Oberlehrer plaudert aus der Klarsichthülle

09. Apr 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Prantl.jpgIn Heribert Prantls neuem Buch Politik und Anstand - Warum wir ohne Werte nicht leben können  finden sich Gespräche mit dem SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel. Ein langatmiges Buch – zu empfehlen nur für echte Prantl-Fans. Von Susanne Henck.

Das Buch Politik und Anstand – Warum wir ohne Werte nicht leben können ist ein Protokoll von Gesprächen, die Heribert Prantl mit Hans – Jochen Vogel zwischen Juni 2004 und Januar 2005 geführt hat.

Die Gespräche sind in insgesamt acht Abschnitte gefasst. Der Großteil befasst sich dem Buchtitel entsprechend mit moralischem Verhalten in der Politik. Die Gesprächseinheiten tragen daher Überschriften wie: "Verantwortung ist konkret  – Ziele, die nicht aus dem Blick geraten dürfen"; "So was tut man nicht – Anstand und Moral in der Politik", "An den Grenzen des Lebens – Ethische Herausforderungen", "Ohne Hoffnung stirbt die Zuversicht – Ein Ausblick".

Hans-Jochen Vogel -  der große Saubermann des politischen Lebens

Es wird Bilanz über das politisch – moralische Leben Vogels gezogen und sicher ist der Preisträger des Leo-Baeck-Preises, der höchsten Anerkennung des Zentralrates der Juden in Deutschland, Gründungsmitglied eines Vereins gegen das Vergessen des Holocaust, Mitglied des Nationalen Ethikrates, lebenslanger Berufspolitiker ohne eine einzige nennenswerte Affäre, wie kein anderer lebender Staatsmann berufen, zu diesem Thema etwas zu sagen. Der Titel des Buches liegt bei dem großen Saubermann des politischen Lebens nahe, die Antworten allerdings auch. Doch erwartet man tatsächlich eine spannende Antwort, wenn man so jemanden fragt: Lohnt es sich anständig zu sein?

So ist es auch eher besinnlich, denn spannend zu lesen, wie Vogel sich bei seiner Arbeit im Bürgerbüro als Bundestagsabgeordneter  zwischen Anwalt und Pfarrer fühlte, oder wenn er zugibt, dass ihm die Automatik, dass die Partei A sofort widersprechen muss, wenn die Partei B etwas sagt, ziemlich auf die Nerven ging und er auch gelegentlich einem Unionspolitiker Beifall geklatscht habe. Oder wenn er betont, dass man als Politiker unbedingt der politischen Deformation entgegenwirken müsste, indem man Bodenkontakt mit seiner Familie und seinem sozialen Umfeld hält.

Leider spürt man an einigen seiner Aussagen, dass auch Moralität im politischen Betrieb Deformationen bewirken kann. Seine Ansichten zu aktuellen Problemen oder über den Verlauf und die Entwicklung des Politikbetriebes, die vor einem solchen Erfahrungshintergrund spannend sein könnten, sind rhetorikmarmorglatt, jeglicher Haken, jegliche Unebenheiten, an denen man sich reiben könnte, sind in hundert ähnlichen Gesprächen abgeschabt worden. Die Weltsicht des Hans Jochen Vogel ist erwartungsgemäß nicht spannend, sie entspricht dem, was alle Gutmenschen sich heute wünschen. Zu seiner Kritik des Vordringens des ökonomischen Prinzips in fremde Bereiche und der global aktiven Finanzkapitalisten, dazu würde jeder attac – Anhänger zustimmend johlen. Nur durch Einsatz im Gemeinwesen sei man am Ende eines Lebens mit sich im Reinen, das gäbe er seinen Enkeln mit; Aristoteles, Hegel und Michael Walzer würden juchzen. Das Buch ist durchtränkt mit traumhaft sauberer political correctness und damit todlangweilig.

Dieses Buch muss langweilen

Vogel sei einer der wenigen Politiker, von denen man wirklich wissen möchte: Wie und warum hat er es in der Politik ausgehalten? Was hat ihn angetrieben und ihm Halt gegeben? Ja, das mag sogar stimmen. Aber war dieses Buch notwendig, um diese Antworten zu erhalten? Dazu muss man wohl nach den möglichen Lesern dieses Buches unterscheiden – schon altersmäßig.

Wer Hans-Jochen Vogel noch nicht kennt, weil spät Geborener oder uninteressiert, für den ist das Buch denkbar ungeeignet. Der im Anhang eingefügte tabellarische Lebenslauf hilft dem absoluten Neueinsteiger auch nicht wirklich die politische Bedeutung oder moralische Beispielhaftigkeit des Lebens Vogels vor Augen zu führen. Dazu sind Gespräche als Textform zu ungeordnet. Der faule Leser von heute wird zunächst lieber zu einer wohlgeordneten Biographie greifen und das bestenfalls als Tertiärquelle geeignete Buch Prantls anschließend schnell wieder weglegen.

Und wer alt genug ist, Hans-Jochen Vogels Leben über eine geraume Zeit mitverfolgt zu haben, vielleicht in eben jener Zeitung für die Heribert Prantl schreibt, kennt der nicht ohnehin Vogels Positionen so gut, dass dieses Buch ihn langweilen muss? Paradoxerweise wurde im Vorwort des Buches als einleitender Satz gewählt: Man predigt mit seiner Lebensführung mehr als mit Worten. Da stellt sich die Frage: Warum wurde dieser Satz nicht beherzigt? Warum Reden über Vogels Leben, wenn der interessierte Zeitgenosse die Predigt bereits vernommen hat?

Nun, vielleicht kann man über das Bekannte hinweg lesen, wenn es ein paar Leckerbissen darin versteckt sind. Und tatsächlich: Da wo die Gespräche auf  Hans-Jochen Vogels persönliche Erfahrungen in historischen Gegebenheiten kommen, wird es spannend. Hans- Jochen Vogel war häufig zu kritischen Zeiten in zentralen politischen Positionen: Oberbürgermeister in München zur Zeit der 68er Bewegung mit den Schwabinger Krawallen, 1972, als die Olympischen Spiele in München stattfanden, Bundesjustizminister, als die RAF Deutschland einen heißen Herbst bescherte. Diese Erfahrungen, die maßgeblich im vierten Abschnitt "Weiterarbeiten und nicht verzweifeln" nachzulesen sind, sind in der Tat höchst lesenswert und in dieser Zusammenstellung sicher auch dem langjährigen Zeitungsleser noch nicht untergekommen.

Lektüre für sozialdemokratische Nostalgiker?

Doch wenn man diese Erfahrungen für lesenswert befindet, muss man dieses Buch kaufen? Da möchte man eigentlich doch eher verweisen auf "Nachsichten", seine Erinnerungen an seine Bonner und Berliner Jahre. Oder, wen seine Münchner Jahre eher interessieren, da gibt es "Die Amtskette – Meine zwölf Münchener Jahre". Um der historischen Aufarbeitung des Lebens Hans-Jochen Vogels aus seiner Sicht bedurfte es dieses Buches nicht.

Wie muss der Leser dieses Buches also beschaffen sein? Er sollte bereits einiges über ihn wissen, das ist bei Begleitern des politischen Lebens Vogels bestenfalls über vierzig der Fall. Das München – Kapitel "Über München steht ein guter Stern – Eine Stadt als Lebensform" empfiehlt sich Münchnern. Wegen Heribert Prantl möglichst Leser der Süddeutschen-Zeitung. Daraus ergibt sich zwangsläufig eine gewisse politische Grundorientierung zur SPD: Also ein ca. fünfzig Jahre alter Vogelania – Sammler aus München mit SZ – Abo und SPD – Mitgliedschaft. Unter dreißig wird das Buch höchstens ein Geschichtsstudent mit Schwerpunkt SPD – Geschichte mit Nebenjob im Willy-Brandt-Haus lesen oder Rezensenten


Hans -Jochen Vogel: Im Gespräch mit Heribert Prantl – Politik und Anstand - Warum wir ohne Werte nicht leben können, Verlag Herder im Breisgau 2005, Freiburg/Basel/Wien
ISBN 3-451-28608-4, 223 S., 19.90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag Herder.


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2 Kommentare
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  1. hallo,

    können Sie mir die Email-Adresse oder Adresse von Hans-Jochen Vogel mitteilen oder wenn dies nicht geht, ihm eine Nachricht bzw. ein Schreiben von mir zukommmen lassen. Ich habe nach dem Tod meines Vaters Papiere gefunden die besagen, dass mein Grossvater in Vogels Zeit als OB in München u.a. den Bayerisschen Verdienst am selben Tag wie er erhalten hat und mit ihm zu tun hatte -mein Grossvater (Hans Weinberger) war damals AWO-Vorsitzender in Bayern.

    Danke

    Sven Weinberger

  2. Sehr geehrter Herr Dr. Vogel, dass Sie neben Ihren angeblichen Fähigkeiten nun auch noch mit “den Achseln zucken ” können wollen, halte ich für einen Ihrer vielen Oberlehrer Gerüchten.Halten Sie sich doch lieber etwas mehr an Ihren Bruder. Der macht sich nicht so lächerlich wie Sie.
    Mit freundlichen Grüßen

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