Kreativer Handlungswille

10. Apr 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

Die Lage in vielen ostdeutschen Städten ist prekär. Wohnungsleerstand und hohe Arbeitslosigkeit prägen vielerorts das Stadt- und Gesellschaftsbild. Doch statt resigniert die Misere zu beschreiben, werden in Philipp Oswalts Sammelband kreative und mutige Handlungskonzepte dargestellt. Von Samuel Müller.

Cover-Schrumpfende-Staedte_web.jpgHier liegt ein Buch vor, das beweist, dass Wissenschaftlichkeit und künstlerische Kreativität zusammengehören. Der Sammelband, Schrumpfende Städte – Band 2: Handlungskonzepte, zeugt von hohem Problembewusstsein, verzichtet aber auf Pessimismus. Eine Vielzahl künstlerischer und wissenschaftlicher Ansätze eröffnen zukunftsorientierte Handlungsoptionen, um dem zeitgenössischen Phänomen Stadtschrumpfung zu begegnen. Zusammen mit dem ersten Band, Internationale Untersuchung, wird das Projekt Schrumpfende Städte dokumentiert, repräsentiert und weitergedacht.

Wende in den Köpfen

Die Problemlage der Städte ist vielschichtig: Deindustrialisierung, Abwanderung und Überalterung, Suburbanisierung, Wohnungsleerstand sowie Unterauslastung sozialer und technischer Infrastruktur bedingen sich gegenseitig. So kommt es vielerorts zur nachhaltigen baulich-physischen als auch sozialen Stadtschrumpfung.

Hauptproblem bei vielen politischen Konzepten ist, dass Politiker und Stadtplaner seit der Industrialisierung an Wachstum gewöhnt sind. Heute jedoch wächst die Bevölkerung nicht mehr, die Zahl der Erwerbstätigen nimmt ab und ein kontinuierlicher Wohnungsbau ist nicht mehr notwendig. Wie daher konzeptionell mit der Schrumpfung von Städten umgehen?

Oswalt plädiert in seiner Einleitung dafür, ein anderes Wachstum zu forcieren. Es müssen keine Entwicklungsszenarien entstehen, die mit allen Mitteln vergeblich versuchen, die schrumpfenden Regionen den Wachstumszonen anzugleichen. Stattdessen sollten neue Szenarien eigener Qualität entwickelt werden, welche die Differenzen positiv wenden, ohne eine soziale Polarisierung zu befördern. Voraussetzung hierfür sei, so Oswalt, die Idee der Einheitlichkeit aufzugeben und bewusst auf qualitative Unterschiedlichkeit zu setzen.

Abbauen, Umwerten, Reorganisieren und Einbilden

Hier setzt der vorliegende Band an. Die Skizzen, Ideen und Überlegungen der über 100 Beitragenden zeigen, dass Umdenken möglich ist. Die rund 800 Seiten gliedern sich in vier Teile bzw. "Handlungsfelder":

Unter der Überschrift "Abbauen" wird zunächst danach gefragt, wie urbaner Rückzug, der Prozess der Entstädterung gestaltet werden und welche Qualitäten das Übrigbleibende gewinnen kann. Daraufhin soll der zweite Teil, "Umwerten", Möglichkeiten aufzeigen, wie das Überkommene, das Aufgegebene neu angeeignet und auf andere Weise nutzbar wird.

Im dritten Abschnitt, "Reorganisieren", wird sodann der Frage nachgegangen, wie sich die Gesellschaft organisieren soll: Wie können Prozesse, Strukturen und Programme anders konzipiert werden, um neue Entwicklungsmöglichkeiten zu entfalten? Das letzte Handlungsfeld schließlich heißt "Einbilden". Hier soll städtisches Handeln von der Vorstellungskraft aus gedacht werden. Dieses Handlungsfeld wird mit den Begriffen 'mentale Prozesse der Kommunikation', 'Erinnerung', 'Identitätsfindung' und 'Wunschproduktion' überschrieben.

Einschließlich aller Akteure

Trotz der Vielzahl von Autoren diverser Disziplinen kristallisieren sich übergreifende Aussage heraus. Zum einen scheint städtische Kreativität im Sinne mutiger, unkonventioneller Konzepte gefragt zu sein, wobei regionaler Kultur sowie Kultur im künstlerischen Sinn eine besondere Rolle zukommt. Zum anderen müssen die verschiedenen Akteure, insbesondere die betroffenen Bürger, in die Stadtplanung mit einbezogen werden.

Diese Anliegen spiegeln sich zum Beispiel in Ulrike Steglichs Beitrag wider. Die Journalistin beschreibt den Rückbau der Stadt Leinefeld in Thüringen, die in den 1990er Jahren massiv von Abwanderung betroffen war. Der Bürgermeister vermochte es jedoch die verschiedenen Akteure, die Wohnungsunternehmen, aber auch die Bürger in den Erneuerungsprozess mit einzubeziehen. Dabei wurde zum Beispiel ein internationaler Architekturwettbewerb ausgelobt, durch den die Stadt räumlich sinnvoll wie kostengünstig verkleinert werden konnte.

Elske Rosenfeld, Publizistin und Künstlerin, lenkt den Blick auf Kunst im Leerstand. Hier hat ein Perspektivenwechsel stattgefunden: Während es sich Künstler früher erkämpfen mussten, leer stehende Gebäude nutzen zu dürfen, werden sie heute oftmals geduldet, teilweise sogar gefördert.

Kunst stellt dabei eine Möglichkeit dar, Städte aufzuwerten und Lebensräume kreativ anzureichern. Jedoch darf künstlerische Eigeninitiative nicht als Ersatz für die soziale Verantwortung des Staates missverstanden werden. Zudem kritisiert Rosenfeld Projekte, die vielleicht ein auf innerstädtisches Szenepublikum zugeschnittenes Partykonzept bieten, dabei aber an der Lebenswelt der Anwohner vorbeigehen. Die Autorin plädiert daher für Nachhaltigkeit bei Leerstandsbespielungen, so dass einer markt- und mediengerechten "Eventisierung" vorgebeugt werden kann. Langfristige Nutzungskonzepte wie beispielsweise die Ansiedlung der Künstler bei den Projekten seien gefragt.

Träume verwirklichen

Ein Interview Oswalts mit dem Architekten Will Alsop macht um ein weiteres deutlich, dass fruchtbare Konzepte nur in Zusammenarbeit mit den Stadtbewohnern entstehen können: In der englischen von Schrumpfung betroffenen Stadt Barnsley sprach der beauftragte Architekt Alsop erst ausführlich mit den Bürgern. Gemeinsam wurden Ideen gesammelt und Konzepte zur Stadterneuerung erarbeitet. Das aufschlussreiche Gespräch macht Mut, sich Neues und Unkonventionelles auszudenken: "Teilen Sie Ihren Traum mit uns, und wir wollen sehen, ob wir etwas davon oder alles verwirklichen können" – um eine von Alsops Aussagen wiederzugeben.

Lesen!

In diesem Band wimmelt es nur so von kreativen Ideen. Fotos, Zeichnungen und Collagen veranschaulichen die interdisziplinären Ansätze im Wechsel mit wissenschaftlichen Texten. Es wird deutlich, dass es sich bei Stadtschrumpfung nicht um ein rein ostdeutsches Problem handelt. Viele Städte der Industrieregionen Europas und der USA sind von Schrumpfung betroffen. Dieses Buch macht Mut, die ernsten Probleme in Angriff zu nehmen. Dabei kann das klar strukturierte Werk sowohl Fachpublikum, Stadtplanern und Politikschaffenden als auch dem interessierten Laien empfohlen werden. Das fünfte Handlungsfeld hieße somit: Lesen!


Philipp Oswalt (Hrsg.): Schrumpfende Städte - 2. Handlungskonzepte, Hatje Cantz Verlag, 2005
ISBN 3-7757-1558-4, 896 S., 39,80 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag Hatje Cantz.


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