Kerzenlichter für Irak-Geiseln

10. Apr 2006 | von Petra Sorge | Kategorie: Internationale Politik

Mahnwache-Dominik2.jpgDas Video der beiden im Irak verschleppten Geiseln René Bräunlich und Thomas Nitzschke gibt Hoffnung: Sie sind noch am Leben. Gleichzeitig drohen die Entführer mit der Ermordung, sollten ihre Forderungen nicht erfüllt werden. In Leipzig versammelten sich am 10. April rund eintausend Menschen zur 21. Mahnwache. Von Petra Sorge.

Das Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche ist noch in vollem Gange, da versucht der 13-jährige Dominik Ledea draußen im starken Wind mehrere der hundert Kerzen vor der Kirche anzuzünden. Fotografen und Kameraleute scharen sich um den kleinen Jungen, der sich weder von dem Blitzlichtgewitter noch von den strengen Böen beeindrucken lässt. Dominik war bisher zu jeder Mahnwache für die beiden im Irak verschleppten Leipziger anwesend – immer montags und donnerstags. Seine Jacke ziert eine grüne Schleife. “Die steht für die Hoffnung, die wir jetzt wieder schöpfen, dafür, dass die beiden wieder lebend zurückkommen”, sagt er. Dominik wird die Schleife noch den ganzen Tag tragen. Und mit seiner Anwesenheit genau wie 1000 andere Menschen, die an diesem Abend auf den Nikolaikirchhof strömen, den Entführten beistehen. Das am 9. April veröffentlichte Video bewegte so viele Leipziger wie noch nie, an der Mahnwache für René Bräunlich und Thomas Nitzschke teilzunehmen.

Krawall und Gebet an einem Tag

Der 10. April wird für die Leipziger in vieler Hinsicht als turbulenter Tag in Erinnerung bleiben: Die einen verfolgten seit dem Vormittag per Live-Übertragung die Versetzung des 2.200 Tonnen schweren Portikus am Bayerischen Bahnhof, der wegen des City-Tunnel-Baus um 30,5 Meter versetzt werden musste. Die anderen amüsierten sich über Ärzte-Proteste auf dem zentralen Augustusplatz. Dort wirkten die höhere Löhne fordernden Mediziner mit ihren Trillerpfeifen wie Abiturienten, die Geld für den Abschlussball sammeln.

Mahnwache-Menschen.jpgUm punkt 18 Uhr läutet die Glocke der Nikolaikirche das Ende des Friedensgebets ein und zieht weitere Passanten aus den Nebenstraßen auf den Platz. Dominik, der ein Windlicht in seiner Hand hält, stellt sich direkt neben den von Medienvertretern belagerten Pfarrer Christian Führer und den Oberbürgermeister Burkhard Jung. Trillerpfeifen unterbrechen die Ansage des Pfarrers. “Lassen wir erstmal unsere Freunde vorbei”, sagt Führer. Rechts an der Kirche marschiert ein überschaubarer Pulk Demonstranten mit Transparenten entlang. Ungeachtet der an die Geiseln mahnenden Menschenmenge zerschneiden sie die kirchliche Stille mit ihrer Botschaft: “ALG II – das ist Sklaverei” tönt es blechern aus ihren Megaphonen.

Gedenkminuten

Mahnwache-Hilferuf.jpgDann fordert der Pfarrer die Versammelten zu zwei Gedenkminuten auf. Die Menschen senken ihre Häupter, sogar die eifrigen Fotografen unterbrechen für zwei Minuten ihr lautes Klicken. Von fern klingen nur noch leise die Sprechchöre und Trillerpfeifen der letzten zähen Leipziger Montagsdemonstranten gegen die Hartz IV-Reformen. Dann wird es still. Ein Mann hält eifrig ein Transparent in die Höhe: “Verzweifelter Hilferuf” Dann ein lautes Krächzen. Eine große schwarze Krähe fliegt über die fast 1000 Menschen im Nikolaikirchhof. Wer eine weiße Friedenstaube erwartet hat, muss bei ihrem Anblick nur schaudern.

Pfarrer Christian Führer ergreift wieder das Wort: “Die Videobotschaft gibt Hoffnung, dass die Geiseln noch am Leben sind.” Gleichzeitig mache sie Angst, “besonders als wir die Bilder gesehen haben, das Aussehen der jungen Männer, ihre langen Bärte, die leise Stimme “Bitte helft uns”.” Führer finde die Forderung der Geiselnehmer, alle Gefangenen freizulassen und die Soldaten abziehen zu lassen, zwar “verständlich”, aber “was soll diese Forderung an Thomas Nitzschke und René Bräunlich?” Der Pfarrer fragt: “Werden sie morgen fordern, dass wir aus Stein Brot machen?” Er fordert zugleich die Regierung auf, alles “Unmögliche” für die Freilassung der Geiseln zu unternehmen.

Krisenstab arbeitet auf Hochtouren

Die Regierung hat für die Auswertung des Videos extra einen Krisenstab einberufen, der zeitgleich im Auswärtigen Amt an die Arbeit ging. “Der Krisenstab und vor allen Dingen Bundesnachrichtendienst und Bundeskriminalamt haben ausführlich und intensiv das neuste Videoband analysiert und daraus die notwendigen Schlussfolgerungen gezogen”, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. Die Ergebnisse wurden noch nicht bekannt gegeben. Man wolle das Leben der Geiseln nicht gefährden.

Mahnwache-Kerzen.jpgIn Leipzig ging die 21. Mahnwache nach etwa einer halben Stunde zu Ende. Die Menschenmassen, und mit ihnen auch Dominik, verteilten sich wieder in den Nebenstraßen. Die zahlreichen Kerzen, Plakate und Transparente werden die Mauer der Nikolaikirche aber noch eine Weile schmücken. “Bis zur Freilassung der Geiseln”, so die Ankündigung von Pfarrer Christian Führer, wird es jeden Montag und Donnerstag eine Mahnwache für die verschleppten Mitbürger geben.


Die Bildrechte liegen bei der Autorin.


Optionen: »Kerzenlichter für Irak-Geiseln« bewertenArtikel drucken | Artikel per E-Mail versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Kommentar hinterlassen

Twitter Nutzer - Mit deinem Twitteraccount bei /e-politik.de/ anmelden: