In Vielheit geeint: Indiens Aufstieg zur Weltmacht

17. Dez 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Mueller_Indien.JPGDas neue China heißt Indien. Der rasante Aufstieg Indiens fordert die ganze Welt gleichermaßen heraus. Er birgt aber auch neue und zukunftsträchtige Chancen. Nicht nur aber vor allem weil Indien die größte Demokratie der Welt ist. Von Jodok Troy

Harald Müller plädiert dafür, die größte Demokratie der Welt als demokratischen Partner zu sehen, dessen weltpolitische Rolle helfen kann, die Demokratie weltweit attraktiver zu gestalten. Im besten Fall soll diese Partnerschaft dazu beitragen, die Arroganz des Westens zu dämpfen und die Welt friedlicher zu machen. Obwohl dieser Ansatz als sehr ehrgeizig erscheint, hat Müller mit seinem Buch Weltmacht Indien. Wie uns der rasante Aufstieg herausfordert eine sehr fundierte Abhandlung über die Rolle Indiens aus einer weltpolitischen Perspektive geschrieben. Er folgt damit dem allgemeinen Trend, Asien als Zentrum der Weltpolitik zu verorten und dem ist – allen Indikatoren nach zu urteilen – auch so.

Harald Müller ist Professor für Internationale Beziehungen in Frankfurt am Main und Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Hessischen Stiftung Frieden- und Konfliktforschung (HSFK). Müller ist ein in Politologenkreisen wohlbekannter und geachteter Wissenschaftler, der aber, wie auch das nun vorliegende Werk zeigt, oft sehr eigenwillige Ideen verfolgt.

Begründeter Untersuchungsbedarf

Müller will nach eigenen Angaben Indien aus einer weltpolitischen Perspektive darstellen. Dafür nennt er vier Motive: Erstens die Korrektur seines eigenen Irrtums, weil er Indien unter der national-hinduistischen Partei (BJP) einst eine düstere Zukunft prophezeit hat. Zweitens das Faktum der größten Demokratie der Welt, die seit nunmehr fast 60 Jahren Stabilität aufweist. Drittens Indiens Aufstieg zur wirtschaftlichen Weltmacht, die bald an den USA vorbeiziehen wird. Viertens schließlich will Müller mit seinem Werk dafür werben, zu dieser Weltmacht „gedeihliche Beziehungen“ zu entwickeln.

Müller folgt mit der Begründung für seine Darstellung im Wesentlichen dem politikwissenschaftlichen Mainstream: Es ist „in“ sich mit Indien zu beschäftigen, auch für solche, die das Land nicht aus eigener Erfahrung kennen. Es bleibt eine Tatsache, die auch Müller erkennt, dass bis zu den indischen Nuklearwaffentests dieser Subkontinent nahezu sträflich in der (westlichen) wissenschaftlichen Analyse vernachlässigt wurde. Die Demokratie Indien „ging an den Wortführern des westlichen Liberalismus so gut wie spurlos vorbei“.



Besonderheiten und das indische Rätsel

Indien hat keine aktive imperiale Vergangenheit. Die britische Kolonialherrschaft hat jedoch manche Erblast hinterlassen. Dazu zählt Müller insbesondere einen Minderwertigkeitskomplex, bedingt durch die britische Bevormundung. Daraus allerdings den kausalen Schluss zur Charakterisierung Indiens als „gütigem“ Hegemon zu ziehen, scheint etwas weit hergeholt.

Zweifellos hat das Kastenwesen, das heißt die daraus resultierenden Hierarchien, die britische Herrschaft begünstigt und zweifellos ist das Kastenwesen auch heute noch der bestimmende Faktor im gesellschaftlichen Leben. Trotzdem dürfen die anderen wachsenden indischen Identitäten nicht vernachlässigt werden: säkularer Nationalismus, hinduistischer Nationalismus und die soziale Emanzipation der unteren Kasten.

Für die „Verzögerung“ in der Entwicklung von Nuklearwaffen macht Müller zwei sich eigentlich widersprechende Ursachen verantwortlich: Erstens die traditionelle Gewaltabneigung (Stichwort Ghandi) und zweitens die noch nie vorhandene absolute Gewaltlosigkeit (die ebenfalls auf Ghandi zurückgeht, der entgegen der landläufigen Meinung nie eine absolute Gewaltlosigkeit vertrat; die „Verteidigungsbereitschaft“ sollte immer erhalten bleiben).

Indische Wirtschaft und Demokratie

Portrait_Mueller.JPGDer Schlüssel zum Werk Müllers, aber auch zum Verständnis der Bedeutung Indiens in der Weltpolitik liegt in der Bedeutung der indischen Wirtschaft: „Die Grundlage für Indiens Weltmacht ist sein Wirtschaftswunder.“ Wirtschaftliche Stärke korreliert mit und untermauert den indischen Weltmachtsanspruch. Die Infrastruktur ist zwar nach wie vor nicht voll ausgebaut und leistungsfähig, enthält aber sicherlich das Potenzial für weiteres Wachstum.

Das größte Rätsel für viele westliche Beobachter ist die Funktionalität der indischen Demokratie. Die gesellschaftliche Fragmentierung wird durch das Kastenwesen verstärkt und es stellt sich die Frage, wie ein derart vielfältiges Land, sowohl was die Religion als auch die Kultur betrifft, überhaupt zu demokratischen Konsensen kommen kann. Eine mögliche Antwort ist der religiöse Pluralismus, der zu interreligiösen Diskursen anregt und ein „ideales Unterfutter für die Demokratie“ ist. „Einheit in Vielfalt“ war und ist nach wie vor das Motto der Kongresspartei.

So macht denn auch das politische System Zugeständnisse an dieses Pluriversum: Die Exekutive ist verhältnismäßig stark ausgeprägt, insbesondere durch die machtvolle Stellung des Präsidenten (derzeit Manmohan Singh), und die Entwicklung des Parteiensystems führte zur Stärkung der säkularen Verfasstheit der Demokratie.

Internationale Politik

Indien wird mehr und mehr zu einem Brennpunkt der internationalen Politik. Sei dies durch das nukleare Kooperationsprogramm mit den USA (März 2006), durch den indisch-pakistanischen Konflikt oder allein durch das Faktum der vorhandenen Nuklearwaffen.

Die Ausrichtung der indischen Nuklearwaffendoktrin ist nach wie vor nicht klar feststellbar. Es kann jedoch als relativ sicher gelten, dass Indien damit eher den Weg einer Minimalabschreckung (vor allem gegen Pakistan und die Volksrepublik China) verfolgt. Bedeutender ist jedoch die indische Erfahrung, dass begrenzte konventionelle Kriege, auch und gerade vor dem Hintergrund von Nuklearwaffen, wieder möglich geworden sind. Das daraus resultierende „Stabilitäts-/Instabilitäts-Paradox“ könnte auch anderen Staaten und Regionen als Vorbild dienen. Darin liegt die Gefahr der indischen Erfahrung: Nukleare Abschreckung garantiert „Stabilität, weil sie einen totalen Krieg um den Preis wechselseitiger Vernichtung unmöglich macht, aber gerade diese Situation lässt begrenzte Kriege wieder zu, weil die Kontrahenten annehmen, der Feind werde den Krieg nicht bis zu einem totalen Sieg eskalieren lassen.

Nichts verdeutlicht den Aufstieg Indiens so sehr wie sein Verhältnis zu den USA. Trotz dieser engen Beziehung, die offenbar darauf abzielt, Indien als ausgleichende Macht in der Region aufzubauen – ganz im Sinne einer Balance of Power Politik (was aber nicht der Meinung Müllers entspricht) – gibt es nach Müller einige „Showstopper“ die Indien dabei im Weg stehen könnten: Dazu zählen insbesondere die Gefahr des ansteigenden Populismus und der Klientelismus, Hindu-Extremismus, Provinzionalisierung der Unionspolitik durch Abspaltungen der großen Parteien, Auswüchse der Realpolitik durch rücksichtslose Machtanwendung und schließlich die beiden brenzligen Beziehungen zu Pakistan und der Volksrepublik China.

Bei aller Sachlichkeit des Werkes kann sich der Leser nicht des Eindruckes erwehren, dass es stellenweise aus einer recht überheblichen Sichtweise geschrieben wurde. So wird zwar anerkennend auf die Leistungen Indiens geschaut und auch auf die Notwendigkeit der Kooperation (gerade mit Europa) hingewiesen. Ein Autor jedoch, der den „zivilisatorischen Überlegenheitskomplex“ der ehemaligen britischen Kolonialmacht kritisiert, sollte sich nicht zu Sätzen wie „die indischen Regierungen haben in den letzten zwanzig Jahren ziemlich viel richtig gemacht“ hinreißen lassen.

Alles in allem ist Harald Müllers Darstellung aber gut gelungen und empfiehlt sich für alle die an Indiens Rolle in der Weltpolitik interessiert sind. Wegen der momentanen „Welle“ an Büchern über asiatische Länder in der Weltpolitik (z.B. auch Olaf Ihlau Weltmacht Indien. Die neue Herausforderung des Westens) ist es oft nicht leicht die relevante Literatur zu finden. Müllers Werk liefert aber zumindest einen guten Einstieg in die Thematik.  

Müller, Harald: Weltmacht Indien. Wie uns der rasante Aufstieg herausfordert.

Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M., 2006, 352 S.

ISBN 3-596-17371-X, 8,95 Euro

 



Die Bildrechte liegen bei der HSFK (Portrait) und dem Fischer Taschenbuch Verlag (Cover).



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