Nachbarn im Osten

27. Jun 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Chwalba.jpgPolens Geschichte hat zwei Seiten. Die meisten Deutschen, die sich mit dem östlichen Nachbarland beschäftigen, haben aber nur die deutsch-polnische Historie im Blick, also von Polen
aus gesehen "den Westen". Ebenso wichtig ist aber "Polen und
der Osten", für die Polen wie für die Geschichte Europas.
Ein neues Buch liefert "Texte zu einem spannungsreichen Verhältnis". Von
Wolfgang Mehlhausen


Polen und der Osten lautet der Titel eines neuen Sammelbands. Editiert
von Andrzej Chwalba gehört er zur Reihe Denken und Wissen – eine polnische
Bibliothek
. Ziel des mit 35 Aufsätzen ebenso umfangreichen wie inhaltlich
vielfältigen Werkes ist es, das Verständnis für polnisches Geschichtsbewusstsein
zu fördern. Der inhaltliche Fokus liegt dabei auf dem Verhältnis
Polens zu seinen Nachbarn.


Zum Auftakt legt Herausgeber Chwalba eine
hervorragende, weil ebenso kurze wie präzise Chronik der polnischen Geschichte
vor – Tausend Jahre Nachbarschaft. Bekannte Fakten werden gekonnt in Verbindung
zur Zeitgeschichte gebracht. Der Autor gehört zu den wenigen Wissenschaftlern,
die in der Lage sind, Geschichte als Prozess zu beschreiben, und dies dazu
noch spannend. Dass man 1.000 Jahre Geschichte in einem Kapitel abhandeln und
sogar stets Bezüge zur Gegenwart präsentieren kann, wird bewiesen.


Gewiss ist noch nicht allgemein bekannt, dass das "moderne, sprich: kapitalistische
Russland" bis 2004 noch immer die bolschewistische
Revolution 1917
 als Nationalfeiertag am 7. November beging. Nun hat
Präsident Putin diesen um ein paar Tage vorverlegt: auf den 4. November.
Dies ist der "Tag der Befreiung Moskaus […] von den polnischen Eindringlingen".
Auch Stalin hatte nie vergessen, daß die Polen mal in Moskau waren. Es
war 1612.


Ein gutes Händchen….


hatten die Herausgeber bei der Auswahl der Texte und Autoren. Berühmte
Personen der Zeitgeschichte zählen dazu, wie der ehemalige Ministerpräsident Jozef
Pilsudski
 und sein politischer Gegenspieler Roman
Dmowski
, aber auch solche, deren Spuren und Lebensdaten kaum noch zu ermitteln
sind. Die Mischung macht es, und die ist perfekt.


Dass dabei einige Beiträge interessanter und andere weniger brisant sind,
ist eine andere Frage. Manchmal wünscht man sich beim Blättern, dass
wenige Worte zu Autoren und ihrer Zeit vor den Texten stünden, es würde
einiges erleichtern. Vielleicht war es aber auch volle Absicht der Herausgeber,
den Leser erst einmal raten zu lassen?


Der Name Stefan
Wyszynski
 beispielsweise sagt Polen-Kennern sofort etwas. Es ist
tatsächlich der Stefan, der spätere Kardinal Wyszynski, dessen
Aufsatz Kultur des Bolschewismus und die polnische Intelligenz von 1938 in
die Textsammlung aufgenommen wurde. Mit wenigen Worten erklärt er wahrheitsgemäß,
was die polnischen Kommunisten nie recht erklären konnten und wollten:
die mangelnde Akzeptanz der Sozialismus-Idee in Polen vor und nach 1945.
Die Beiträge sind Geschichtsbelege, die im Original nur Polnischsprachige
lesen können. Sie vermitteln durch Schilderung von Meinungen und eigenen
Erfahrungen erlebte Geschichte.


Polen und Russland – ein schwieriges Verhältnis


Auch wer nur wenig Kontakt zu Polen und seiner Bevölkerung hat, wird
wissen, dass auch die polnische Intelligenz große Vorbehalte gegen den "großen
(slawischen) Bruder" hegt. Polen war schon europäische Großmacht,
als Russlands Staatlichkeit noch in den Kinderschuhen steckte. Doch der "slawische
Streit" wurde entschieden, Russland siegte. So bringt es ein Untertitel
auf den Punkt.


Keineswegs beschränken sich die Texte aber nur auf das spannungsreiche
Verhältnis zu den Russen. Es gibt auch Stimmen, die ehrliche, große
Sympathie für die russischen Menschen äußern. Dass die Sowjetbehörden
versuchten, die Polen nach 1941 zwangsweise zu Bürgern der UdSSR zu machen,
erfährt man ebenso wie etwas über die "den russischen Polenkomplex".
Ein anderer Autor beschreibt Hunger und das Leben in einem GULAG, in denen
viele Menschen leiden mussten, nur weil sie eben Polen waren.


Litauen und Ukraine – Partner oder Gegner


Alles andere als einfach war und ist das Verhältnis Polens zum kleinen
nördlichen Nachbarn Litauen, bis heute. Litauer reagieren verschnupft,
wenn man im Westen bis heute die Hauptstadt nicht Vilnius, sondern Wilna oder
gar Wilno nennt. Ältere Polen schauen verklärt, wenn von Wilno die
Rede ist, das ja eigentlich "polnisches Gebiet" sei, zumal es vor
dem Kriege fast nur von Polen bewohnt war. Wie Lemberg auch, wird oft gleich
ergänzt.


Oder umgekehrt, je nachdem, woher der "polnische Vertriebene" kommt.
Was das Verhältnis Polens zur Ukraine angeht, so enthält der Band
einen nur schwer zu ertragenden Bericht über den Völkermord
in Wolhynien
. Dass die polnischen Behörden mit den Ukrainern in der
Zwischenkriegsrepublik oft nicht "zimperlich" umgingen, ist allgemein
noch bekannt, weniger aber, daß ukrainische Banden während der deutschen
Okkupation massenhaft grausame Verbrechen an Unschuldigen verübten.


Nachdenkliches und Zukunftsweisendes


Es gibt auch einige Gedichte und sehr kurze Geschichten in diesem Buch. Hier
kommt Shapespeare zu Wort, ebenso wie Jaroslaw
Iwaszkiewicz
und Autor Adam
Zagajewski
, der in Deutschland durch sein Buch Nach Lemberg fahren bekannt
wurde.


Einige Beiträge beschäftigen sich mit Polen und seiner Stellung
im modernen Europa. B. Sienkiewicz beschreibt "Putins Exportprodukt",
auch einen Beitrag zum "Non Paper des Außenministeriums der Republik
Polen" gibt es. Alles in allem ist dieses Buch hervorragend geeignet,
das Geschichtsbewußtsein der Polen zu begreifen und zu verstehen. Einige
Parallelen von Schicksalen Deutscher und Polen drängen sich zwangsläufig
auf. Historisch Interessierte und Freunde Polens können sich schon jetzt
darauf freuen, daß weitere Bücher in der Reihe "Denken und
Wissen" in deutscher Sprache erscheinen werden.





Andrzej Chwalba, (Hrsg.)

Polen und der Osten – Texte zu einem spannungsreichen Verhältnis

2005, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/Main

533 S., ISBN 3-518-41731-2, 38,00 Euro


Die Bildrechte liegen beim Suhrkamp-Verlag. Der Verlag im Internet: www.suhrkamp.de







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