Die Politischen Interessen der USA in Südasien – Teil 2

07. Nov 2006 | von freier Autor | Kategorie: Sicherheitspolitik, USA

TEIL_2_George_W._Bush_und_Pervez_Musharaff.jpg Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 rückte Südasien noch stärker ins Zentrum amerikanischer Sicherheitspolitik. Zentrale sicherheitspolitische Bedrohungsszenarien, wie die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, religiöser Fundamentalismus, Terrorismus und Drogenhandel, sind in der Region auf vielfältige Weise miteinander verbunden. Von Alexander Wolf

Pakistan bleibt für die USA seit dem 11. September ein wichtiger regionaler Verbündeter im Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Indien jedoch spielt in den strategischen Überlegungen des Weißen Hauses zur zukünftigen Stabilität der gesamten asiatischen Region eine weitaus größere Rolle. Die USA zielen langfristig darauf ab, Indien als mögliches strategisches Gegengewicht zu China in Position zu bringen. Die gemeinsamen demokratischen Werte werden als Grundlage für die internationale Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terrorismus gesehen, da ihrer Meinung nach demokratisch und marktwirtschaftlich organisierte Staaten das Hauptziel terroristischer Attacken bilden.

Atomfrage

Ein indischer Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag (NVV) ist für Washington keine unabdingbare Voraussetzung mehr für eine engere sicherheitspolitische Kooperation. Die USA haben Indiens Status als Nuklearmacht akzeptiert und sehen Indien nicht mehr als Teil des “nuklearen Problems”, sondern als Teil der Lösung an. Diesen Status hat die Bush-Regierung Pakistan nicht zugestanden, da Pakistan wegen Atomwaffen und islamischem Fundamentalismus selbst ein “country of concern” ist.

Die Beziehungen zwischen Indien und den USA haben mit der Unterzeichnung des Abkommens über die zivile Nutzung der Atomenergie am 2. März 2006 einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Nach über 30 Jahren können die USA ihre Sanktionen gegen Indien aufheben, die seit dem ersten Atomversuch Indiens 1974 das bilaterale Verhältnis belastet haben. Im Gegenzug für seine De-facto-Anerkennung als Atommacht unterstellt Indien die zivilen Teile seines Nuklearprogramms der Aufsicht der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) und erhält Zugang zu ziviler Nukleartechnologie der USA. Das militärische Atomprogramm bleibt davon jedoch unberührt.

Positionierung im internationalen System und dessen Struktur

Indien ist jedoch nicht bereit, für eine engere Kooperation mit den USA auf eine eigene strategische Option für die Zukunft zu verzichten. Parallel zum Ausbau seiner Partnerschaft mit Washington ging Neu Delhi daran, seine Beziehungen zu Peking weiterzuentwickeln. Indien sieht in China derzeit weniger ein strategisches Problem als eine wirtschaftliche und politische Möglichkeit, selbst an Gewicht zu gewinnen. Auch war Neu Delhi 2003 nicht bereit, von Washington gewünschte Soldaten in Divisionsstärke in den Irak zu entsenden.

Trotz der auch weiterhin dominanten Position der USA wird die Herausbildung eines neuen Mächtedreiecks in Asien zwischen China, Indien und den USA immer deutlicher. Die Crux dieses neuen Machtdreiecks ist die Sorge eines jeden Akteurs, die beiden anderen könnten sich gegen ihn verbünden. Diese Sorge existiert auf allen drei Seiten, ist aber besonders groß bei den beiden (derzeit noch) schwächeren Akteuren China und Indien. Beide haben Anstrengungen unternommen, um der perzipierten Kooperation der jeweils anderen Seite mit den USA entgegenzuwirken.

Obwohl im Vergleich zum Kalten Krieg die Gemeinsamkeiten zwischen Indien und den USA heute überwiegen und altbekannte Divergenzen wie die Problematik des NVV oder des Technologietransfers durch die neuen Verträge beseitigt werden konnten, bleiben in einigen wichtigen Bereichen weiter Uneinigkeiten bestehen. Besonders wichtig ist hierbei die Struktur des internationalen Systems. Während die USA eine Politik des Unilateralismus verfolgen, stellt dieser für Indien eine Einmischung in seine inneren Angelegenheiten dar und weist ihn strikt zurück.

Die Betonung einer multilateralen Weltordnung und die Ablehnung des amerikanischen Hegemonieanspruchs verbinden Indien und China. Die Vorstellung von einer unipolaren und einer multipolaren Weltordnung schließen einander nicht zwangsläufig aus. In den USA ist wiederholt eine Zusammenarbeit mit Schlüsselstaaten in den verschiedenen Weltregionen erörtert worden, um amerikanische Interessen durchzusetzen. Dabei nimmt die Indische Union einen wichtigen Platz ein, was sich wiederum mit den indischen Ambitionen auf eine größere internationale Rolle, beispielsweise einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat, deckt.

Südasien in der Zukunft

Bei aller Wichtigkeit, welche Indien in den strategischen Planungen des Weißen Hauses einnimmt, darf Pakistan nicht vergessen werden. Pakistan ist in der Atompolitik weder durch den NVV noch durch ein bilaterales Abkommen (im Gegensatz zu Indien) gebunden. Eine weitere Islamisierung und Radikalisierung der schon jetzt latent anti-amerikanischen Bevölkerung Pakistans könnte die USA in einigen Jahren vor das gleiche Problem stellen wie in Afghanistan zur Zeit der Taliban-Herrschaft. Nur, dass dieses Pakistan dann über Atomwaffen verfügt. Eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage Pakistans kann dem entgegenwirken. Deshalb sollten die USA an einer bilateralen Verständigung in der Kaschmir-Frage interessiert sein, um so die Einbindung Pakistans in den südasiatischen Wirtschaftsraum voranzutreiben.

Mit der gestiegenen geopolitischen Rolle Südasiens, dem Stellenwert im Kampf gegen den Terrorismus, in der Frage der Menschenrechte, der Nichtweiterverbreitung von Nuklearwaffen und des Drogenhandels, aber auch durch den wirtschaftlichen Aufschwung Chinas und Indiens sowie die Nähe zu den erdöl- und erdgasreichen Gebieten des Mittleren Ostens und Zentralasiens hat sich der amerikanische Fokus zwar nicht vollständig, so doch sehr stark von Europa auf Asien gewandelt. Ob sich Indien von den USA als Gegengewicht zu der VR China instrumentalisieren lässt, bleibt zu bezweifeln. Realistischer scheint die Wandlung des internationalen Systems zu mehr Multipolarität, da mit China bereits eine Herausforderung der amerikanischen Macht besteht und sowohl die USA als auch China bei dem Versuch, Indien als Partner gegen den jeweils anderen zu gewinnen, dem Land zum Weltmachtstatus verhelfen werden.

 


Lesen Sie hier den ersten Teil von Politische Interessen der USA in Südasien.

 


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