Kyoto, Klima, Katastrophe?
Neue Ziele, neue Allianzen, neue Technologien und neue Politik sind gefragt im Klimaschutz. Das entsprechende Forum zum Wissens- und Meinungsaustausch bot die internationale Konferenz Kyoto Plus: Wege aus der Klimafalle in Berlin. Nun müssen Taten folgen. Von Nona Schulte-Römer
Um über Kyoto hinaus zu denken, politische Leidenschaften zu wecken und gesellschaftlichen Aufbruchsignalen Wirkung zu verleihen, hatte die Heinrich-Böll-Stiftung gemeinsam mit dem WWF Deutschland, dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und dem European Climate Forum am 28. und 29. September zur Konferenz ins Energieforum geladen.
Bei rund 600 umweltpolitisch Interessierten aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, stieß die Veranstaltung auf unerwartet großes Interesse. Für die erhofften Gedankenanstöße wurde sogleich aus wissenschaftlicher wie gesellschaftspolitischer Sicht gesorgt.
Gute Aussichten auf fichtenlose Seenlandschaften
Man muss spätestens nach diesem Sommer kein Wissenschaftler mehr sein, um die Klimaumschwünge auch in Deutschland zu bemerken. Doch manche mögen”s heiß, nämlich der Borkenkäfer, der die dürren Fichtenwälder zusätzlich plagt. “Ich bin mit einem meiner letzten Fichtenzweige nach Berlin gegangen, um auf die Situation aufmerksam zu machen”, endet Dr. Georg Sperber seinen Bericht “von der Klimafront”. Der ehemalige Förster ist ein Klimazeuge, der über Jahre hinweg Veränderungen in seinem Wald beobachtete und dokumentierte. Seine Bilanz: Die Fichte, die 30 Prozent des deutschen Waldes ausmacht, hat keine Zukunft. Nur ein milliardenteurer forstwirtschaftlicher Waldumbau kann eine deutsche Steppenlandschaft verhindern.
Globale Katastrophenszenarien projizierte Prof. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimaforschung zum Einstieg der Konferenz an die Wand. Meldungen über den steigenden Meeresspiegel und Wirbelstürmen in Europa sind aus den Medien längst bekannt. Umso schlimmer, wenn die Wirklichkeit die schlimmsten, vorsichtig formulierten wissenschaftlichen Prognosen der Vergangenheit einholt und sogar übertrifft. Die Polkappen scheinen jedenfalls schneller abzuschmelzen als bisher angenommen.
Ab welcher kritischen Grenze der Golfstrom durcheinander geraten wird und mit ihm möglicherweise die Wasserverteilung der Weltmeere, lässt sich nur vermuten. Wissenschaftliche Szenarien belegen, dass sofortige Maßnahmen nicht nur notwendig sondern auch weniger kostspielig sind. Eine Stabilisierung der aktuellen Treibhausgasemission wird bei weitem nicht ausreichen, um unter der als kritisch erachteten Erderwärmung von 2 Grad Celsius zu bleiben.
Ein neues politisches Klima schaffen
Trotz der ernsten Lage sind die EU-Staaten auf dem besten Wege, das gemeinsame Kyoto-Klimaschutzziel weit zu verfehlen: eine achtprozentige Reduktion der Treibhausgasemission bis 2012 im Vergleich zu 1990. Stellvertretend für den Wirtschaftssektor demonstriert die Automobilindustrie paradigmatisch, wie Selbstverpflichtungen mit den Worten Jürgen Trittins “krachend verfehlt” werden, wie alle an steigende Renditen und keiner an die Senkung des Treibstoffverbrauchs denkt. In schlecht isolierten Häusern vor Haushaltsgeräten im Stand-by-Betrieb sehen wir zu, wie 60 Prozent der erzeugten Energie einfach verpuffen.
Um überhaupt noch eine Zukunft zu haben, müssten wir anders mobil sein, anders produzieren und anders wohnen, forderte Renate Künast am Rednerpult. Die deutsche Regierung müsse ihren G8-Vorsitz und die EU-Ratspräsidentschaft 2007 dafür nutzen, entschieden neue Wege zu gehen, besonders im Hinblick auf den erwarteten vierten Klimabericht der UN-Klimaforschungsgruppe (IPCC).
Einen Lichtblick brachte die Delegation aus den USA, die so gar nicht die Nation der Umweltsünder repräsentierte: In Diskussionsforen legten sie dar, welche Erfolge sie mit Marketingprinzipien, Umweltfonds und -initiativen auf subnationaler Ebene in Sachen Klimaschutz erzielen konnten, unterstützt durch Gouverneur Schwarzeneggers umweltpolitische Auflagen.
Frischer Wind wehte dem Auditorium von Jerome Ringo aus Louisiana entgegen, der als Präsident der Apollo Alliance und brillant charismatischer Redner �”help us save the planet” – für neue gesellschaftsübergreifende Bündnisse warb.
Als wegweisende Lösungen wurden insbesondere auch neue Technologien und internationale Innovationsförderung auf dem Podium mit Gästen aus China und Pakistan diskutiert. Doch es drückt der Hemmschuh, egal ob fortschrittliche Videokommunikation als Lösung der Flugproblematik, oder erneuerbare, dezentrale Energieversorgung anstelle des Stromkartells der “vier Energiemächte”. Energieeffiziente Technologien sind laut Wuppertal Institut sowohl aus Verbraucher- als auch aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive wirtschaftlich rentabel und schaffen Arbeitsplätze. Paradoxerweise legen jedoch industrielle Interessen den natürlichen Marktmechanismus lahm, so dass ordnungspolitische Maßnahmen wie etwa der Energiepass zum Wohle aller unumgänglich scheinen.
Zusammen ins Rettungsboot vs. auf in den Klimakampf
Umso mehr Einigkeit herrschte daher dem allgemeinen Applaus nach zu urteilen in Bezug auf die unerträgliche Personalunion oder Interessenverflechtung von Akteuren in Politik und Wirtschaft. Neue Allianzen und neue Politik schön und gut � aber mit wem solle man kooperieren, wenn die Industrie unbeteiligt bis unverschämt das Gespräch verweigere, bremsten Vertreterinnen von WWF und Greenpeace die transatlantische Kooperationseuphorie. Da half das ethisch engagierte Plädoyer des Leiters der Nachhaltigkeitsabteilung der Deutschen Telekom wenig weiter.
Die einzig logische Konsequenz angesichts der Blockadehaltung der Industrie in Sachen globaler Klimaverantwortung sieht attac-Deutschland Mitbegründer Sven Gielgold daher im Konflikt. Nur die Kontroverse könne dem Thema Klimaschutz die nötige Präsenz verleihen und Menschen mobilisieren. Doch auch die Organisation des Konflikts benötigt eine breite Basis und klare Ziele. Ob Aktivisten und Lobbyisten zwischen den Diskussionsrunden tatsächlich ausreichend Zeit zum Schmieden neuer Allianzen und Pläne fanden, wird sich hoffentlich bald öffentlich zeigen.
Heiße Luft oder heiße Phase?
Es mangelt weder am Geld noch an den Technologien, nur der Richtungswandel fehlt. Die Wissenschaft schlägt schon lange Alarm. Nun ist es an der Zeit, gesellschaftspolitische Signale zu senden und die Investitionsströme, Technologieentwicklungen und das Marktgeschehen unverzüglich auf Zukunftskurs zu bringen.
Zu Recht zogen die Veranstalter, Barbara Unmüßig und Dr. Herrmann Ott eine positive Veranstaltungsbilanz. Unter dem Solarzellen gedeckten Dach des Energieforums Berlin wurde diesmal weniger hitzig und ausufernd diskutiert als ernsthaft informiert und motiviert. Die rund 600 Teilnehmer haben Energie freigesetzt. Nun gilt es, diese möglichst effizient in Aktion umzuwandeln, sie lässt sich bekanntlich schlecht speichern.
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