Bundesländer. Das merkt man. Während Nashville die boomende Stadt in den USA darstellt – neben der Musikindustrie siedeln sich Banken und unlängst Nissan USA an – und auch Atlanta aus den Nähten platzt, gibt es in Arkansas außer Landwirtschaft nur das Zentrallager von Wal-Mart. Deren Trucks sind schneller als die Pontiacs und Camries auf dem Highway unterwegs. Und die LKWs dürfen auf dem Interstate (Autobahn) rechts überholen – für Europäer ein furchteinflößendes Erlebnis.

Auch Alabama ist eher agrarisch strukturiert. Die Appalachen sind zwar ein nettes Hügelland, das wir Richtung Birmingham durchfahren, aber es gibt wenig Industrie. An der Tankstelle kommt mir statt gewähltem Capuccino auch nur Spülwasser entgegen. Die tätowierten Jungs mit finsteren Gesichtern sehen so aus, als säße ihr Colt locker. Nur schnell weg hier.

Außerdem ist der Grad an sehr dicken Menschen hier überproportional hoch. Besonders bei Jugendlichen stellt dies ein zunehmendes gesellschaftliches Problem dar. "Wellness" wird an immer mehr Colleges zu einem Pflichtfach. Dieses umfasst neben klassischen Sportarten auch Ernährungskunde.

Wenig öffentliche Infrastruktur – Mehr Eigeninitiative

Man braucht zwei Stunden, um aus Atlanta Downtown in die Suburbs zu kommen. Dies liegt am ständig zunehmenden Verkehr. Aber die Leute wollen keine S-Bahnen. Sie wollen nicht, dass jedermann mit öffentlichen Verkehrsmitteln ihren Stadtbezirk erreichen kann. Dafür nehmen sie lieber die Freiheit, im Stau zu stehen, in Kauf. Ökologische Aspekte spielen im öffentlichen Bewusstsein (noch) kaum eine Rolle. Man hat scheinbar unbegrenzte Ressourcen und Räume. So kann man Probleme einfach in die Weite des Landes verlagern.

Doch auf der anderen Seite spürt man in den USA den Geist des Möglichen statt die bedrängende Enge deutschen Regulierungswahns. Wer ein Geschäft aufmachen will, der kann das tun. Er stellt ein Schild an die Straße und wartet auf potenzielle Klientel. Die großen Schilder sind strukturpolitisch und ästhetisch für den feinsinnigen Deutschen auf niedrigem Niveau, aber dafür helfen sich viele Menschen hier selbst. Sie schaffen etwas, anstatt immer nur nach dem Staat zu fragen. Nicht jedes Business, nicht jedes Haus ist auf solidem Fundament gebaut. Auch die großen Autos sind von einem Gigantismus, jedoch oft minderer Qualität. Aber die Menschen sehen sich als Dienstleister. Auch Fastfood-Angestellte sind freundlich, nicht deutsch-frustriert. Das ist ein wunderbares Erlebnis und Ergebnis einer konstruktiven Einstellung, die aus religiösen und verfassungspatriotrischen Quellen gespeist wird.

Die Demokratie wird in den USA im alltäglichen Leben sichtbar. In vielen Ortschaften sind Wahlplakate zur Richter- und Sheriffwahl zu sehen. Die Menschenrechtsverletzungen der US-Administration in der "hohen Politik" können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Alltagsdemokratie funktioniert. Bauprojekte in den Kommunen werden öffentlich beschlossen – ein echtes Plebiszit. Dieses steht in der Tradition der ersten Pilgrims, die ab 1620 in New England ein neues politisches System einführen wollten. Das Motto "all politics is local" trifft in den Südstaaten in hohem Maße zu.

Ihre politischen Werte leiten die Südstaatler allerdings in erheblichem Maße aus individualethischen Tugenden ab. Sie interessieren sich weniger für die politischen Ergebnisse, sondern mehr für den persönlichen Wertekatalog der Kandidaten. So wird ein Bill Clinton wegen der Affäre Lewinsky verdammt, obwohl seine Politik überaus erfolgreich war; George W. Bush werden hochgradige diplomatische Verfehlungen jedoch verziehen, weil er wiedergeborener Christ und gegen Abtreibung ist. Wir Deutschen leben da in einer völligen anderen politischen Kultur.

Falsches und echtes Christentum

Ich war zu einer Missionskonferenz der Brentwood Hills Church of Christ eingeladen und muss eingestehen, dass mir eine so reife und hingebungsvolle Gemeinde noch nicht begegnet ist. Die reiche Gemeinde unterstützt Missionsprojekte von der Gefängnisarbeit in Honduras, Kliniken in Guatemala, Prediger in Deutschland und eine christliche Universität in Kenia. Dazu sind ständig Hilfsteams in Louisiana unterwegs, die die Umgebung von New Orleans wieder aufbauen. Wo der Staat versagt, packen engagierte Christen an (Disaster Relief Efforts), die ihren Urlaub für Andere opfern. Diese Kirchen sind professionell organisiert, ohne ihre Botschaft dabei aus den Augen zu verlieren. Hier zeigt sich, dass der amerikanische Traum an eine Glaubensvision gekoppelt ist und auch gute Früchte im täglichen Leben produziert. Ich darf zufrieden feststellen: Der "Bible Belt" besteht nicht nur aus Scharlatanen, sondern auch aus vielen ernsthaft engagierten Gläubigen.

Die sozialen Ungleichheiten sind in einigen ärmeren US-Bundesstaaten gravierend. Aber nicht der bewusst schwach gehaltene Staat, sondern verantwortungsvolle Individuen versuchen diesem Missstand abzuhelfen. Die Wohlhabenden haben oft einen ausgeprägten Sinn für Charity.

Christliche Universitäten fordern hohe Maßstäbe ein. Jeder Angestellte und Student muss unterschreiben, dass er keinen Alkohol konsumiert. Dies ist für Europäer schwer verständlich. Jeden Morgen erscheinen 3.000 Studenten verpflichtend zur täglichen Andacht im Chapel. Diese wird sogar im Lokalfernsehen live übertragen. Nicht jeder kommt voll motiviert. Dennoch sind viele Studenten ernsthaft gläubig. Für mich ist der Worship-Gesang bewegend.

Die Stadt Searcy in Arkansas ist eine "dry zone". Hier gibt es nirgendwo Alkohol zu kaufen. Deshalb boomen die Alkoholgeschäfte außerhalb des Counties… Doch sind diese beschränkenden Maßnahmen kulturell voll akzeptiert – auch unter Studenten, wie ich feststellen konnte. Die Geschichte der Prohibition hat jedoch gezeigt, dass formale Regularien Einstellungen nicht zu ändern vermögen.

Washington ist weit weg

Meine politikwissenschaftlich begründeten Erwartungen wurden nicht bestätigt. Ich sehe nicht überall pro-Bush-Fahnen. Im Gegenteil. Ich habe nur kritische Äußerungen gegen den Texaner erlebt. Insgesamt aber sind die Hauptstadt und die Welt weit weg von der Lebenswirklichkeit der Südstaatler. An einigen Häusern hängen US-Flaggen, aber dies ist mehr kultureller Lebensstil als konkrete politische Meinungsäußerung. Selbst der Fingerprint am Flughafen wurde von freundlichen und verständnisvollen Beamten durchgeführt. Von Terrorpanik oder gar Hysterie war gar nichts zu spüren. Dies mag in den gefährdeten Metropolen der Ostküste anders sein.

Doch im wunderschönen Hügelland des Südens vergisst man leicht, dass es andere Weltbereiche mit eigenen Problemen überhaupt gibt. Stattdessen ist man weiter stolz darauf, dem "moralisch überlegenen" Süden zuzugehören. Man glaubt es den Menschen und verdächtigt sie nicht der Heuchelei. Auch, wenn am Stone Mountain alte Civil War-Helden wie General Lee verehrt werden – dem größten Granitdenkmal der Welt.

Tipps

essen.jpgWer nicht mit Bluthochdruck oder Cholesterinproblemen kämpft, der muss unbedingt im Waffle House vorbeischauen. Der Laden ist ein Klassiker. Und die besten Chickenburger gibt es auf jeden Fall bei Wendy"s. Nur: lange hält man die Futterei nicht durch und sehnt sich dann doch nach deutscher Müsli-Mentalität. Auf jeden Fall wird mit diesen Menschen im Süden keine Weltdiktatur aufgebaut, wie es diesseitige Hysteriker gern heraufbeschwören wollen. Dazu sind sie zu klug und selbstbestimmt.

 


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