Stille Hilfe für braune Kameraden

17. Sep 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

stille hilfe.jpgSo nennt sich ein im wahren Sinne unglaubliches Buch, das Oliver Schröm und Andrea Röpke schrieben. Leider ist dieses unglaubliche Realität in der Bundesrepublik. Die Lektüre lässt ernsthafte Zweifel am heutigen Rechtsstaat aufkommen. Von Wolfgang Mehlhausen

Es ist bekannt, dass man in der jungen Bundesrepublik nicht auf so genannte Fachleute verzichten wollte, die schon in der NS-Zeit im Staatsdienst und Militär waren. Mitgliedschaft in NSDAP und SS oder anderen Nazi-Organisationen waren kein Karrierehindernis, man konnte mit braunen Flecken auf der Weste sogar Minister, Ministerpräsident oder Bundeskanzler werden. Nicht ein einziger Richter ist für seine "Arbeit" in der NS-Zeit belangt worden. Nicht nur der Justizapparat, sondern auch Innenbehörden und der ganze Staatsapparat wurde von braunen "Seilschaften" durchzogen – dieses Wort hat man allerdings erst 1989 für die untergegangene DDR neu entdeckt. Dass diese Staatsdiener wenig taten, um Kriegsverbrecher dingfest zu machen, bedarf keiner weiteren Erklärung. Dass diese braunen Seilschaften aber auch über 1990 hinaus existierten, dürfte nur wenigen bekannt sein. 

Der Fall Malloth und Oberstaatsanwalt Schacht 

Rahmenhandlung des Buches ist, dass Peter Finkelgruen herausbekommt, wer seinen Großvater in der Kleinen Festung in Theresienstadt kaltblütig ermordete, nur weil er Jude war. Der Enkel versucht, nachdem es erdrückende Beweise gegen den einstigen Aufseher Anton Malloch gibt, ihn vor Gericht zu bringen. Von den Häftlingen wurde er "schöner Toni" genannt, weil er sich nach Mord- und Prügelexzessen stets als erstes um sein Äußeres kümmerte, die Haare kämmte und die Uniform ordnete. 

Wie ein Düsseldorfer Oberstaatsanwalt Schacht es versteht, dieses Verfahren immer wieder einzustellen, ist skandalös. Der Mörder, der auch für viele andere Grausamkeiten endlich am 30. Mai 2001 zu "lebenslänglich" verurteilt wird, hatte über Jahrzehnte Sozialhilfe bezogen, obwohl er über Mieteinnahmen verfügte. Er lebte 40 Jahre unbehelligt im italienischen Meran und wurde 1988 an Deutschland ausgeliefert. Er durfte in einem gehobenen Altenheim in Pullach residieren. Der deutsche Steuerzahler bezahlte dem Verbrecher große Teile der laufenden Kosten. 

Dass es auch Staatsanwälte gab, die das taten, was der pensionierte Schacht vor 10 Jahren hätte tun müssen, kann hinsichtlich des Rechtsstaats nicht sehr optimistisch stimmen. Schließlich führte ein unglaublich langer, verworrener Weg dahin, den Mörder endlich und vor allem zu spät einer niemals gerechten Strafe zuzuführen. Das Buch endet mit einer Notiz der Autoren, dass für das skandalöse Verhalten des Oberstaatsanwalts Schacht niemand im Lande die Verantwortung zu übernehmen bereit ist. 

"Stille Hilfe" und gute Bekannte aus der Politik 

Der Verein "Stille Hilfe" für Kriegsgefangene und Internierte spielt eine zentrale Rolle in diesem Buch. Ihm wurde jahrzehntelang Gemeinnützigkeit zuerkannt – inklusive aller Steuerprivilegien. Der 1851 in das Vereinsregister von Wolfratshausen eingetragene Verein schaffte Kriegsverbrecher außer Landes und unterstützte NS-Täter. 

In diesem braunen Netzwerk gibt es viele Spinnen, so Gudrun Burwitz, Tochter des Reichsführers SS Heinrich Himmler, der sie "Püppi" nannte. "Püppi" ist die "Naziprinzessin" und bis heute aktiv und hat wie ihr Mann der Nazi-Ideologie nie abgeschworen. Über sie, ihren Verein und andere Organisationen wird beiläufig, aber ausführlich berichtet. Auf Seite 17 finden wir ein Foto des FPÖ-Politikers Jörg Haider, der Überraschungsgast beim Kameradschaftsabend der ehemaligen Waffen-SS 1995 war. Was Alfred Dregger (CDU), von 1982 – 1991 Fraktionsvorsitzender seiner Partei, mit der "Stillen Hilfe" und Naziverbrechern zu tun hat, kommt auch zur Sprache. Nicht erwähnt ist allerdings, dass der Wehrmachtshauptmann Dregger die Wanderausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" einen Angriff auf Deutschland nannte. Er wäre Alterspräsident des Bundestags geworden, wenn die PDS nicht Stefan Heym mit einem Direktmandat in den Bundestag gebracht hatte. Zu DDR-Zeiten galt Heym als Dissident. Bei seiner sachlichen Eröffnungsrede zum 13. Deutschen Bundestag wurde ihm der Applaus von allen Parteien außer der PDS versagt. 

Ein "unglaubliches" Buch

Dieses kleine Buch darf man so nennen, denn was dort geschildert wird, ist tatsächlich unfassbar, unbegreifbar und empörend. Manche Seiten muss man trotz des flüssigen Stils zweimal lesen, weil das Beschriebene kaum zu glauben ist, doch es gibt keinen Anlass an dem Wahrheitsgehalt zu zweifeln. Schwer zu verkraften sind einzelne Schilderungen, wie Menschen gequält, erniedrigt und sadistisch ermordet worden. Ebenso unbegreiflich ist es zu lesen, mit welcher Gleichgültigkeit oder Wohlwollen für diese Unmenschen Ermittlungen von Staatsanwälten der BRD geführt und eingestellt wurden. Unglaublich auch der Gedanke, wie viele "Kriegsverurteilte" – im Jargon der Stillen Hilfe – jeglicher Bestrafung entkamen, gedeckt, versteckt oder einfach nur "in Ruhe gelassen" wurden. 

Alles ist unglaublich und empörend, so dass man schwer Worte für das findet, was glaubhaft über den Rechtsstaat berichtet wird, und zwar bis fast in die Gegenwart hinein. Einige Verbrechen an unschuldigen Menschen sind so grausam, dass man sich für die Täter "amerikanische Verhältnisse" wünscht. Selbst mit ungebrochenem Glauben an den Rechtsstaat fällt es schwer, auch in Anbetracht dieser Verbrechen daran zu glauben, dass die Todesstrafe durch nichts zu rechtfertigen sei. 

Der einäugige Rechtstaat

Da das menschliche Leben begrenzt ist, ist auch der Tag der biologischen Lösung des Problems der Verfolgung der Nazi- und Kriegsverbrecher bald in Sicht. Die meisten Täter und Opfer sind heute schon hoch betagt. Wie milde der Rechtsstaat allerdings mit Tätern umging, ist kein Ruhmesblatt und Zeichen christlich geprägter Menschlichkeit, sondern scheint System zu sein. Der Fall Malloch ist leider kein Einzelfall. 

Das rechte Auge drückt der Rechtsstaat manchmal fest zu, so im Falle des Oberstaatsanwalts Schacht. Anders sieht es mit dem linken Auge aus. Das NS-Regime und der Zweite Weltkrieg hat 50.000.000 Menschen den Tod gebracht. 

Das DDR-Regime ließ auf Flüchtende von Ost nach West schießen, weit mehr als 100 Menschen starben dabei, jeder Fall ist zu bedauern. Ansonsten hinterließ die Stasi Millionen von Akten. Zur Aufarbeitung der Unrechtstaten des DDR-Regimes gibt es nicht nur die Justiz, die nur wenig Anklagen erheben konnte. Man hat in Form der Gauck- und Birthler-Behörde eine Mammutinstitution mit Außenstellen und Tausenden Mitarbeitern geschaffen, die jeden Stasi- IM aufspürt, auch wenn er strafrechtlich nichts Relevantes getan hat. Ein solcher Spitzel erhält, anders als SS-Leute und braune Richter keine Chance im neuen Staat, nicht mal bei der öffentlich-rechtlichen Müllabfuhr.


Oliver Schröm,
Stille Hilfe für braune Kameraden. Das geheime Netzwerk der Alt- und Neonazis
Aufbau Taschenbuch Verlag GmbH, Berlin 2006,
215 S., ISBN 3-7466-7054-3, 7,95 Euro



Die Bildrechte liegen beim  Aufbau Taschenbuchverlag.


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