Politische Interessen der USA in Südasien
Während des Kalten Krieges war Südasien von großer geopolitischer Bedeutung für die USA. Seit dem Aufstreben Chinas zu Weltmachtstatus hat sich dieses Interesse verstärkt. Pakistan als Partner im Kampf gegen den Terrorismus, und Indien als strategisches Gegengewicht zu China spielen dabei eine gewichtige Rolle. Von Alexander Wolf
Das Interesse der Vereinigten Staaten für Südasien war in der Zeit des Kalten Krieges von der Eindämmung der Sowjetunion geprägt. Der Versuch, Indien für die westliche Allianz zu gewinnen, scheiterte an dem Festhalten Nehrus an der neu gewonnenen Unabhängigkeit. Dennoch waren die USA das wichtigste Entwicklungshilfegeberland in den 50er und 60er Jahren.
Im Gegensatz zu Indien, das die blockfreie Bewegung gründete, konnten die USA Pakistan durch den von ihnen beeinflussten Bagdader Pakt (1955, später Central Treaty Organization) und die South East Asia Treaty Organization (1954, SEATO) als Alliierten gegen die Sowjetunion an sich binden.
Die USA bemühten sich lange zu versichern, dass die von ihnen betriebene Aufrüstung Pakistans nicht gegen Indien gerichtet sei, sondern gegen die UdSSR. Im indisch-chinesischen Grenzkrieg von 1962 unterstützten sie Indien sogar wirtschaftlich und militärisch. Nach der indischen Niederlage sah sich die Führung in Neu Delhi plötzlich von zwei Seiten bedroht, da der Nachbar Pakistan zwischenzeitlich auch mit China eine militärische Partnerschaft eingegangen war.
Der zweite indisch-pakistanische Krieg 1965 demonstrierte das Scheitern der US-Politik in Südasien, die bis dahin das Ziel verfolgt hatte, beide Staaten für die Eindämmung des Kommunismus zu gewinnen. Sowohl die Beziehungen der USA zu Indien als auch zu Pakistan hatten sich verschlechtert, so dass die USA die Friedensregelung bereitwillig der UdSSR überließen und ihr Augenmerk verstärkt auf Südostasien richtete.
Tiefpunkt der indisch-amerikanischen Beziehungen
Der dritte indisch-pakistanische Krieg 1971 markierte den Tiefpunkt in den indisch-amerikanischen Beziehungen. Indien versuchte, die USA darauf zu drängen, auf Pakistan Einfluss zu nehmen, um den Bürgerkrieg in Ostpakistan und die Flüchtlingsströme nach Indien zu beenden – jedoch ohne Erfolg. Daraufhin intervenierte Indien am 3. Dezember 1971 offiziell in den Bürgerkrieg. 13 Tage später wurde Pakistan geteilt. Als die USA mit der Entsendung eines Flottenverbandes in den Golf von Bengalen reagierten und fast zeitgleich ankündigten, mit China über eine Normalisierung der Beziehung verhandeln zu wollen (Ping-Pong-Diplomatie), schloss Indien aus Angst vor einer Achse Washington-Islamabad-Peking den Freundschaftsvertrag mit der UdSSR.
Der Atomtest von 1974 machte Indiens Ambitionen deutlich, als asiatische Großmacht eine eigenständige Rolle in der Weltpolitik zu spielen. Da es erklärtes Ziel der USA war, keine weiteren als die damalig fünf anerkannten Atommächte aufkommen zu lassen, wurden Indien wie auch Pakistan mit Sanktionen belegt. Auf Grund der indischen Atomtests strebte Pakistan seit Herbst 1979 ebenfalls die nukleare Kriegsfähigkeit an. Der amerikanische Versuch, Pakistans Nuklearprogramm durch Sanktionen abzuwenden, führte im November des Jahres zur Erstürmung und Brandschatzung der US-amerikanischen Botschaft.
Die dramatischen Änderungen in der internationalen Konstellation 1979 befreiten jedoch Pakistan aus seiner zunehmend isolierten Lage. Als im Iran Ayatollah Khomeini nach der islamischen Revolution eine Theokratie ausrief, erlangte Pakistan eine neue geographische und politische Bedeutung. Durch den Ausfall des Iran als regionale Ordnungsmacht für die Amerikaner mussten sich die USA Pakistan wieder annähern. Diese Bedeutung Pakistans wuchs mit dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan Ende 1979, der das Land zum “Frontstaat” im Kalten Krieg machte. Die damit einhergehende umfangreiche militärische Aufrüstung Pakistans belastete wiederum die indisch-amerikanischen Beziehungen.
Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts (ab 1990)
Nach dem Rückzug der Sowjets aus Afghanistan im Jahr 1989 begannen die USA ihre Südasien-Politik zu überdenken. Pakistan hatte seine Schuldigkeit getan. Nachdem das Nuklearprogramm und die Islamisierung von Staat und Gesellschaft jahrelang aufgrund Pakistans Rolle als Frontstaat toleriert worden waren, sorgte sich Washington nun um eine “islamischen Bombe”. Im Oktober 1990 wurden Sanktionen gegen Pakistan verhängt und die Wirtschaftshilfe stark eingeschränkt. Dazu verstärkte Washington den Druck auf Pakistan, sein Nuklearprogramm einzufrieren und zusammen mit Indien den Atomteststoppvertrag zu unterzeichnen.
Die Entfremdung Washingtons von Pakistan ging einher mit einer Annäherung an Indien. Im Gefolge der indischen Wirtschaftsreformen Anfang 90er-Jahre wurden die USA Indiens wichtigster Handelspartner. Amerikanische Firmen begannen den neuen Absatzmarkt zu erschließen und die Geopolitiker in Washington zeigten angesichts der US-Präsenz am Golf verstärkt strategisches Interesse am Indischen Ozean. So blieb man milde mit Indiens nuklearen Ambitionen und verzichtete auf weitere Sanktionen. 1992 nahmen erstmals Schiffe der Kriegsmarinen beider Länder an einem gemeinsamen Manöver teil. Mitte der 90er-Jahre machten die USA sich schließlich die Position Neu Delhis zueigen, nach welcher der Kaschmir-Konflikt bilateral gelöst werden müsse. Sie ermahnten Islamabad wiederholt, seine Unterstützung kaschmirischer Separatisten aufzugeben.
Die alten Vorbehalte blieben aber weiter bestehen. Die USA behielten das indische Nuklearprogramm misstrauisch im Auge und warnten Neu Delhi wiederholt davor, sein Raketenprogramm voranzutreiben.
Trotz der verbesserten Beziehungen mit Indien erwies es sich bis 1998 als vergleichsweise schwierig, das Interesse der politische Entscheidungsträger in den USA für Südasien zu wecken. Das änderte sich mit den Nuklearwaffentests von Indien und Pakistan im Mai 1998 und der darauf folgenden Gefahr einer atomaren Ausweitung der 1999 wieder aufgeflammten Auseinandersetzungen um Jammu und Kaschmir im Gebiet Kargil. Wegen der Nukleartests der beiden neuen Atommächte wurden sie erneut mit Sanktionen der Weltgemeinschaft belegt. Im Falle Indiens wurden die Handelshemmnisse aber weit weniger restriktiv verfolgt, auch weil Indien und die USA einen bilateralen Dialog zu Nuklearfragen verfolgten und Indien gewillt war, selbst ohne Mitglied im Nichtverbreitungsvertrag (NVV) zu sein, sich an gewisse Prinzipien wie Nichtweiterverbreitung zu halten. Ein weiterer Grund war, dass die indische Demokratie ihre Wirtschaft liberalisiert hatte und sich in den Weltmarkt integrierte. Dadurch stieg amerikanische Interesse für Indien.
Für die USA stellte und stellt Indien mit seiner 150 bis 250 Millionen Menschen umfassenden Mittelschicht einen der größten Wachstumsmärkte dar. Die USA sind mit Abstand der größte bilaterale Handelspartner Indiens, fordern aber weiter eine Beschleunigung der indischen Reformen und kritisieren die ausufernde Bürokratie bei Genehmigungsverfahren sowie die wachsende Staatsverschuldung Indiens.
Unter der Clinton-Administration wurde die Förderung der Demokratie zu einem Schwerpunkt der US-Außenpolitik. Dadurch stieg Neu Dehli in der Gunst der Amerikaner, im Gegensatz zu Islamabad. Kaum ein Ereignis demonstrierte die neuen Verhältnisse auf dem Subkontinent deutlicher als die historische Südasien-Reise von US-Präsident Bill Clinton im März 2000. Clinton ließ sich damals nur mit Mühe davon abhalten, auf einen Besuch Pakistans ganz zu verzichten. Im Rahmen eines Kurzbesuches, nach längeren Aufenthalten in Bangladesh und Indien, forderte Clinton in Islamabad die Militärmachthaber zur schnellen Rückkehr zur Demokratie und zum Dialog mit Indien über den Konflikt in der Kaschmir-Region auf. Eine eindeutige Parteinahme für Indien.
Lesen Sie hier auf /e-politik.de/ den zweiten Teil der Politischen Interessen der USA in Südasien nach dem 11. September.
Weiterführende Links:
Der indisch-pakistanische Konflikt: http://www.suedasien.net/themen/konflikte/indo-pak.htm
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