Juden und Deutsche unterm Hakenkreuz
Ein neues Buch untersucht das deutsch-jüdische Verhältnis im Dritten Reich anhand jüdischer Zeitzeugen, bleibt aber Antworten schuldig. Von Wolfgang Mehlhausen
Eine zusammenhängende Veröffentlichung zum Thema Juden und Deutsche im Dritten Reich gab es bislang nicht, wohl aber herausragende Aufzeichnungen Verfolgter, wie von Victor Klemperer, Inge Deutschkron oder Bella Fromm, um nur einige Namen zu nennen. Wer sich für die NS-Zeit und die Frage der Judenverfolgung interessiert, hat zumindest deren Bücher gelesen. Die fast minutiösen Aufzeichnungen des in Dresden bis Kriegsende lebenden Romanistik-Professors Klemperer werden sehr oft vom Verfasser herangezogen, seine Erfahrungen als Verfolgter scheinen sich mit denen anderer jüdischer Mitbürger zu decken.
Von Else Behrendt-Rosenfeld bis Valerie Wollfenstein
Konrad Löw untersucht wie ein Moderator das Leben von Juden im NS-Staat und beginnt mit "Ausgrenzung und Vernichtung – eine Dokumentation”, wendet sich dabei verschiedenen Epochen zu und versucht im zweiten Abschnitt eine "Aufarbeitung und Bewertung”. Seinen Erläuterungen fügt er stets Zitate und Aussagen von jüdischen Zeitzeugen bei. Diese Form der "Moderation” ist recht interessant, allerdings muß man hier das Layout des Buches kritisieren. Löws Schilderungen sind in gängiger Schriftgröße gedruckt, die Zitate der Zeugen hingegen sehr klein.
Die Zahl jüdischer Zeitzeugen ist sehr groß, hier sind auch Prominente wie Albert Einstein oder Marcel Reich-Ranicki zu finden. Auch der Showmaster Hans Rosenthal ist unter ihnen. Welche Antwort der Autor auf die Grundfrage: Verhältnis der Deutschen zu den verfolgten Juden findet, ist eigentlich schon am Titel unschwer zu erraten.
"Das Volk ist ein Trost”
Die heute lebende Generation kann sich schwer vorstellen, dass vor etwas mehr als 60 Jahren in Lagern industrieller Massenmord an Menschen vorgenommen wurde. Der Tod im Gas war für die meisten Juden in Deutschland und den besetzten Gebieten das Ende eines langen Leidenswegs, der für viele mit der Ausgrenzung nach der "Machtergreifung” begann. Bis heute bewegt die Intellektuellen die Frage, wieviel die normalen Deutschen von den Leiden der Juden und der "Endlösung” wussten.
Natürlich kann der Autor hier keine exakten Zahlenangaben zusammentragen, die Frage nach Mitschuld und Mitwisserschaft bleibt offen. Anhand der Äußerungen von Zeitzeugen erfährt man, daß die Masse der Deutschen keineswegs antisemitisch eingestellt war und die rigorosen Maßnahmen bei der Bevölkerung kaum Beifall fanden. Vielmehr gab es "Wegsehen” und, erfreulicherweise, auch oft Solidarität, Hilfsbereitschaft und Mißfallenskundgebungen gegen den staatlich verordneten Antisemitismus.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß es scheinbar viel stärkere Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten in der Kaiserzeit und danach gab, als zwischen Christen und Juden. Der fanatische Antisemit und Propagandaminister Joseph Goebbels beklagte sich in seinen Tagebüchern mehrfach über Gleichgültigkeit und Desinteresse der Deutschen hinsichtlich der Hetze gegen jüdische Mitbürger. Die heute lebende, ältere Generation hat ihre Eltern und Großeltern gewiß auch nach diesen Vorgängen befragt und wird in der Regel das erfahren haben, was Löw schildert: Man kannte zu wenig Juden, wußte nicht, warum man gegen sie sein sollte und erfuhr praktisch nichts über ihr Schicksal und erlittenes Leid.
Selbst Albert Speer, der es vortrefflich verstand, sein eigenes Leben in Nürnberg zu retten und sich als "einsichtiger Nazi” darzustellen, beschrieb den Antisemitismus als "Schrulle Hitlers”, die er nicht ernst nehmen wollte. Dass bis zum Kriegsende die Todestransporte Vorrang vor Rüstungslieferungen an die Front hatten, dass jüdische Arbeitskräfte auch durch beste Arbeit für die Kriegswirtschaft ihr Leben nicht retten konnten, bleibt Tatsache. Niemand vermag eine vernünftige Antwort auf die Frage "warum” zu geben.
Schuld oder Unschuld – die Kardinalfrage
Wie weit "die Deutschen” am Schicksal ihrer jüdischen Mitbürger im NS-Regime Anteil nahmen, wird in dem Buch untersucht. Die große Mehrheit hat die "Judenpolitik” nicht bejaht, sondern eher nicht interessiert. Die Zahl der fanatischen Antisemiten dürfte recht klein gewesen sein, auch wenn beispielsweise der Stürmer bis Kriegsende eine extrem hohe Auflage hatte.
Fast einhellig berichten Zeitzeugen, dass Vertreter des Staats- und NS-Apparat oft höflich auftraten und ihr Verhalten im krassen Widerspruch zur Gestapo stand. Immer wieder wurde von Kaufleuten berichtet, die ohne Marken begehrte Lebensmittel abgaben oder Menschen, die "Sternträgern” etwas zusteckten.
Tatsache schien es zu sein, dass die "Normalbürger” seit Kriegsbeginn elementare Sorgen hatten und einfach nur versuchten, ein "normales Leben in einer unnormalen Zeit” zu führen. Dass es in anderen europäischen Ländern einen viel stärkeren Antisemitismus, besonders gegen orthodoxe "Ost-Juden” gab, wird nur am Rande erwähnt und ist schließlich auch nicht Gegenstand des Buches.
Prädikat : lesenswerte Dokumentation
Konrad Löw gilt als bekennender Konservativer. Für seine mehrfachen Solidarisierungen mit der Jungen Freiheit wurde er heftig kritisiert, wie für Auftritte vor rechten Vereinigungen und zahlreiche revisionistische Publikationen. So viel sei ihm jedoch zugute gehalten, das vorliegende Buch ist frei von solchen Anwandlungen.
Wer eine schlüssige Antwort zu "Auschwitz” und dem Massenmord an Juden im Dritten Reich sucht, der wird sie in diesem Buch nicht finden. Wer jedoch eine glaubhafte Darstellung des Zusammen- und auch Nebeneinanderleben von "Ariern” und Juden in Deutschland unterm Hakenkreuz sucht, wird fündig.
Eine selten ausgesprochene Wahrheit bleibt allerdings, dass die Masse der Menschen in jedem System, zur Nazizeit wie in der DDR, nicht anders als heute auch, versuchen, ihr normales Leben zu leben und ein bißchen Glück und Freude zu erhaschen, sich möglichst nicht mit der Obrigkeit anlegen und im Zweifelsfall die Augen vor Problemen verschließen, die sie nicht selbst tangieren. Die meisten Menschen scheinen nicht zum Helden und Widerständler geschaffen zu sein, das war damals so wie vor 2000 Jahren und wird wohl immer so bleiben?
Löw, Konrad: "Das Volk ist ein Trost” – Deutsche und Juden 1933-1945 im Urteil der jüdischen Zeitzeugen”
Olzog Verlag, 2005, 380 Seiten
ISBN 3-7892-8156-5, 34 Euro
Die Bildrechte liegen beim Olzog Verlag (Cover) und www.buchausgabe.de (Portrait).
Optionen: »Juden und Deutsche unterm Hakenkreuz« bewerten | Artikel drucken | Artikel per E-Mail versenden
Artikel in sozialen Netzwerken teilen:



