Schön, dass Politik so einfach ist…
Angela Merkel ist nicht zufällig die erste deutsche Bundeskanzlerin. Hat sie doch im Kampf um die Macht das größte Durchsetzungsvermögen, die härtesten Ellenbogen und die größte Gnadenlosigkeit bewiesen. Glauben zumindest Nathalia Daiber und Richard Skuppin, immerhin haben sie doch die "Merkel-Strategie" entdeckt. Wer"s glaubt… Von Bert Große
Aus journalistischer Perspektive ist Politik was Herrliches – ewige Diskussionen und nicht selten handfester Streit bieten immer Stoff zur Berichterstattung. Und da nicht erst seit Herbert Wehner bekannt ist, dass Organisation Politik ist, verwundert es kaum, dass sich weite Teile von politischer Auseinandersetzung um Personalrekrutierung und einträgliche Ämtervergabe drehen. Vita und politischer Lebensweg von Angela Merkel sind spätestens seit ihrer erfolgreichen Kanzlerkandidatur im letzten Sommer vielfach beschrieben worden, auch ihre innerparteilichen Auseinandersetzungen in der Union wurden oft thematisiert.
Nun könnte man meinen, mit der Analyse der Merkel-Strategie hätten Nathalia Daiber und Richard Skuppin in ihrem gleichnamigen Buch eine ganz besondere Entdeckung gemacht. Doch leider weit gefehlt – statt tiefgründiger Analyse, wissenschaftlichem Bezug und multidisziplinärer Forschung ist nur eine wenn auch gut lesbare CDU-Chronik der jüngsten Zeit entstanden.
Grundkurs Machiavelli
Die beiden Autoren, Politologin und Journalist, haben eine Herangehensweise am Beispiel Merkels personeller Auseinandersetzungen mit Helmut Kohl, über Edmund Stoiber bis Paul Kirchhof gewählt. Warum, verraten sie leider nicht. Statt politologischer, psychologischer oder soziologischer Fundierung und sauber belegten Annahmen erwartet den Leser Deskription mit angeschlossener Deutung auf Sachbuch-Niveau.
20 Seiten zu Merkels Abrechnung mit Helmut Kohl im Zug der CDU-Spendenaffäre werden mit folgenden "Erkenntnissen" abgeschlossen: 1) Keine Angst vor großen Tieren, 2) Behalte immer das Ziel im Auge. Erreichst Du es auf eine Weise nicht, dann versuche es eben anders. 3) Finde Dich auch in fremder Umgebung zurecht. Beobachte, lerne und handle dann. Jedes der insgesamt zehn Fallbeispiele wird mit ähnlichen Weisheiten komplettiert, die allesamt Machiavelli oder Robert Greenes, Power, Die 48 Gesetze der Macht entstammen könnten.
Leider verengen die Autoren ihren Politikbegriff schlicht auf personellen Streit. Zwar ist ihnen zuzubilligen, dass sie die Machtkonstellationen innerhalb der Union seit 1999 gut überblicken (soweit dies von außen eben möglich ist), aber ihre konsequente Ignorierung jeglicher politischer Aktivitäten von Angela Merkel machen die "Analyse" schlicht unglaubwürdig. Und es kann doch kein Beobachter ernsthaft glauben, dass 16 Jahre Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag und eine Karriere als Umweltministerin, Familienministerin, Fraktionsvorsitzende, Generalsekretärin, Parteivorsitzende und Bundeskanzlerin ohne politische Inhalte möglich wäre. Diesen Aspekt nahezu völlig zu vernachlässigen, macht die Analyse schlicht unglaubwürdig.
Gutes Pressearchiv, aber…
Hinzu kommt, dass Daiber/Skuppin auch journalistisch nicht sauber arbeiten. Seitenweise werden Mitstreiter, Beobachter und Gegner Merkels zitiert, leider in der Regel ohne jede Quellenangabe. Man mag ja mit dem Anspruch entgegnen, eben keine wissenschaftliche Analyse vorlegen zu wollen und aus Gründen der Lesbarkeit auf Quellenangabe zu verzichten, aber wenn sich die "Analyse-Ergebnisse" auf eben die Zitate beziehen…
Hinzu kommen gelegentliche grobe inhaltliche Fehler, wenn etwa der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel schon mal zum “Heinz” mutiert.
Richtig abstrus wird es, wenn die Autoren Merkels inhaltliche Annäherung an bundesdeutsche Politiker skizzieren. Beispiel gefällig? Im Kapitel zum Kampf mit Edmund Stoiber um die Kanzlerkandidatur 2002 heißt es auf Seite 56: "In den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts lebt die junge Physikerin Angela Merkel in einem Zustand apolitischen Schweigens. Doch sobald sie die Tür ihrer Wohnung in Ost-Berlin hinter sich schließt und den leidigen Abwasch macht, löst sich ihre Zunge. Wie ihre Kollegin Agnes Pockels nutzt sie die ungeliebte, mechanische Tätigkeit, um ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Doch im Gegensatz zur 18-jährigen Agnes, der beim Abwasch physikalische Formeln durch den Kopf spukten, beschäftigt sich Angela Merkel mit Politik. Jedes Mal, wenn sie die Hände ins schmutzige Abwaschwasser taucht, murmelt die Brandenburgerin mantrahaft die Namen westdeutscher Politiker leise vor sich hin: Helmut Kohl, Franz Josef Strauß, Helmut Schmidt." Auch wenn Daiber/Skuppin postulieren, dass Merkel Edmund Stoiber von dieser Angewohnheit berichtet haben soll, so ist doch Vorstellung einer beim Abwasch quasireligiös erleuchteten "Angie" wenig glaubwürdig.
Alles in allem kommt die Quellenanalyse der Autoren eher als Fleißaufgabe daher. Den Anspruch möglichst viele scheinbare Belege mit einem gut sortierten Pressearchiv zu belegen, erfüllen sie mit Bravour, aber Analyse im Sinne von Quellenkritik ist das nicht. Anscheinend beziehen sie ihre Informationen sämtlich aus veröffentlichten Sekundärquellen, da Interviews oder Expertengespräche im gesamten Buch nicht erwähnt oder gar dokumentiert sind.
Weil Politik eben doch nicht so schablonenhaft funktioniert
Die thematische Verengung des Buches, ein anscheinend komplett fehlender theoretischer Bezug und die großzügige Vernachlässigung jeglicher wissenschaftlicher und/oder journalistischer Ansprüche lassen eigentlich nur eine Schilderung politischer Ereignisse um Angela Merkel in den letzten sieben Jahren übrig. Die wenigstens sind gut lesbar. Aber eine "Strategie" haben die Autoren nicht gefunden. Wie auch, wenn sie nur danach gesucht haben, wie Angela Merkel innerparteiliche Machtkämpfe siegreich überstanden hat.
Harte Ellenbogen, ein Elefantengedächtnis und persönliche Loyalität nur soweit als nötig zeichnen wohl jede/n Karrieristen aus. Aber Kanzlerin wird man so nicht. Daher werden ernsthaft Interessierte von der Lektüre enttäuscht sein. Und alle, die schon immer wussten, dass in der Politik nur niedere Instinkte herrschen, dürfen sich mal wieder bestätigt fühlen.
Daiber, Nathalie; Skuppin, Richard,
Die Merkel-Strategie, Deutschlands erste Kanzlerin und ihr Weg zur Macht,
(2006), München, Hanser Verlag,
ISBN 3-446-40664-6, 204 S., 16,90 Euro
Die Bildrechte liegen beim Hanser Verlag. Der Verlag im Internet.
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