Patienten – Nutzer oder "Kunden"?

15. Aug 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

cover_Gellner.gifBisherige Gesundheitsreformen konzentrierten sich vornehmlich auf die Erschließung neuer Finanzmittel, um den chronisch maroden “Medizinstaat” am Leben erhalten zu können. Patienteninteressen spielten dagegen nur eine untergeordnete Rolle, obwohl sie eine wichtige Option darstellen, wenn es um gesundheitspolitische Reformmaßnahmen geht. Von Melanie Pleuger

Rund 79 Millionen gesetzlich und privat Versicherte finanzieren mit einem Beitragsaufkommen von 165 Milliarden Euro das Gesundheitssystem. Eigentlich sollen sie im Zentrum dieses Systems stehen und nicht die Einzelinteressen von Ärzten, Apothekern, Krankenkassen und pharmazeutischen Unternehmen. Der von Winand Gellner und Andreas Wilhelm herausgegebene Sammelband Vom klassischen Patienten zum Entrepreneur? Gesundheitspolitik und Patienteninteresse im deutschen Gesundheitssystem versucht ein umfassendes Bild vom Bürger als Patient zu entwickeln. Im Zentrum stehen die Interessen, Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster sowie Erwartungen der Patienten und Versicherten im Bereich der Gesundheitspolitik.

Das GKV-Modernisierungsgesetz als Katalysator für eine Neubestimmung der Patientenrolle?

Mit dem GKV-Modernisierungsgesetz wurden im Jahr 2004 erstmals Beteiligungsformen für Versicherte und Patienten geschaffen, die einen zentralen Einschnitt in die bis dahin gültigen Entscheidungsstrukturen markieren: Im Gemeinsamen Bundessausschuss, dem höchsten Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Krankenkassen und Krankenhäuser, sitzen erstmals auch Vertreter von Patientenorganisationen, die bei Entscheidungen um Leistungsdefinitionen und -ausschlüsse der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) mitwirken.

Mit der Bundesbeauftragten für die Belange der Versicherten und Patienten wurde vom Gesetzgeber auf der höchsten politischen Ebene eine Ansprechpartnerin für Patientinnen und Patienten geschaffen. Des weiteren erhielten die GKV-Versicherten die Möglichkeit, sich eine Patientenquittung über die erbrachten ärztlichen Leistungen ausstellen zu lassen, um damit erfahren zu können, wie viel ihre Behandlung gekostet hat. Im Zuge dieser gravierenden Veränderungen stellt sich somit die Frage einer Neubestimmung der Rolle des Patienten und Versicherten.

Patienteninteressen im Mittelpunkt des Gesundheitssystems?

Für die Autoren ergeben sich daher folgende zentrale Forschungsfragen: Entspricht das tradierte Rollenverständnis der Versicherten und Patienten noch der heutigen Zeit? Wie werden heute die Interessen der Versicherten und Patienten bei Gesundheitsreformen vertreten und vom Gesetzgeber berücksichtigt? Oder muss das Patienteninteresse – aufgrund der Partikularinteressen der traditionell dominierenden Akteure (Ärzte, Krankenkassen, Apotheker, Pharmahersteller) – weit stärker als bisher in den Mittelpunkt aller Reformbemühungen gestellt werden?

Patienten: reformbereit oder -unwillig?

Basierend auf ausgewerteten Einzelfragen im Rahmen einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage ermittelt Andreas Wilhelm die Interessen, Einstellungsmuster sowie Erwartungen der Bürger im Bereich der Gesundheitspolitik, um diese anschließend näher zu beleuchten. Die Umfragen belegen zum Beispiel deutlich, dass sich die Mehrheit der Bürger offen für Reformen im Bereich der Gesundheit zeigt, von der in den Medien oft genannten Totalverweigerung der Bürger bezüglich ihrer Reformbereitschaft kann daher für das Gesundheitssystem nicht gesprochen werden.

Traditioneller Leistungsnutzer versus individualistischer Entrepreneur

portrait gellner.jpgAnhand der Dimensionen “Repräsentation” und “Regulation” entwickelt Winand Gellner (Bild links) eine empirisch fundierte und differenzierte Patienten-Typologie: Der traditionelle Leistungsnutzer, der sich im vorhandenen System der gemeinsamen Selbstverwaltung gut aufgehoben fühlt und passiv Leistungen in Anspruch nimmt, steht dem individualistischen Entrepreneur, dem gut informierten und äußerst veränderungsbereiten “Kunden” gegenüber.


Ergänzt wird die Untersuchung durch eine Analyse von Gesine Gerber zur Arbeit von Patientenorganisationen in Deutschland und einem Interview mit der Patientenbeauftragten Helga Kühn-Mengel, durchgeführt von Christian Wiegrebe. Abgeschlossen wird der Band durch eine Studie von Erika Tesar über das tschechische Gesundheitssystem und Thesen zu einer zukünftigen Gesundheitsreform aus ökonomischer Perspektive von Hans Joachim Allinger.

Patienteninteressen: Quo vadis?

Es bleibt festzuhalten, dass Patienteninteressen in der Politikwissenschaft bisher nur unzureichend untersucht worden sind. Den Autoren gelingt damit fast ein Novum in der Forschung: Sie haben ihr Ziel erreicht, die Interessen, Einstellungsmuster und Erwartungen von Patienten ausführlich zu analysieren und eine Patienten-Typologie zu generieren.

Anstelle der Untersuchung des tschechischen Gesundheitssystems und der Notwendigkeit einer Gesundheitsreform aus ökonomischer Sicht wäre eine Analyse der positiven Effekte im Gesundheitssystem durch eine stärkere Patientenbeteiligung und Beachtung der Patienteninteressen (wie z. B. höhere Zuverlässigkeit bei der Therapie und Zufriedenheit der im Gesundheitswesen Beteiligten) wünschenswert gewesen.

Zu kurz kommt auch die Sichtweise der traditionell dominierenden Akteure im Gesundheitswesen wie zum Beispiel Ärzte und Krankenkassen zu einer stärkeren Patientenbeteiligung und Berücksichtigung der Versichertenanliegen.

Offen bleibt auch eine der zentralsten Fragen: Patientenbeteiligung - quo vadis? Wie werden die Durchsetzungsmöglichkeiten weiterer Mitwirkungsmöglichkeiten für Patienten und die Durchsetzung weiterer Rechte beurteilt? Trotz der genannten ungelösten Fragestellungen eine insgesamt sehr interessante und umfassende Untersuchung zum Thema “Patienteninteressen im Gesundheitssystem”

Das Buch richtet sich in erster Linie an Fachleute, Sachverständige und Experten. Für den interessierten Patienten ist es nur bedingt zu empfehlen, da Vorkenntnisse in Bezug auf das Gesundheitssystem vorausgesetzt werden.

Winand Gellner, Andreas Wilhelm (Hrsg.),

Vom klassischen Patienten zum Entrepreneur? Gesundheitspolitik und Patienteninteresse im deutschen Gesundheitssystem.

2006, Baden-Baden Nomos Verlagsgesellschaft,

130 S., ISBN 3-8329-1702-0, 25,00 Euro


Die Bildrechte liegen beim Nomos Verlag (Cover) und der Universität Passau (Portrait). Der Verlag im Internet.



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