Reisen für den Pass

20. Sep 2006 | von Christian Heise | Kategorie: Politisches Feuilleton

pass-cov.jpgOb Urlaub, Arbeit oder Studium – das Reisen über größere Distanzen ist heutzutage fast alltäglich geworden. Ein Berliner Kunstprojekt mit dem seltsamen Namen Takatako hat einen eigenen Reisepass entwickelt. Uwe Koch und Dietrich Kluge, die Initiatoren, erklären warum und wofür. Ein Interview von Christian Heise

“Man reist nicht um anzukommen, sondern um zu reisen”, stellte schon Johann Wolfgang von Goethe fest. Reisen heißt Bewegung: von einem Ort zum anderen, von einem Land zum anderen oder von einem Kontinent zum anderen. Die Erinnerungen zwischen Abfahrt und Ankunft werden heute schnell vergessen. Der Reisepass, Takatako, der eigentlich eine Art Notizheft ist, soll diesen Reiseerinnerungen ein Medium geben, an dem auch andere teilhaben können. Uwe Koch, Maler und Grafiker, hat ihn zusammen mit Dietrich Kluge entwickelt.

/e-politik.de/: Ich habe bereits einen Reisepass, wozu brauche ich dann Ihren?

Dietrich Kluge: Um sich zu erinnern. Ein Reisepass ist ja nichts weiter als ein Dokument zur bürokratischen Regelung (und nicht selten Reglementierung) transnationaler Bewegung. Wer keinen Pass besitzt, dessen Bewegung ist automatisch eingeschränkt. Bürokratie und Verwaltung regeln also notwendig unsere Fortbewegung. Aber wie steht es mit unserer Erinnerung? Der Dramatiker Heiner Müller hat in einem Interview einmal gesagt: “Verwaltungsakte produzieren keine Erfahrung.” Er meinte damit, dass die rein amtliche Dokumentation von (biografischen) Ereignissen eben gerade keine individuelle Erfahrung schafft. Denn Erfahrung entspringt dem Affekt, der Emotion und vielleicht gerade dem Unvollkommenen. Vielleicht ist hier der Vergleich mit einem katalogisierten Bild angebracht: Die Katalognummer eines Van Gogh oder Rembrandt in irgendeinem Magazin bestätigt ja nur die Existenz des Bildes. Das Bild selbst und die Art von Ansicht und Erfahrung, die es produziert, kann aber nicht dokumentiert werden. Um durch die Dokumentation der eigenen individuellen Transiteindrücke Erfahrungen zu produzieren und diese in ein Gesamtbild kollektiver Wahrnehmungen einfließen zu lassen, muss das Erlebte also möglichst unmittelbar aufgefangen werden.

/e-politik.de/: Muss ich besondere Anforderungen erfüllen, um daran teilzunehmen? Was muss ich tun um einen solchen Pass zu erhalten?

Uwe Koch: Jeder, der teilnehmen will und seine “Transiterfahrungen” mit anderen teilen möchte, kann einen Passport ordern. Notieren Sie, was während einer Reise in Ihnen vorgeht, was Sie wahrnehmen und subjektiv empfinden. Jeder, der an diesem Projekt teilnehmen möchte, kann den Takatako-Passport über die Galerie bestellen. Der Pass selbst ist kostenfrei, allerdings ist das Rückporto von 0,55 EUR beizulegen.

/e-politik.de/: Warum der Name Takatako?

ukport2.jpgKoch: Das Kunstwort Takatako erinnert in diesem Zusammenhang an die Akustik der mechanischen Bewegung im Zusammenspiel von Zug und Schiene. Es steht so als Metapher für Bewegung, ob “maschinell”, das heißt im Zug, Auto oder Schiff, oder aber als einfacher Schritt eines Fußgängers. Gleichzeitig stehen der erste und zweite Wortbestandteil in einem Spannungsverhältnis, dass wir als den Gegensatz zwischen Aufbruch und Ankunft verstanden haben: Auf taka folgt tako. Wer losgeht oder losfährt, muss irgendwann ankommen, gleich wo. Das für uns Interessante liegt genau zwischen diesen beiden Ereignissen. Sozusagen der unsichtbaren Silbe zwischen taka und dem notwendigen tako.

/e-politik.de/: Wie und wann sind Sie auf die Idee für dieses Projekt gekommen?

Koch: Mit dem Thema Reisen, Wege und Bewegung habe ich mich schon seit einigen Jahren beschäftigt. Es lag dann einfach nahe, den bildnerischen Arbeiten ein lebendiges Projekt zur Seite zu stellen. In einer ersten Ausstellung im März diesen Jahres haben wir dann zum ersten Mal das Projekt gleichzeitig mit den Bildern vorgestellt und erste Passports öffentlich ausgegeben.

/e-politik.de/: Wie viele von den ausgegebenen Takatako-Pässen sind schon zurückgekommen?

Kluge: Aktuell ist von den ausgegebenen Passports erst ein kleiner Teil zurückgekehrt. Diese erreichten uns allerdings aus fast allen Teilen der Welt. Je mehr Transiterfahrungen wir dokumentieren und auf unserer Projektseite www.takatako.de zu einem Netz zusammenführen können, desto interessanter wird das Projekt.

/e-politik.de/: Was haben Sie mit den zurückgekommenen Pässen vor? Was passiert wenn nicht alle zurückkommen?

Koch: Jeder zurückgekehrte Pass hat eine Bewegung zwischen zwei Koordinaten vollzogen und ist damit zu einem Teilstück des entstehenden “Erfahrungsnetzes”, zum Bestandteil eines “hypothetischen Ortes” geworden. Und dies für einen sehr kurzen und flüchtigen Zeitraum. Wir beschreiben das im Projekt als eine Zwischenzeit, in welcher es eine “flüchtige Wahrnehmung” gibt. Diese wollen wir mit dem so entstehenden Netz zusammenführen und bewahren. Mit unseren Passports soll somit ein universelles Erfahrungsnetz sichtbar werden. Dass nicht jeder ausgegebene Pass den Weg zurück zum Projekt findet, ist einkalkuliert.

/e-politik.de/: Haben Sie selber einen solchen Pass?

Koch: Als die Initiatoren des Projekts haben wir die Idee mit den “reisenden Notitzheften” als eine Initiation in Bewegung gesetzt und uns mit den zurückkehrenden Erfahrungen beschäftigt. Das Wachsen des Netzes liegt somit in den Händen der potentiellen Teilnehmer.

/e-politik.de/: Wie finanziert sich das Projekt? Wer steckt noch dahinter?

dk.jpgKluge: Das Projekt haben wir selbst finanziert. Uns war wichtig, dass der Passport, abgesehen von dem Briefporto, für alle interessierten Teilnehmer kostenfrei ist. Dafür hoffen wir natürlich, dass auch möglichst viele Pässe zu uns zurückkehren. Allerdings ist die erste Druckauflage fast vergriffen, und wir hoffen, die nächste Auflage in vielleicht größerer Höhe mit Hilfe eines oder mehrerer Sponsoren produzieren zu können. Für die Teilnehmerbetreuung und den Versand der Passports nutzen wir die Logistik der Berliner Galerie, in welcher das Projekt im März diesen Jahres gestartet wurde.

/e-politik.de/: Ist das ein Projekt auf Zeit? Wenn nein, wie stellen Sie sich die Zukunft Ihrer Idee vor?

Kluge: In die Zukunft gedacht bedeutet das für uns, möglichst viele Passports ausgeben zu können und abzuwarten, wie das Erfahrungsnetz wächst. Das kann im Übrigen jeder auch über das Internet verfolgen. Diesen Wachstumsprozess wollen wir, wie gesagt, mit einer zweiten Auflage voranbringen. Darüber hinaus planen wir eine Ausstellung der gesammelten Erfahrungen mittels der zurückgekehrten Passports und die Edition eines umfangreichen Künstlerbuches.

/e-politik.de/: Wo ist da die Kunst?

Koch: Die Antwort gibt das Projekt, die diesem zugrunde liegende bildnerische Arbeit und das langsam entstehende Netz der Erfahrungen selbst.

/e-politik.de/: Herzlichen Dank für dieses Gespräch.



Weiterfürende Links:

http://www.takatako.de/


Die Bildrechte liegen bei Dietrich Kluge und Uwe Koch


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