Internationale Allianzen

12. Jan 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

06835092_b001.jpgWie wird kollektives staatliches Handeln auf internationaler Ebene möglich? Um diese Frage streiten sich verschiedene Theorieansätze der Internationalen Beziehungen. Dirk Nabers liefert einen äußerst interessanten Beitrag zu dieser Debatte, dem er die deutsch-amerikanischen und japanisch-amerikanischen Beziehungen nach dem 11. September 2001 zugrunde legt. Von Michael Bauer

Gleich zu Beginn seines Buches Allianzen gegen den Terror legt sich Nabers fest: Seine erklärte Absicht ist es, eine Theoriearbeit zu verfassen. Entsprechend ist das Buch in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil wird ein diskurstheoretisches Konzept entwickelt, mit dem das Zustandekommen kollektiven Handelns auf internationaler Ebene erklärt werden soll. Im empirischen Teil wird dieses Konzept genutzt, um die Entwicklungen der internationalen Sicherheitspolitik nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zu analysieren.

Theoretische Grundlagen

Nabers bezieht sich im theoretischen Teil auf drei Ansätze: Alexander Wendts Arbeiten zum Konstruktivismus, Jürgen Habermas” Theorie kommunikativen Handelns und die Diskurstheorien von Ernesto Laclau, Chantal Mouffe und Michel Foucault. Nabers Position ist dabei eine konstruktivistische: Es existiert zwar eine objektive Realität “da draußen”, diese muss aber erst interpretiert und mit Bedeutung versehen werden, um handlungsleitend zu werden. Maßgeblich hierfür ist die Kultur des internationalen Systems, gewissermaßen die Gesamtheit der Ideen, Normen und weiterer Sinn stiftender Strukturen. Darüber hinaus gilt hier die Annahme, dass sich Staaten Charakteristika wie Interessen, Identität oder Artikulationsfähigkeit zuschreiben lassen.

Kommunikatives Handeln, Macht und Diskurs

Dieser Ansatz genügt jedoch nicht, um die zentrale Rolle, die internationale Diskurse für den Wandel des internationalen Systems spielen, zu begreifen. Um dieses Manko zu beheben, greift Nabers auf Habermas und dessen Theorie des Kommunikativen Handelns zurück. Dementsprechend muss untersucht werden, wie die Staaten in einem beständigen Diskurs über internationale Fragen stehen und welche Argumente und Interpretationen dabei vorgebracht werden.

In der internationalen Politik verfügen die Diskursteilnehmer, d.h. die Staaten, aufgrund unterschiedlicher Machtvereilung allerdings über recht unterschiedliche Ausgangspositionen bei der Artikulation ihrer jeweiligen Interpretationsvorschläge. So werden Diskurse selbst zu Machtfaktoren, da sie bestimmte Interpretationen mit Gültigkeit versehen und andere ausschließen. Auf diese Weise werden bestimmte Handlungsoptionen legitimiert, andere eingeschränkt. Mit diesem konzeptionellen Rüstzeug wendet sich Nabers der Auseinandersetzung mit dem Terrorismus zu.

Sicherheitspolitik nach 9/11

Im zweiten, dem empirischen Teil des Buches, fragt Nabers nun, wie die Anschläge vom 11.9. die Welt veränderten. Ein Akt politischer Gewalt hat, so Nabers, zunächst keine Bedeutung an sich, sondern muss erst von den politischen Entscheidungsträgern interpretiert werden. Im Falle von 9/11 ist das besonders deutlich geworden: Der Anschlag hinterließ zunächst einen Augenblick der Sprachlosigkeit und begrifflichen Verwirrung auf internationaler Ebene: Was ist da eigentlich passiert?

Nabers zeigt, wie die USA schnell die Führung in den sich entwickelnden Diskursen übernehmen und Japan und Deutschland zunächst folgen. So wird 9/11 als kriegerischer Akt definiert und nicht als Verbrechen. Die Anschläge werden als Angriff auf Freiheit, Demokratie und Zivilisation interpretiert, woran sich die Frage anschließt, wie dieser Herausforderung angemessen zu begegnen sei. Zwischen den drei Ländern herrscht dabei zunächst Übereinstimmung, dass auf die Anschläge mit militärischen Mitteln geantwortet werden darf, so zum Beispiel in Afghanistan. Auch die amerikanische Neuauslegung des Ius in bello nehmen Berlin und Tokio weitgehend widerspruchslos hin.

Grenzen der Koalitionsbereitschaft

Über den Krieg gegen den Irak brechen jedoch transatlantische Divergenzen auf, die sich nicht mehr überbrücken lassen: In Berlin und Washington zeigen sich grundsätzlich unterschiedliche Vorstellungen über die Gestaltung internationaler Sicherheitspolitik, die Rolle der Vereinten Nationen und die Bedeutung von Gewalt als Mittel der Konfliktlösung. Deutschland ist in der Lage sich der amerikanischen Interpretation zu widersetzen, weil es sich als europäische Macht definiert und zumindest in der Irakfrage an Frankreich anlehnen kann. Gleichzeitig ist man in Berlin jedoch auch nicht in der Lage, einen kohärenten Alternativdiskurs anzubieten.

Anders verhält es sich mit Japan: Die japanische Sicherheitspolitik, traditionell von einer anti-militaristischen Grundhaltung geprägt, vollzieht einen fundamentalen Kurswandel und folgt den amerikanischen Vorgaben zur neuen Sicherheitspolitik. Verfassungsrechtliche Beschränkungen für das japanische Militär werden gelockert, lediglich eine direkte Beteilung an Kampfhandlungen wird abgelehnt. Anders als für Deutschland bestanden für Japan keine politischen Alternativen zur Identitätsbildung, da das Land sich in einer Schicksalsgemeinschaft mit den USA sieht.

Ein Buch für Politikwissenschaftler

Dieses Buch, eine Habilitationsschrift, wendet sich vor allem an Politologen, Soziologen oder andere Sozialwissenschaftler. Dabei wird der Autor seinem eigenen Anspruch vollends gerecht, einen Beitrag zur Fortentwicklung der Theorien der Internationalen Beziehungen zu leisten. Das Buch entwickelt ein außerordentlich fruchtbares Analyseraster zur Untersuchung von Entstehung, Wandel und Auflösung internationaler Koalitionen. Allianzen gegen den Terror kann daher jedem zur Lektüre empfohlen werden, der sich für die neuesten Entwicklungen in diesem politikwissenschaftlichen Teilbereich interessiert.


Nabers, Dirk,

Allianzen gegen den Terror. Deutschland, Japan und die USA,

(2005), VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden,

363 S., 39,90 Euro.


Die Bildrechte liegen beim VS-Verlag. Der Verlag im Internet.

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