Grenzenloser Terror
Transnationaler Terrorismus ist ein gefährliches Phänomen des 21. Jahrhunderts. Wie können wir mit dieser sich stetig wandelnden Schattenwelt umgehen? Von Christoph Rohde
Ulrich Schneckener hat mit Transnationaler Terrorismus eine neue Auflage seines Standardwerkes zum Thema Terrorismus vorgelegt. Ehrlich und offen weist der Verfasser auf die Grenzen der Erkenntnis bei der Analyse dieses vielfältigen Sujets hin. Das Buch umfasst sechs Themenschwerpunkte, die in 27 Unterkapitel eingeteilt sind. Schneckener definiert das Phänomen Terrorismus als integriertes Resultat gesellschaftlicher Konfliktlagen, nicht als reine “religiöse Entartung”.
Klassifizierte Quellen und verborgene Motivationen
Die empirische Sozialforschung ist in ihrer Methodenwahl bei der Analyse des Terrorismus erheblich eingeschränkt. Dies liegt in der Natur der Sache. Es gibt keine klare Definition von Terrorismus; andere Gewaltformen, wie sie zum Beispiel von Befreiungsbewegungen benutzt werden, greifen oft auf Taktiken zurück, die auch Terroristen zur Durchsetzung ihrer Ziele anwenden.
Wichtiger aber ist der Aspekt der Sicherheit für die Gesellschaft und die Wissenschaftler selber. Da Terrorismus im Untergrund stattfindet, sind authentische Quellen schwer zu finden. Wie ist die Zuverlässigkeit von Zeugen zu beurteilen? Kann man sich auf Interviews oder Fragebögen verlassen? Oder werden Aussagen nur als Propaganda benutzt?
Auf der anderen Seite können die staatlichen Sicherheitsbehörden und Geheimdienste ihre Quellen nicht preisgeben oder ihre Taktiken offen legen. Zudem haben Sicherheitsorgane die Angewohnheit, Bedrohungen übertrieben darzustellen, um ihre Interessen besser begründen und durchsetzen zu können.
Forscher sind deshalb auf Erklärungen der Akteure selber, Videobotschaften, Internet-Quellen oder offizielle Stellungnahmen angewiesen. Sekundärquellen stehen noch mehr unter Ideologieverdacht. Die Erkenntnisse der Forschung sind also hochgradig auf Vermutungen und Rekonstruktionstechniken angewiesen.
Ein Feind wie ein lernfähiges Virus
Die Erkenntnisse über den Terrorismus aus der Sicht der Forscher und Behörden werden zusätzlich dadurch relativiert, dass der Feind sich selbst, seine Ziele und Taktiken sehr schnell ändert. Dies erinnert an das Bekämpfung des AIDS-Virus. Kaum haben Forscher ein Gegenmittel entwickelt, hat sich das Virus selbst längst weiter entwickelt. Jedenfalls können die Terroristen die Gegenmaßnahmen ihrer Gegner voraussehen und darauf reagieren. Damit erreichen sie ihr psychisches Ziel, Unsicherheit zu streuen. Diese Unsicherheit führt teilweise zu überzogenen Gegenmaßnahmen liberaler Systeme, so dass deren Legitimität in Frage gestellt wird. Die Terroristen verstehen es, diesen Teufelskreis beständig am Laufen zu halten.
Veränderte Reichweite
Schneckener zeigt, wie sich die Reichweite des Terrorismus seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts verändert hat. Die Entwicklung vom nationalen zum internationalen respektive transnationalen Terrorismus ging Hand in Hand mit verbesserten Kommunikationswegen und -strategien der Akteure.
Der nationale Terrorismus, in Deutschland durch die Rote Armeefraktion bekannt geworden, erhielt seinen internationalen Charakter durch die Zusammenarbeit mit der PLO. Flugzeugentführungen im Ausland zeichneten diesen international tätigen Terrorismus aus. Den transnationalen Terrorismus kennzeichnet die eigentümliche “Heimatlosigkeit” seiner Anhänger. Mitglieder dieser Terrorgruppen bilden transnationale soziale Netzwerke, die nicht mehr territorial definiert sind. Loyalitäten zu Nationen haben deshalb auch keine abschreckenden emotionalen Wirkungen auf die Täter.
Unterschiedliche Organisationsformen
Schneckener zeigt deutlich auf, welche verschiedenen Organisationsformen Terrorgruppen wie Al Quaida auszeichnen. Während die globale Ebene maßgeblich ist für die Konzeption ideologischer Grundlagen und politischer Ziele des Terrors, kümmern sich regionale und lokale Organisationseinheiten um die operativen Details wie Rekrutierung, Passfälschungen oder die Versorgung mit Waffen, Sprengstoff und Logistik. Diese kleinen Einheiten sind flexibler. Alternative Zellen können Aufgaben übernehmen, falls die eine oder andere Gruppe enttarnt werden sollte. Deshalb ist es für Sicherheitsbehörden sehr schwierig, ganze Gruppen zu zerschlagen, denn deren modulare Struktur sorgt für eine ständige Reproduktion von Zellen.
Hohes Anforderungsprofil für Rekruten
Die Meinung ist weit verbreitet, dass besonders sozial gestrandete Individuen potenzielle Selbstmordattentäter darstellen. Doch lässt sich diese Auffassung nicht bestätigen. Denn Selbstmordattentäter gelten in den Kreisen der Gesellschaft als Märtyrer, die nicht nur mit einer glorreichen Ewigkeit belohnt zu werden glauben, sondern das soziale Prestige der Familie des Selbstmordattentäters wird erheblich erhöht. Die Gratifikation überträgt sich somit auf den Verwandtenkreis, der keineswegs als Verhinderungsinstanz wirkt, sondern eher noch zu dieser “Heldentat” motiviert.
Auch intellektuell, bildungsmäßig und vom technischen Horizont aus gesehen wird von den potenziellen Attentätern ein vorbildliches Profil erwartet. Die Tests umfassen ideologische Festigkeit, Kenntnis des Islam, Nervenstärke, Gesundheit und die nicht emotional, sondern rational und ideologisch begründete Bereitschaft zum Martyrium.
Hohe Zerstörungsbereitschaft und -fähigkeit
Die Fähigkeit zu Massenmorden haben Al Quaida und andere Terrororganisationen bereits deutlich nachgewiesen. Dabei griffen die Attentäter auf Strategien zurück, die sich offensichtlich bewährt haben. Der Terroranschlag vom 11. September war wie die Anschläge in Madrid und London eher “konventionell” ausgerichtet und führte dennoch zu hohen Opferzahlen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Terroristen einen Anschlag mit Massenvernichtungswaffen durchführen, ist glücklicherweise unwahrscheinlich, weil die technischen Voraussetzungen hoch und die damit verbundene Wahrscheinlichkeit zu einer erfolgreichen Durchführung eher gering sind. Wahrscheinlicher erscheint die Verwendung einer schmutzigen Bombe, eines konventionellen Sprengsatzes mit geringen nuklearen Anteilen.
Keine wirklichen Antworten
Schneckeners Analysen sind brillant und aktuell. Doch wie umgehen mit dem Dilemma des transnationalen Terrorismus? Hier bleibt der Autor unspezifisch. Er fordert eine vernünftige Mischung aus strukturellen und operativen Gegenmaßnahmen (was auch immer diese sein mögen) gegen den Terrorismus – Maßnahmen, die manchmal in Widerspruch zueinander geraten.
Strukturelle Antworten beinhalten die Förderung sozialer Gerechtigkeit durch staatliche Außenwirtschaftshilfemaßnahmen sowie Programme durch Institutionen wie die UN, die WTO und Nichtregierungsorganisationen
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