Schuld war das Fernsehen

07. Mrz 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Guellner.jpgWahlergebnisse bieten immer Raum zur Interpretation. Zwei neue wissenschaftliche Publikationen untersuchen den Bundestagswahlkampf 2002 und kommen zu kontroversen Ergebnissen. Von Bert Große

Schade, dass umfassende wissenschaftliche Analysen zu Wahlen und Kampagnen immer erst mit großer Verzögerung vorliegen. Das immense Interesse von Gesellschaft, Medien und beteiligten Akteuren lässt nach dem Wahlsonntag schlagartig nach, detaillierte Ursachenforschung interessiert häufig nur noch die Wissenschaft. Und in den Parteien werden die Ergebnisse allenfalls noch zur Demontage interner Widersacher verwertet.

Auch Angela Merkel hat die Taktik des Verdrängens nach dem historisch schlechten Wahlergebnis der Union zur Bundestagswahl 2005 erfolgreich genutzt. Interne Kritiker wurden mit dem Hinweis auf anstehende Koalitionsverhandlungen und die nötige Disziplin zum Verstummen gebracht.

Dabei ließe sich aus dem Wahlergebnis 2002 einiges über Politikformulierung, Kampagnenplanung und tödliche Fehler im Wahlkampf lernen, wie zwei neue Sammelbände einhellig konstatieren. Immerhin war die Kampagne durch das Hochwasser und die Irak-Problematik von zwei externen Ereignissen geprägt, die den lange Zeit sicher geglaubten Sieg der Union in letzter Sekunde verhinderten. Zur Erinnerung: Letztlich trennten CDU/CSU und SPD weniger als 8.000 Stimmen, nur auf Grund der Überhangmandate und eines sehr guten Ergebnisses für die Grünen blieb das Gespann Schröder/Fischer an der Macht.

Konkurrierende Herangehensweisen

Portrait Guellner.jpgEine angenehm komprimierte Wahlanalyse liefert das Team um den Berliner Forsa-Geschäftsführer Manfred Güllner mit Die Bundestagswahl 2002, Eine Untersuchung im Zeichen hoher politischer Dynamik. Die anderen Autoren sind überwiegend am Zentrum für Empirische Sozialforschung der Universität zu Köln beschäftigt. Die meisten Aussagen der Studie decken sich mit anderen Wahlanalysen. Ein klassischer Last-Minute-Swing bescherte rot-grün den Sieg, Hochwasser und Irak hatten ebenso Einfluss auf die Wählerentscheidung, wie die erstmals stattfindenden TV-Duelle der beiden Kanzlerkandidaten. Die "Professionalisierung" der Kampagnen wurde – mit Ausnahme der PDS – von allen Parteien vorangetrieben, erzielte dank des Nachahmungseffektes allerdings nicht mehr die mediale Wirkung wie noch vier Jahre zuvor.

Herausforderer Edmund Stoiber wurde zwar in den "harten" Politikfeldern Wirtschaft, Arbeit und innere Sicherheit Kompetenz zugemessen, gleichwohl traf er kulturell auf breite Ablehnung im Land, während Amtsinhaber Schröder durch seine Medienauftritte glänzen konnte.

Der Last-Minute-Swing wird von den Forschern im Zusammenhang mit langfristigen Veränderungstrends des Wählerverhaltens als das Ergebnis einer zunehmenden Individualisierung der Wahlentscheidung gedeutet. Kurzfristige Einflussfaktoren gewinnen demnach weiterhin gegenüber den langfristigen Prägekräften der Wahlentscheidung an Bedeutung. Professionelle Wahlkampfführung und ein geschicktes Themenmanagement werden somit zu wichtigen Voraussetzungen des Wahlerfolgs. Die Entwicklungen bei Landtagswahlen zeigen seit Jahren eine nie gekannte Wechselbereitschaft der Wähler. Die Autoren reihen sich mit ihren Aussagen in den Mainstream der deutschen Sozialwissenschaft ein.

Im Vergleich zu anderen Wahlanalysen unterscheidet sich der Band vorrangig in seiner systematischen Anlage. Die Untersuchung war langfristig geplant, die Befragungen wurden von forsa durchgeführt. Dabei kam erstmal ein neues Umfrageinstrument zum Einsatz. Im Unterschied zu telefonischen Befragungen oder persönlichen Interviews erfolgt die Befragung beim forsa OmniNet nicht über Telefon oder persönliches Gespräch. In jedem rekrutierten Haushalt wird eine Set-Top-Box an den Fernseher angeschlossen, über die die Panelteilnehmer Zugang zum Internet erhalten. Bei den Untersuchungen sitzen die Befragten in ihrer gewohnten Umgebung und beantworten mithilfe einer Infrarot-Tastatur die Fragen direkt über das Internet. Man erhoffte sich durch die anonyme Stimmabgabe eine größere Genauigkeit der Daten und langfristige Aussagen.

Medieninhalte

Cover Noelle-Neumann_klein.jpgEinen anderen Zugang wählten die Autoren um Elisabeth Noelle-Neumann. Mit Wählerstimmungen in der Mediendemokratie, Analysen auf Basis des Bundestagswahlkampfs 2002 schreiben sie ihre Analyse zur Bundestagswahl 1998 inhaltlich fort. In ihrem Aufsehen erregenden Buch Kampa postulierten sie damals, dass die SPD die Wahl gewinnen konnte, obwohl die Bürger eigentlich mehr Vertrauen in Amtsinhaber Kohl hatten. Aber dank eines professionellen Wahlkampfs und vor allem einer Strategie zur Medienbeeinflussung konnten Schröders Genossen dieses Manko wettmachen. Nicht nur unterschwellig wurde damit der Vorwurf der medialen Manipulation geäußert.

Die neue Untersuchung zielt in die gleiche Richtung. Die Autoren gehen von der Annahme aus, dass die überwiegende Mehrzahl wahlrelevanter Informationen medial vermittelt wird. Zugleich lieferten die Medien ein gefärbtes Bild der politischen Lage, die mediale Tendenz schlägt sich demnach auch in der Wahlentscheidung nieder. Demzufolge bedarf es detaillierter Medieninhaltsanalysen, um das Wahlergebnis erklären zu können.

Vor dem Hintergrund jahrzehntelanger CDU-Nähe von Herausgeberin Noelle-Neumann beziehungsweise des Institut für Demoskopie Allensbach verwundern die Ergebnisse nicht wirklich. Die Autoren konstatieren: "Schröder wurde von den deutschen Fernseh-Journalisten sowohl 1998 als Herausforderer als auch 2002 als Kanzler gegenüber seinem jeweiligen Gegner bevorzugt behandelt."

Hans Mathias Kepplinger und Thomas Roessing liefern in ihrem Beitrag eine spannende Erklärung zur symbolischen Bedeutung der Flut. Ihrer Auffassung nach ist es ein essentialistischer Trugschluss, dass das Hochwasser Einfluss auf den Wahlausgang gehabt habe. Vielmehr Noelle-Neumann.jpgstellte die oppositionelle CDU in den betroffenen Wahlkreisen am 22. September 2002 überwiegend die Mehrheit. Bundesweit hingegen flogen der SPD und Kanzler Schröder die Sympathien zu – natürlich medienvermittelt durch Sondersendungen, Bildauswahl oder Kommentare.

Noelle-Neumann und Thomas Petersen untermauern die These der Unions-Benachteiligung durch die Medien. In der Schlussphase des Wahlkampfs sehen sie ihre Theorie der Schweigespirale erfüllt. Diese postuliert unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen eine Dissonanz zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung. Obwohl die Bevölkerungsmehrheit eigentlich politisch anders denkt, schweigt sie aus Angst vor erwarteter Zurückweisung. In der Folge gelingt es den Medien, die öffentliche Meinung zu drehen.

Wenig Neues aus Allensbach

Obwohl die Studie viele interessante und für sich auch nachvollziehbare Einblicke liefert, scheitert sie in der Gesamtheit an einer nicht beantwortbaren Fragestellung. Der Grad an Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch die Medien lässt sich schlicht empirisch nicht messen.

Unstrittig ist, dass Medien bestimmte redaktionelle Tendenzen pflegen. Wie Wolfgang Donsbach und Kerstin Weisbach zeigen, kann im Fall der Bundestagswahl 2002 aber nicht von der Dominanz der "linken" Medien ausgegangen werden: Lediglich die Frankfurter Rundschau und den Spiegel verorten sie pro SPD/Schröder. Inwiefern redaktionelle Tendenzen jedoch Einfluss auf die Wahlentscheidung des Individuums haben, kann wissenschaftlich ebenfalls nicht gemessen werden.

Warum Forschung immer auch Glaubenssache ist

Fachleuten liefern die beiden Bände sicher kontroverse Erkenntnisse. Alle anderen Leser erhalten zumindest Argumentationshilfen dafür, warum die jeweils bevorzugte Partei natürlich zu (Un)Recht gewonnen/verloren hat.

Die Theorie der Schweigespirale bleibt in der Wissenschaft zumindest umstritten. Und wie die Wahl 2005 gezeigt hat, tut die deutsche Umfrageforschung gut daran, ihr Instrumentarium kritisch zu prüfen. Unter diesem Aspekt wird zu prüfen zu sein, ob die neue Umfragemethode zukünftig exaktere Ergebnisse liefern kann. Schade eigentlich, dass wissenschaftliche Analysen immer erst so spät vorliegen


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