Stille Nacht, heilige Nacht?

08. Dez 2006 | von Bert Grosse | Kategorie: Politisches Feuilleton

Motoerhead_I.JPGAlle Jahre das gleiche Spiel. Berlins vorweihnachtliche Besinnlichkeit wird atomisiert – Motörhead, die lauteste Band der Welt ist in der Stadt. Von Bert Große

Dienstag, Columbiahalle gegen 21.30 Uhr, Konzertabend. Die Vorbands haben ihre Aufgabe pflichtgemäß erfüllt – keiner will sie hören. Mehr als 3.000 Leute drängen sich auf viel zu wenig Raum. Kein Platz, kein Sauerstoff, aber viel Hitze und noch mehr Bier. Alle warten sie auf die magischen Worte: „Hallo, we are Motörhead and we play Rock’n Roll.“

Drei ältere Herren prügeln auf ihre Instrumente ein und die Meute tobt. Ach ja, für alle die sie nicht kennen, Motörhead können mit Fug und Recht als die Urväter des Heavy Metal gelten. Seit 31 Jahren (!) beschallen sie die Hallen der Welt, ohne dabei leiser zu werden. Nach dem Opener „Dr. Rock“ werden die Fans mit klassischer Kost verwöhnt, „Iron Fist“, „Civil War“, „Murder“ – harter, urwüchsiger Rock vom feinsten.

lemmy.jpgIan „Lemmy“ Kilmister (links), die dreckigste Stimme des Rock’n Roll wird am 24. Dezember stolze 61 Jahre alt. Seit 1975 ist er Stimme und Aushängeschild von Motörhead und zugleich größter lebender Dauer-Konsument hochprozentiger Getränke neben Boris Jelzin. In typischer Weise brüllt, nein wütet er seine Texte in die Menge. Nicht ganz zu Unrecht gilt er als hässlichster Musiker der Menschheitsgeschichte, genießt aber für seine unverwechselbare Stimme und die „Leckt-mich-am-Arsch“ Attitüde hohes Ansehen. Ach ja, nur der Vollständigkeit halber, da waren wir bei „No Class“.
Wie zum Hohn fragt Gitarrist Phil „Wizzo“ Campbell (rechts): Is it loud enough?. Dem Erfinder von Ohropax sei Dank, zumindest wenn man den folgenden Tagen noch was vorhaben sollte. Nicht umsonst gelten Motörhead als lauteste Band der Welt, haben sie doch der Legende nach Mitte der Achtziger eine baufällige belgische Konzerthalle zum Einsturz gebracht. Und es als weltweit einzige Live-Band in die „Harald Schmidt Show“ gebracht – auch wenn der Gastgeber trotz knallgelbem Gehörschutz bei „Ace of Spades“ gar nicht glücklich aussah…

Lemmy, wie seit Jahrzehnten mit Bass „Ricken“ und Patronengurt bewaffnet, flicht zwischen den Songs immer mal wieder Witzchen über sein Alter ein, aber wer hat dafür Sinn? „Civil War“, „Going to Brazil“, das unverwechselbare Soundgewaber von „Orgasmatron“ – unglaublich welchen Druck drei Musiker erzeugen können, die es richtig krachen lassen wollen. Irgendein dankbarer Geist öffnet zwischendurch gelegentlich die Sauerstoffversorgung.

Für ein Metal-Konzert erstaunt der hohe Anteil weiblicher Besucher. An der Attraktivität von Lemmy & Co. kann es eigentlich nicht liegen. War es doch in der Vergangenheit eher so, dass die Band eher das männliche „adipöse Prekariat“ anzog…

Wie dem auch sei, das Schleifen der Gehörgänge geht munter weiter. Drummer „Mikkey Dee“ prügelt bei „Burner“ so gnadenlos auf sein Schlagzeug ein, dass man glatt Mitleid mit dem armen Ding kriegen möchte. Nur um bei „Sacrifice“ anschließend noch mal eins draufzusetzen. Das minutenlange Drum-Gewitter-Solo gibt dem Rest der Band die Möglichkeit, zu tun, was sie am liebsten machen – anständig einen zur Brust zu nehmen. Tabak und Jack Daniel’s in Massen müssen doch irgendwie normale Lebensmittel sein.

Der zwischenzeitlich eingeschobene „Whorehouse Blues“ zaubert ein seliges Lächeln in die Gesichter der Anwesenden, die sich anscheinend nicht so recht auf die “startender-Jet-Lautstärke” eingestellt hatten. Aber die Erholung währt nur kurz, nach gut 90 Minuten feinster Beschallung ist nämlich endgültig Schluss mit lustig.

Phil_1.jpgDer geneigte Fan weiß die folgende Playlist richtig zu deuten. „Killed by Death“ (das fiese Lachen zwischendurch wirkt etwas gequetscht, dafür sorgen die knapp bekleideten Tänzerinnen für reichlich Spaß), „Bomber“ und natürlich „Ace of Spades“. Wer jetzt immer noch nicht weiß, was Rock’n Roll à la Motörhead bedeutet, dem ist schlicht nicht mehr zu helfen. Aber die meisten von denen verarbeiten ihr Trauma bereits auf den Liegen von den  Maltesern.

Diverse Zugaben werden natürlich von DEM Song gekrönt, „Overkill“ wabert sich in die Halle, um dann Geschwindigkeiten zu erreichen, an denen Slipknot, Metallica und selbst die Speedmetal-Götter von Slayer bekennend verzweifelt sind. Während die drei älteren Herren nach erfolgreichem Arbeitseinsatz doch recht entspannt abgehen, wankt die Meute sichtbar geschafft an die Luft. Oder zum Bierstand, je nachdem, was näher liegt.

Und die Moral von der Geschicht? Vergesst den ganzen neumodischen Kram, wenn Ihr das Original haben könnt. Pilgert in Scharen in die aktuelle Tournee. Alles andere ist nur Pop. Denn auch wenn alle wahren Fans überzeugt sind, dass Lemmy dank jahrzehntelanger Jack Daniel’s Diät nicht sterben kann, so ganz genau weiß man es ja nie. Und Kekse unterm Baum könnt Ihr später futtern. Es lebe die Berliner Vorweihnachtszeit!

Die offzielle Motörhead-Seite

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Das beste aller Motörhead-Interviews


Die Bildrechte liegen bei Ace Trump und Adam Bielawski.


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