Statussymbole und ihre Macht
Jeder kennt Statusspiele, jeder spielt mit oder dagegen an. Um ihren Regeln auf die Spur zu kommen, kann man Foucault oder Bourdieu zu Rate ziehen – oder sich spaßeshalber der Lektüre von Zeichen der Macht widmen. Von Nona Schulte-Römer
“Der Dienstwagen steht obenan auf der Status-Hitliste. Es folgen: die eigene Assistentin, der Titel auf der Visitenkarte, Spesenbudget, Lufthansa-Senatorkarte, Firmenkreditkarte und schließlich Kunst im Büro…Und noch eines ist superattraktiv: der Parkplatz direkt auf dem Hof der Firma.” So flapsig erörtern Claudia Cornelsen und Moritz Freiherr-Knigge in ihrem Buch die Zeichen der Macht, Die geheime Sprache der Statussymbole“, die in unserer alltäglichen Lebenswelt durchaus tiefgreifende Spuren hinterlassen und Akzente setzen. Die Journalistin, Ghostwriterin und Beraterin für Personality PR und der Unternehmensberater sowie Nachkomme des berühmten Adolph Freiherr-Knigge empfehlen jedem Anwärter auf einen Chefposten die ideale Mischung der sieben Tugend-Trumpfkarten unserer Zeit: Erfolg, Tradition, Wissen, Dynamik, Gemeinsinn, Weltoffenheit und Bescheidenheit.
Die Sprache der Statussymbole
Machen wir uns nichts vor, keiner unserer Lebensbereiche bleibt vom Statusspiel unberührt. Darum raten Cornelsen und Freiherr-Knigge dazu, “eine gelassene Haltung gegenüber den äußeren Insignien der Macht einzunehmen, ohne deren enormen Einfluss auf den gemeinsamen Umgang und die Abgrenzung zu anderen zu unterschätzen oder gar als moralisch verwerflich abzulehnen.” Gängige Insignien wie Auto, Waschbrettbauch und Maßanzug werden ebenso in ihrer Funktionsweise erläutert, wie unkonventionelle Statussymbole: Selten reflektiert man den Kinderreichtum des patriarchalen Vorstandsvorsitzenden im Bezug auf den daraus resultierenden Statusgewinn, oder das fließende “Denglisch”, durch das sich der Mann von Welt auszeichnet: Der bildet nämlich eine “Task Force oder einen Think Tank, in dem Leute mit den richtigen Skills nach Synergie-Effekten und einer Win-win-Situation suchen, ohne den Workflow zu unterbrechen.” Der dynamischen Frau sei dagegen geraten: “Wenn Sie also schon den New York Marathon mitlaufen müssen, dann vergessen Sie bitte wenigstens im Job nie den Lippenstift”.
Und dann das Schielen nach der Uhr, welches sich als Kulturtechnik erweist, die weit mehr Quivive und Allgemeinbildung voraussetzt als die Unterscheidung von großem und kleinem Zeiger.
Mit einer Armbanduhr lässt sich im Macht- und Statusspiel so richtig punkten: Eine Rolex kann aus Gründen der öffentlichen Selbstdarstellung problemlos von Fotos wegretouchiert werden – so geschehen im Falle des Siemens Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld. Eine verkratzte, “olle Omega” lasse sich in der Kategorie “Tradition” einsetzen, wenn der Träger sie als Erbstücke mit immateriellem Wert ausweisen kann. Dagegen signalisiert ein entschieden ungeduldiger Blick auf die Uhr dem Gegenüber eindeutig: Meine Zeit ist kostbar, du bist sie nicht wert! “Zeit ist nicht Geld, sondern Macht” kommentieren die Autoren.
Sprachgewandte Parodie
Das Buch liest sich wie die Parodie auf einen Karriereratgeber. Unmöglich können die säuberlich in Kästchen gefassten “Status Tipps” als ernst gemeinter Leitfaden für jedermann verfasst worden sein: “Ein Auto ist leichter gekauft als eine gute Figur oder dynamische Körperhaltung�” Oder der Hinweis, dass Schlösser nicht nur das ideale Ambiente für Empfänge oder Wohltätigkeitsveranstaltungen bieten, sondern auch besonders günstig in Brandenburg zum Kauf angeboten werden.
Dennoch qualifizieren sich die zweihundert Seiten Klatsch- und Tratsch auf hohem Niveau dieses Buch in knall-orangenem Einband für den Massengenuss. Im umgangssprachlichen Plauderton, dann wieder elegant und sprachgewandt, entlocken Cornelsen und Freiherr-Knigge ihren Lesern durchaus das ein oder andere Lächeln und wissen dabei interessante Anekdoten über diverse Vorstandsvorsitzende, Aufschlussreiches aus der Managementpraxis, der Welt des Glamours oder der verglasten Herrentoilette in der 49. Etage des Frankfurter Commerzbank-Towers zu berichten, wo die Vorstandsriege beim Urinieren den herrschaftlichen Blick über die deutsche Finanzmetropole schweifen lässt.
Grau unterlegt sind Textpassagen, die historische Entwicklungen in die Gesellschaftsanalyse mit einbeziehen oder die Ränder der Philosophie und Sozialwissenschaft von Kant über Max Weber bis Judith Butler streifen. Derart eingängig aufbereitet lässt sich das Gelesene sicher beim nächsten gesellschaftlichen Event im Statusspiel als Trumpfkarte in der Rubrik “Wissen” ausspielen. Im Wissenschaftsbetrieb würde man mit selbiger Karte allerdings riskieren, beim nächsten Stich nicht “bedienen” zu können – um in der Spielmetaphorik zu bleiben.
Die Autoren versäumen es jedoch nicht, darauf hinzuweisen, dass erst das Zusammenwirken aller Trumpfkarten zur gewünschten Wirkung führt. Erst der gekonnt vorgetragene Inhalt im Gesamtkontext vor einem aufnahmebereiten Publikum mischt sich zum unwiderstehlicher Machtcocktail, dem alle verfallen, die an ihm nippen. Knigge und Cornelsen wissen um die komplexen und wandelbaren Wirkungsmechanismen gesellschaftlicher Machtfelder, nehmen sie aber leicht. Und tatsächlich kann man auch an der Oberfläche viel Nützliches und Amüsantes entdecken und gerät dabei nicht einmal in Gefahr, sich konstruktivistisch, existentialistisch oder gar in Normativem zu verstricken.
Zeichen der Macht, Die geheime Sprache der Statussymbole
Moritz Freiherr Knigge; Claudia Cornelsen.
Berlin: Econ, 2006
236 S., ISBN 978-3-430-11848-4, 19,95 Euro
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Die Bildrechte liegen bei der Autorin und beim Econ Verlag (Cover).
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