Normales Deutschland?
Ist Deutschland wieder ein normaler Akteur? Diese Frage zieht sich durch von
Bredows neues Lehrbuch zur deutschen Außenpolitik. Von Christoph Rohde.
Wilfried
von Bredows neues Studienbuch zur deutschen Außenpolitik verfolgt einen
hohen Anspruch. Es schöpft seine Daseinsberechtigung aus zwei Ambitionen:
Erstens soll es in einer Zeit der zunehmenden Faktenfülle und einer sich
verändernden Wissenschaftslandschaft für Studenten einen analytischen Strukturrahmen
anbieten. Zweitens fordern die Veränderungen in der außenpolitischen Umwelt
Deutschlands in der Epoche der Globalisierung eine aktualisierte Darstellung
der konkreten deutschen Außenpolitikführung. Dabei konnte der neue Aufgabenschwerpunkt “Entführungsdiplomatie” noch
nicht berücksichtigt werden.
Alte Empfindsamkeiten versus neues Selbstbewusstsein
Von Bredow weist auf die empfindliche deutsche Seele in Bezug auf deutsche
Außenpolitik hin. Für die Praktiker und Theoretiker der einen Richtung soll
der ewige historische Komplex neuer Normalität weichen. Die anderen warnen
vor einem Vergessen der historischen Lektion und mahnen zu vorsichtiger Vorgehensweise
im Vertreten der “deutschen nationalen Interessen”. Besonders gut wird dieser
normative Disput vom Autor entlang der Frage eines ständigen Sitzes im UN-Sicherheitsrat
abgehandelt. Diese ganze Debatte muss jedoch im Kontext der Gesamtreform der
Vereinten Nationen betrachtet werden. Insgesamt zeigt von Bredow, dass sich
die deutsche Außenpolitik trotz manch holpriger Episoden in ihrer Vergangenheitsbewältigung
durch eine Kultur der Zurückhaltung, Selbstbeschränkung ( Helga
Haftendorn) und des Multilateralismus ausgezeichnet hat, die eine zentrale
Voraussetzung für das Gelingen der Wiedervereinigung wurde.
Deutschland als Weltordnungsmacht?
Bundeskanzler Schröder hatte bis zum Ende seiner Amtszeit eine wichtigere
Rolle Deutschlands als Weltordnungsmacht gefordert. Doch sehen viele Beobachter
eine gravierende Lücke zwischen diesem Anspruch und den verfügbaren Ressourcen
für eine globale Rolle Deutschlands. Richtig liegt von Bredow, indem er unter
Rückgriff auf Christian
Hacke darauf verweist, dass sich die deutschen Kerninteressen nur langsam
verändern. Das deutsche Nationalinteresse – und das ist seit Adenauer eine
Binsenweisheit – kann nur als weitgehend “verflochtenes Interesse” verstanden
werden. Die “Zentralmacht” Europas (Hans-Peter Schwarz) kann nur zu leicht
Misstrauen auf sich ziehen und ist deshalb zur Kooperation geradezu gezwungen.
Für den Marburger Professor stellt Deutschland eine “Mittelmacht der gehobenen
Klasse” dar.
Kritik am Menschenrechts-Pathos
Von Bredow akzeptiert zwar die Prämisse der deutschen Außenpolitik, eine aktive
Menschenrechtspolitik zu betreiben, aber er glaubt, dass die rot-grüne Regierung
ihre postulierten Erwartungen nicht umsetzen konnte. Dahinter verbirgt sich
eine Vorstellung von Weltpolitik, die die eigenen Wahrnehmungen in unzulässiger
Weise zu universalisieren pflegt. In vielen Bereichen ist Weltpolitik eben
doch noch Machtpolitik und nicht nur menschenfreundliches Verhandeln. Und auch
die Schröder-Regierung vertrat ihre hehren Forderungen nicht jedem Staat gegenüber
mit gleicher Vehemenz. Zu wichtig waren und sind die asiatischen Märkte für
die deutsche Exportwirtschaft.
Große Kluft Theorie – Praxis
Die Politikberatung steckt in Deutschland – im Gegensatz beispielsweise zu
den USA – noch in den Kinderschuhen. Von Bredow stellt die deutschen Think
Tanks und ihren langsam zunehmenden Einfluss auf die konkrete Politikführung
vor. Den genuinen Theorieteil hält der Autor bewusst sehr schlank. Er verweist
lediglich darauf, dass Theorien weltbildabhängig sind und dass dem populären
Konstruktivismus das Verdienst zukomme, relativ vorurteilsfreie Analysen internationaler
Politik zu ermöglichen.
Souveräner Leitfaden durch die Geschichte
“Im Anfang war Adenauer”, zitiert der Autor Arnulf
Baring und rekurriert auf der Entstehung der Bundesrepublik Deutschland.
Die Westalliierten sahen in Adenauer den entscheidenden Akteur in der Entstehungsphase
Westdeutschlands, was dieser zum Aufbau eines quasi-autokratischen demokratischen
Systems nutzte. Insgesamt aber konnte nur ein interaktiver Prozess zwischen
Westalliierten und Adenauer zur gelungenen Westintegration führen. Der Autor
führt souverän durch die Geschichte des beginnenden Kalten Krieges, der die
autonome Institutionalisierung einer deutschen Außenpolitik erst möglich
machte. Interessant ist, wie von Bredow die deutsche Entwicklungsgeschichte
an Hand des sich wandelnden Souveränitätsbegriffs deutlich macht.
Deutschland in Europa
Deutschlands Zukunft ist eng mit dem Schicksal des Projekts Europa verbunden.
Der Autor lehrt, dass die Montanunion zwischen
Deutschland und Frankreich als Initialzündung zum Prozess der europäischen
Integration eher das Resultat glücklicher Fügung als logische Folge eines geschickt
konzipierten Vertrages war.
In der Gegenwart ist die deutsche Außenpolitik weiter stark mit der europäischen
Außenpolitik verbunden. Dass es jedoch weiter nationale Interessen gibt, das
zeigt nicht nur die Teilung der EU in altes und neues Europa vor dem Irak-Krieg,
sondern auch der nationale Egoismus, der beim Energiegipfel der EU zutage trat.
Sicherheit im Verbund
Die Entstehung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1949 lässt sich nur
im weltpolitischen Kontext erklären. Von Bredow zeichnet die BRD als ein Kind
des Kalten Krieges. Ohne die sowjetische Bedrohung keine Wiederbewaffnung und
keine deutsche Souveränität. Und auch während des Kalten Krieges waren BRD
und DDR vom makropolitischen Klima abhängig. So oszillierte die BRD zwischen
der SALT-Entspannung und dem Nato-Doppelbeschluss.
Die großen sicherheitspolitischen Debatten fanden allesamt vor der Wiedervereinigung
statt. Nach diesem epochalen Ereignis wird Sicherheitspolitik immer mehr im
europäischen und globalen Kontext thematisiert.
Perspektiven
Die deutsche Außenpolitik wird in ihren Grundsätzen, so der Autor, Kontinuität
bewahren. Das Gleichgewicht zwischen europäischer und atlantischer Politik
zu wahren ist dabei die stets neue Herausforderung. Es wird mehr gestalterische
Kraft vom deutschen Koloss gefordert, diese hängt jedoch davon ab, ob das Land
zurück findet zu einem wirtschaftlichen Kraftzentrum. Psychologisch muss das
Land weiter zu einem selbst-reflexiven Umgang mit der Vergangenheit bereit
sein, ohne in Selbstkasteiungsformeln zu verfallen.
Nützlich sind in diesem Lehrbuch die in Kästen eingepferchten Kurzzitate zu
epochalen Ereignissen, die der Autor ebenso liefert wie Leitfragen am Ende
jedes Kapitels. Am Schluss hilft den Studierenden eine historische Chronologie
ebenso weiter wie ein bibliographischer Essay.
Interessant ist die Darstellung der Voraussetzungen für den Beruf Diplomaten.
Das Buch, das nicht viel Brandneues liefert, hilft Lehrenden bei der Strukturierung
von Seminaren. Für Studierende sind Struktur und Gestaltungsweise des Buches
nahezu ideal. Damit wird das Buch in weiten Teilen den vom Autor proklamierten
Ansprüchen gerecht.
Wilfried von Bredow: Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland,
VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006
ISBN: 3531136186, 299 S., 17,90 Euro
Der Verlag im Internet: http://www.vs-verlag.de/
Die Bildrechte liegen beim Verlag (Cover).
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