Lateinamerika – Der vergessene Kontinent?

29. Dez 2006 | von Peter Eitel | Kategorie: Internationale Politik

map_latain_am.jpgDer Veranstaltungsort der Konferenz war eben exquisit wie seine Gäste. Hohe Vertreter aus Wirtschaft und Politik gaben sich im Hamburger Überseeclub ein Stelldichein. Im Lichte von Kronleuchtern wollten sie die wirtschaftlichen Chancen für Investitionen des zuletzt so negativ aufgefallenen Subkontinents ausloten. Von Peter Eitel

Chavez, Morales, Lula , Kirchner – diese Namen lateinamerikanischer Staatsoberhäupter lassen jeden Investor zittern. Beobachter sprechen von einem „Linksruck“ Lateinamerikas, oder gar einem „dritten Weg“ des Subkontinents. Verhandlungen zu Freihandelsabkommen, Assoziationsverträgen und regionale Bündnissen stehen derzeit unter einem schlechten Stern. Investoren beobachten die Entwicklungen mit Sorge und zögern mit weiteren Investitionen. Um diesen Trend zu hinterfragen, fand in Hamburg im Dezember die Lateinamerikakonferenz der Friedrich-Naumann-Stiftung statt.

Stabiles Wirtschaftswachstum in der gesamten Region

Gleich zu Anfang unterstrich der neue Beauftragte der Bundesregierung für Lateinamerika, Dr. Gerhard Enver Schrömbgens, die wirtschaftlichen Chancen des Subkontinentes: „Die gesamte Region zeigt seit Jahren stabile Wachstumsraten von 4%.“ Der ehemalige Direktor des Iberoamerika-Institut Hamburg, Prof. Dr. Klaus Bodemer, wies zudem auf steigende Investitionsraten aus Nordamerika hin: „Hugo Chavez und Evo Morales mögen mit ihrer Rhetorik und Verstaatlichungen abschreckend wirken – aber trotz der negativen Berichterstattung in den Medien steigen in beiden Ländern ausländische Investitionen, insbesondere US-amerikanische.“ Damit warnte der Akademiker insbesondere diejenigen, die Lateinamerika auf Grund politischer Ereignisse abschreiben. „Die Region bietet hervorragende Gewinnaussichten.“

Für die Bundesregierung und die Europäische Union bedeute dies verstärkte Bemühungen, Assoziationsabkommen mit regionalen Bündnissen wie dem Mercosur, zu schließen, so der Beauftragte der Regierung. Auch hier warnte Bodemer: „Wir Europäer setzen zu stark auf die Bündniskarte. Scheitern Verhandlungen mit Mercosur oder Andean, dürfen wir nicht vergessen, dass auch Abkommen mit einem einzelnen Staat getroffen werden können.“ Diese Aussage sprach die innere Zersplitterung der Region sowie die oftmals problematische Verhandlungsposition der EU an.

Wirtschaft oder Politik: Wer investiert?

„Der Investor ist ein scheues Reh, er äst in den saftigsten Weiden, aber beim kleinsten Geräusch flieht er zurück ins Dickicht,“ so charakterisierte Otto Graf Lambsdorff einst den Investor. Das Zitat warf die entscheidende Frage der Konferenz auf: Welche Rolle kommt der Politik bei Auslandsinvestitionen zu? Es mag verwundern, dass eine solche Frage auf einer Konferenz der FDP nahen Naumann Stiftung überhaupt der Erörterung bedurfte. Und doch musste der Beauftragte der Bundesregierung klarstellen, dass Politik nur Rahmenbedingungen schaffen kann, Investitionen aber aus der Wirtschaft kommen müssen. Es wurde spätestens zu diesem Zeitpunkt klar, wie zerrüttet das Vertrauen der deutschen und europäischen Wirtschaft in Lateinamerika ist.

Wieder war es Prof. Bodemer vom Hamburger Iberoamerikainstitut, der die scheuen Rehe zu Ruhe mahnte: „Verstaatlichung und antiliberale Rhetorik, wie wir sie täglich aus den Medien entnehmen, zeichnen ein undifferenziertes Bild. Wir sollten uns ein Beispiel an der amerikanischen Wirtschaft nehmen, die trotz der antiamerikanischen Polemik eines Hugo Chavez in Venezuela investieren und prächtige Gewinne erzielen.“ Trotz dieser klaren Aussage des Lateinamerikaexperten, der versuchte Wirtschaft, Politik und Ideologie zu entflechten, konnte die Frage nicht abschließend geklärt werden. Zu stark war der gewonnene Eindruck der Konferenzteilnehmer, dass der „Chavismus“ und der linke Ruck der Region einen maßgeblichen Einfluss auf die Gewinnaussichten hätten.

Chavez_Castro.JPGAls problematisch gilt für viele Investoren auch die eingeschränkte Sicherheitslage in der Region. Drogenhandel, steigende Kriminalitätsraten und Korruption sind Gründe nicht in der Region zu investieren. Für Dr. Hildegard Strausberg, Lateinamerikakorrespondentin der WELT, waren die Ursachen für Korruption, Drogenhandel und die hohe Kriminalität klar: „Wenn Hugo Chavez Besitzern von zwei Häusern eines raubt und es verschenkt, dann fördert er eine Verbrechermentalität. Wenn es möglich ist, das eine linke Verschwörung von Lehrern und wirtschaftlichen Verlierern in Oaxaca sich organisierte Straßenschlachten mit der Bundespolizei liefern, dann sind es politische Kräfte, die das Sicherheitsmonopol untergraben.“

Dr.Enrique Ghersi, ehemaliger Parlamentsabgeordneter in Peru, warnte davor, die Probleme zu eng mit Regierungen und Ideologien zu verknüpfen. Er sieht die Ursache für den Drogenhandel und die Sicherheitslage nicht in den Produktionsländern, sondern bei den Abnehmerländern: „Solange es eine Nachfrage auf dem zahlungsfreudigen westlichen Markt gibt, der derartige Gewinne verspricht, wird es Drogen und Kriminalität geben. Kokain muss legalisiert werden, dann entfällt auch der Markt.“

Fazit: Viel Glanz, wenig Tiefe

Die Konferenz konnte ihre Einstiegsfrage „Lateinamerika – der vergessene Konflikt?“ nicht beantworten. Zu stark wurde sich auf den Einfluss von Präsidenten auf das Investitionsklima konzentriert. Dabei kam insbesondere eine Frage zu kurz: Wie kommt es zu dem Erfolg der Populisten? Nur leise wurde die Problematik der Beteiligung der Bevölkerung an den Gewinnen der Unternehmen zwischen den offiziellen Diskussionen thematisiert. Selten wurde die Schere zwischen arm und reich in Vorträgen und Diskussionen angesprochen.

Dabei hätte diese Frage gerade im Zusammenhang mit der Bedeutung der Politik für die freie Wirtschaft gesteigerter Aufmerksamkeit bedurft.

Nur wenn es Politik und Wirtschaft auf beiden Seiten des Atlantiks gelingt, durch Investitionen erzielte Gewinne auch gerecht zu verteilen, werden sich Populisten wie Hugo Chavez und Morales schwer tun ihre Macht demokratisch zu verteidigen. Denn mit einer gerechteren Verteilung der Gewinne wären politische Geschenke an die Bevölkerung, bezahlt durch Verstaatlichung lukrativer Wirtschaftszweige, nicht mehr notwendig.

Ebenso wenig wurde die Bedeutung des funktionierenden Binnenmarktes in Lateinamerika für die europäische Wirtschaft angesprochen. Schließlich sind Investitionen nur rentabel, wenn große Teile der Bevölkerung in der Lage sind, Preise für technologisch hochwertige Produkte zu bezahlen. Eine Diskussion über derartige Aspekte fand unter den Kronleuchtern des Überseeclubs nicht statt.


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