Ökonomische Begriffe

18. Jan 2006 | von Christoph Rohde | Kategorie: Politisches Buch

Handwoerterbuch MITTEL.jpgSpielen in den Zeiten der alles umfassenden Globalisierung nationale ökonomische Systeme überhaupt noch eine Rolle? Ja, meinen die Autoren des Handwörterbuchs, die auf 500 Seiten die Grundbegriffe des ökonomischen Systems der BRD systematisch darstellen.Von Christoph Rohde

Ökonomische Rezepte zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands gibt es viele, doch oft folgen sie populistischen Annahmen, nicht aber realistischen Verwirklichungsmöglichkeiten. Über die komplexe Verzahnung der deutschen Wirtschaft mit lokalen, regionalen und globalen Institutionen gibt das Handwörterbuch des ökonomischen Systems der Bundesrepublik Deutschland in übersichtlicher Weise Auskunft.

Begriffe, Institutionen, Phänomene

Herausgeber Klaus Schubert hat das Ökonomiehandbuch nach alphabetischen Stichworten organisiert. Reine Begriffsdefinitionen aus dem politikökonomisch-institutionellen Bereich sind dabei ebenso zu finden wie orthodoxe betriebs- und volkswirtschaftliche Sachverhalte und Fachbegriffe. Diese Begriffe werden in breitere gesellschaftspolitische Kontexte eingebunden. Von der Armut über die Gleichstellungspolitik bis zum militärisch-industriellen Komplex reicht das Analysespektrum. Hilfreich sind Graphiken, die organisatorische Pfade beschreiben sowie Statistiken, anhand derer quantitative Entwicklungen visuell gut nachzuvollziehen sind. Nachteilig ist dabei, dass viele Statistiken nur Entwicklungen bis zum Jahr 2000 berücksichtigen. 121 kurze, mittelgroße und bis 11 Seiten lange Artikel ergeben ein 500 Seiten umfassendes Kompendium. Die Beiträge enthalten jeweils nützliche Literaturhinweise. Die Länge der Beiträge hätte im Index durch Hervorhebungen allerdings noch deutlicher betont werden können.

Geschichte der Wirtschaftswunders

Interessant ist die unterschiedliche Darstellung der Entwicklung der Außenwirtschaft der BRD und der DDR. Das Wirtschaftswunder kann aus verschiedenen Gründen als Phänomen betrachtet werden, welches nur im Westen zum Tragen kam. Denn während im Westen der Kapitalstock nach dem Krieg schnell wiederhergestellt werden konnte, kam es im Osten zu massiven Demontagen. Die USA sorgten mit dem Marshall-Plan für die notwendigen Investitionshilfen, dem Osten wurde keine derartige Hilfe zuteil. Das Gros der qualifizierten Arbeitskräfte ging in die Westsektoren, weil es dort bessere Karrierechancen gab. Die USA zeigten sich seit Beginn des Korea-Krieges als unersättlicher Nachfrager, während die junge DDR kaum Devisen erwirtschaften konnte.

Von besonderer Bedeutung ist auch die Tatsache, dass sich die BRD ins weltwirtschaftliche System der Zollsenkungsrunden integrieren und aufgrund des erfolgreichen Qualitätswettbewerbs dauerhaft Weltmarktanteile erobern konnte, während die DDR in einem relativ geschlossenen Wirtschaftsraum (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) wenig für die internationale Wettbewerbsfähigkeit tun konnte. Bei der Wiedervereinigung, so Karl Georg Zinn, wurde die DDR-Wirtschaft einer Schocktherapie unterzogen, der viele Betriebe nicht standhalten konnten. Die Kosten des folgenden schnellen Zusammenbruchs der DDR-Wirtschaft sind bis heute in Form welthistorisch einmaliger Transferzahlungen von West nach Ost in Billionenhöhe deutlich zu spüren.

Arbeitslosigkeit

Sorgfältig werden die theoretischen Ursachen des Phänomens Arbeitslosigkeit analysiert. Die Inkongruenz zwischen Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage wird in ihrer Komplexität dargestellt. Trotz des notwendigerweise lexikalischen Charakters der Beiträge werden methodologische Probleme bei der Messung von Phänomenen zumindest angesprochen. Die Definition der Arbeitslosigkeit als Bestandsgröße zieht ein Bündel von Problemen nach sich. In seinem Beitrag teilt Fred Henneberger die Ursachen der Arbeitslosigkeit sinnvollerweise in soziologische, strukturelle und technologische Faktoren ein. Dazu kommen nicht kalkulierbare Veränderungen in der Nachfragestruktur, die eine zunehmende Individualisierung der Kundenwünsche aufweist. Die reine Massenindustrieproduktion wird daher immer weiter an Bedeutung bei der Schaffung von Arbeitsplätzen abnehmen.

In einer oftmals populistisch geführten Debatte um Maßnahmen zur Behebung des Problems der Massenarbeitslosigkeit zeigen die Autoren, dass moderne Phänomene wie Hysteresis eine langfristige Zunahme der Arbeitslosigkeit unvermeidbar machen. Die Politik hat nicht mehr die Steuerungskapazitäten, um das Ziel einer wie auch immer definierten “Vollbeschäftigung” zu erreichen. Dieses Ziel wird immer mehr zu einer Fiktion. Etwaige Ansätze zur Abmilderung der Folgen der Arbeitslosigkeit lokalisiert Henneberger eher auf der Ebene der Flexibilisierung des Arbeitsangebots und in einer Dezentralisierung institutioneller Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.

Energiepolitik

In seinem Beitrag zur Energiepolitik verdeutlicht Joachim Grawe, dass Energie nicht erzeugt, sondern nur umgewandelt werden kann. Er zeigt, dass der Anteil an regenerativen Energien im Verhältnis zu Vermögensenergien (fossile Brennstoffe) auf Dauer zunehmen muss. Denn fossile Brennstoffe machen 80-90% des weltweiten Primärenergieverbrauchs aus.

Deutschlands Energieversorgung basiert auf einem Energiemix. Der Anteil regenerativer Energien wird sukzessive erhöht, spielt aber noch keine substanzielle Rolle bei der Versorgung. Wie die jüngsten Energiekonflikte zum Beispiel zwischen Russland und der Ukraine sowie die mögliche Gefährdung der Ölversorgung durch einen Konflikt mit dem Iran zeigen, wird Deutschland weitere strategische Anpassungen zur Sicherung der Energieversorgung treffen müssen. Dazu gehören eine Regeneration der einheimischen Stein- und Ausweitung der Braunkohleproduktion sowie eine bei einem dauerhaften Preisanstieg von Erdöl und Erdgas politisch möglicherweise durchsetzbare Renaissance der Kernenergie. Deutschland ist ein Vorreiter beim Versuch, eine sinnvoll synthetisierte Energie- und Umweltpolitik aufzubauen.

Lebenslanges Lernen, Weiterbildung

Auch für den vom ökonomischen System persönlich betroffenen Staatsbürger bietet das Handwörterbuch wertvolle Hinweise an. Der Beitrag zum Thema Aus-, Fort- und Weiterbildung macht dem potenziellen Teilnehmer am Arbeitsmarkt klar, dass eine einmalige Grundausbildung nicht mehr der Weg zu einer sicheren Beschäftigung darstellt. Statt dessen sollten im dualen Ausbildungssystem Erstausbildung und Fortbildung Hand in Hand gehen. Das Schlagwort vom lebenslangen Lernen, dem ein eigener Beitrag gewidmet ist, wird dabei mit Substanz gefüllt. Lernen wollen als Mentalität, nicht Lernen müssen als reine Technik der Kursteilnahme ist dabei gefragt. Ein potenzieller Bewerber auf dem Arbeitsmarkt kann sich in diesem Sammelband mit neueren Begrifflichkeiten vertraut machen. Und der Student, der in einschlägigen Fachbüchern meist sehr formal abgehandelte außenhandelstheoretische Phänomene nun gar nicht versteht, bekommt hier Zusammenhänge auf verbalem Weg in verständlicher Weise dargelegt.

Pluralismus von Themen und Einstellungen

Insgesamt stimmen die verschiedenen Autoren dem in verschiedenen ökonomischen Fachkreisen üblichen neoliberalen Einstellungen nicht einfach zu. Sie stellen ökonomische Theorien sowie soziale Folgen ökonomischer Maßnahmen in ergänzender Weise gegenüber. Allerdings kommen Fragen der Wirtschaftsethik nur implizit zu Wort. Die Breite der Themen sowie die Klarheit der begrifflichen Abgrenzungen machen das Handwörterbuch dennoch zu einem Muss für Studenten und Berufstätige, die im Schnittfeld gesellschaftlicher und ökonomischer Institutionen tätig sind und es werden wollen.


Schubert, Klaus (Hrsg.): “Handwörterbuch des ökonomischen Systems der Bundesrepublik Deutschland”

VS Verlag für Sozialwissenschaft. Wiesbaden 2005. 502 Seiten.

ISBN 3810036463

36,90 Euro.


Die Bildrechte liegen beim VS Verlag für Sozialwissenschaft

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