König der Mini-Widerständler

04. Mai 2006 | von freier Autor | Kategorie: Politisches Feuilleton

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Am 8. Mai 1945 beendeten die Alliierten den Zweiten Weltkrieg. Im Zuge der so genannten "Endlösung" starben in zwölf Jahren nationalsozialistischer Macht rund sechs Millionen Menschen. 61 Jahre nach Kriegsende gedenkt /e-politik.de/ Max Ehrlich, einem in Vergessenheit geratenen Mini-Widerständler. Von Daniel Müller

Es ist ein milder Septembernachmittag im Konzentrationslager Westerbork in den Niederlanden und aus einem notdürftigen Bretterverschlag dringt heiteres, vergnügtes Lachen. Auf einer behelfsmäßigen Bühne tummeln sich fast 50 Gefangene: Tänzer, Sänger, Musiker, Schauspieler, Kabarettisten. In der Bühnenmitte steht ein stattlicher Mann mit dunklem, leicht schütterem Haar. Er trägt einen vielfarbigen Anzug und militärische Kopfbedeckung. Er grinst. Es ist Max Ehrlich, der in diesem Moment mit seiner hinter hohen Mauern und Stacheldraht gegründeten "Camp Westerbork Theater Group" die Revue "Humor und Melodie" aufführt, um mit komischen Anekdoten und Zoten den schrecklichen Alltag für zwei Stunden auszublenden.
Es ist 1943, das fünfte Kriegsjahr. In Stalingrad hat Hitler Anfang des Jahres seine erste bittere Niederlage einstecken müssen, im Sommer kapitulieren der "Wüstenfuchs" Erwin Rommel und seine Armee in Nordafrika.

Unbändiger Tatendrang: Sechs große Theaterproduktionen im KZ

Max Ehrlich1.jpgMax Ehrlich, am 25. November 1892 in Dresden geboren, ist zu diesem Zeitpunkt knapp sechs Monate in dem niederländischen KZ. In den insgesamt 18 Monaten seiner Einkerkerung organisiert er mit seinem Gefangenenensemble sechs große Theaterproduktionen.

Dieser unbändige Tatendrang zeichnet sich bei Ehrlich bereits früh ab. In jungen Jahren erlernt er das Schauspielhandwerk an verschiedenen Bühnen in Dresden und Berlin, bis er schließlich vom großen Max Reinhardt entdeckt wird und schnell zu einem der meistgefragten Unterhaltungskünstler Berlins aufsteigt. In dem UFA-Film "In der Heimat, da gibt"s ein Wiedersehn" von Reinhold Schünzel bekommt er 1926 seine erste Nebenrolle. In den folgenden Jahren wirkt er als Drehbuchautor, Schauspieler und Regisseur in neun weiteren UFA-Produktionen. Doch die Filmschauspielerei kann ihn nie ganz befriedigen, immer wieder zieht es ihn zurück auf die viel beschworenen Bretter, die die Welt bedeuten. Sein Hang zum Kabarett, diesem zynischen, zeit- und gesellschaftskritischen, und vor allem politischen Genre, entwickelt sich im Kabarett der Komiker (KadeKo) von Kurt Robitschek. Hier wird er mit seinen scharfsinnigen und pointierten Spitzen gegen die staatsmännische Elite berühmt.

Doch die politischen Ströme der Zeit machen es für jüdische Künstler fast unmöglich, tätig zu sein. 1933 verlässt Ehrlich erstmals in seinem Leben Deutschland, um zwei Jahre lang Kabarett in Wien, der Schweiz und den Niederlanden zu spielen. Starkes Heimweh zwingt ihn aber zurück nach Berlin, wo er dem Jüdischen Kulturbund beitritt, der im Juli 1933 als Reaktion auf die zuvor erfolgten Massenentlassungen jüdischer Künstler gegründet wurde. Das Theater als geistiger Widerstand, die Kabarettbühne als Zufluchtspunkt für Zerstreuung – so sahen die Ideale der Jüdischen Künstlergemeinde damals aus. Die nationalsozialistische Realität verdarb und zerstörte diese Ideen jedoch, wo sie nur konnte. Aktualität und Persiflage auf der Kleinkunstbühne des Kulturbundes wurden durch Zensur unmöglich.  Ihr fiel fast alles zum Opfer, was zeitkritisches Kabarett ausmacht: aktueller politischer Wortwitz, das "Zwischen den Zeilen-Lesen", Schläge unter die Gürtellinie, Botschaften an Gleichgesinnte


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