Russlands Suche nach seiner Rolle in der Welt
Nach dem Ende der Sowjetunion ist der Riese Russland nicht mehr in der Lage ein eigenständiges Gewicht zu bilden. Im Kalten Krieg noch eine von zwei Supermächten, die die internationale Politik dominierten, sucht ein territorial verkleinerter, militärisch und ökonomisch zurückgefallener Staat seine zukünftige politische Position. Dmitri Trenin analysiert in seinem Buch die neue Rolle Russlands in der Weltpolitik und zeigt dabei mögliche Wege und Irrwege auf. Von Norman Gutschow
Die Lage Russlands wird von Trenin als höchst unbequem erachtet. Rußland-Eurasien, das in der Gestalt der UdSSR seinen Höhepunkt an territorialer und kultureller Expansion erreicht hatte existiert für ihn nicht mehr, daher auch der englische Originaltitel The End of EURASIA.
Zudem enge der äußere Druck den Handlungsspielraum ein: Im Osten liegt ein immer stärker zusammenwachsendes Asien mit der aufstrebenden Wirtschaftsmacht China, im Süden besteht die Herausforderung des Islam in den ehemaligen Sowjetrepubliken, sowie auf eigenem Territorium und im Westen befindet sich ein zunehmend vereinigtes Europa mit der Wirtschaftsweltmacht EU, dazu die einzig verbliebene Weltmacht USA. Auf diese Herausforderungen gibt der Autor einige unkonventionelle Antworten.
Dmitri Trenin ist einer der führenden Auslands- und Sicherheitsexperten Russlands. Der Politologe ist stellvertretender Direktor des Carnegie Moscow Center, einem unabhängigen Think-Tank, der sich für mehr Demokratie einsetzt. Er ist ein überzeugter Anhänger von Russlands Integration in den Westen.
So hält Trenin eine "multipolare" Geopolitik für ungeeignet, da seinem Land die Ressourcen für eine Pol-Funktion fehlten. Er sieht die Gefahr, dass Russland an seinen "Drei Fronten", den wirklichen Machtzentren, aufgerieben wird. Die selbstkritische Einschätzung seines Landes macht die Lektüre so interessant, weil Trenin weder "Sowjet-Nostalgiker" noch Putin-Apologet, sondern Wissenschaftler ist, der geopolitische Argumente für seinen Standpunkt anführt.
Das Trauma des verlorenen ImperiumsSo verwendet er auch das erste Kapitel seines Buches auf die räumlichen Aspekte russischer Geschichte. Von den Anfängen der Kiewer Rus über die Eroberung des Kasaner Khanats, die Erschließung Sibiriens bis zu den sowjetischen Satellitenstaaten ist es die Geschichte von Expansion. Von Iwan dem Schrecklichen über Peter den Großen bis Josef Stalin gab es Gebietszuwächse durch Eroberung oder Kolonisation. Dieses über die Jahrhunderte gewachsene Imperium ist nun zerfallen. Aber die psychologische Wirkung auf die Menschen sei, so Trenin, eine andere als beim Zerfall des britischen Empire oder den französischen Kolonien, da diese überseeisch waren, während russische Kolonien integraler Bestandteil Russlands waren, einem Land, das die meisten seiner Menschen zu Sowjetzeiten nie verlassen haben.
Dass die Ukraine, Weißrussland und andere jetzt eigene Staaten sind, sei für viele Russen schwer zu verkraften. Der Wunsch nach nationaler Größe und sowjetischer Macht sei weit verbreitet, gerade auch bei den russischen Eliten.
Trenin sieht hier die Gefahren einer autoritären Diktatur, gleichzeitig aber auch die Unmöglichkeit wieder eine Supermacht zu werden. Russlands drei Fronten engen für ihn, im besten geopolitischen Sinn, die Möglichkeiten russischer Politik ein. Besonders die westliche Front stelle ein psychologisches Problem dar, seit die NATO durch Aufnahme der baltischen Staaten direkt an Russland angrenzt.
Zudem haben ehemalige Sowjetrepubliken wie die Ukraine oder Georgien das Fernziel EU- und NATO-Mitgliedschaft. Dies würde endgültig die bisher bestehende "Pufferzone" zwischen Russland und "dem Westen" auflösen. Daher ist es für Trenin von entscheidender Bedeutung, wie sich Russland gegenüber dem Westen verhält.
Isolationismus oder IntegrationEr skizziert drei mögliche Optionen für die russische Außenpolitik:
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| Dmitri Trenin |
Außerdem, so Trenin, hätte die russische Bevölkerung die schweren ökonomischen und politischen Folgen, weitere Stagnation in der Wirtschaft sowie ein mehr und mehr autoritäres Regime, zu tragen. Der Westen bekäme es zudem mit einem unkalkulierbaren Regime zu tun, das wie vormals die Sowjetunion "eingedämmt" werden müsste.
Daher favorisiert der Autor in dem Buch einen Weg hin zur Integration in den europäischen Westen, der auf lange Sicht Russland eine unabhängige, also nicht institutionelle Integration in den Westen ermöglicht. Diese liege zwar in weiter Ferne, aber dadurch, dass sich Russland auf der einen und die EU und die USA auf der anderen Seite, als gleichwertige Partner anerkennen, bestände die Möglichkeit zusammen bei der Verwaltung Zentralasiens und, in größerem Maßstab des globalen Systems zu arbeiten. Dies, so Trenin weiter, setzte aber ein Russland voraus, das sich für die dritte Möglichkeit entscheidet. Seinen Beitrag über die Chancen und Risiken des zukünftigen Weges der gestrandeten Weltmacht hat Dimitri Trenin mit diesem Buch eindrucksvoll geleistet.
Dmitri Trenin: Russland – Die gestrandete Weltmacht. Neue Strategien und die Wende zum Westen
Murmann, 2005, 351 Seiten
ISBN 3-938017-16-3, 24,90 Euro
Die Bildrechte liegen beim Murmann-Verlag und der NATO (Portrait Trenin).
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