Globalisierte Nazis?
Allen nationalistischen Parolen zum Trotz reagiert auch die rechtsextreme Szene
weltweit auf die Herausforderungen und Chancen der Globalisierung. Ein neuer
Sammelband beleuchtet die transnationalen Aktivitäten und Strukturen und
die zugrunde liegenden Ideologien der rechtextremen “globalisierten Anti-Globalisierungsbewegung” Von
Felix Kriszun
“Paradoxie ist die Orthodoxie unserer Zeit.” Dieses Zitat Niklas
Luhmanns beschreibt auf eindrucksvolle Weise die vielfältigen Widersprüche
der globalisierten Welt. Die Tatsache, dass die traditionell auf explizit
nationalstaatliche Identitätskonstruktionen bedachte extremistische Rechte
beginnt, sich transnational zu vernetzen – zu globalisieren -, veranschaulicht
diese Beobachtung. Der von Thomas
Grumke und Thomas
Greven herausgegebene Sammelband Globalisierter Rechtsextremismus? beleuchtet,
wie sich einerseits der Topos “Globalisierung” weltweit zu einem Hauptagitationsthema
der Rechtsextremisten entwickelt hat und wie andererseits die extremistische
Rechte in ihrem Anliegen, ihren ultranationalistischen Positionen Einfluss
zu verschaffen, selbst zunehmend transnational agiert.
Der Band untergliedert sich in zwei Hauptteile: Der erste widmet sich für
Rechtextremisten grenzüberschreitend bedeutsamen Ideologien, der zweite Abschnitt
den sich vor diesem Hintergrund herausbildenden Strukturen des globalisierten
Rechtsextremismus. Die Trennlinie zwischen Ideologie und Struktur verschwimmt
in den einzelnen Texten jedoch häufig.
Ideologische Fundamente
Greven untersucht den Stellenwert der Globalisierungskritik für die extremistische
Rechte. Während auf linker Seite Global-Governance-Ansätze vorherrschten,
stellt das rechtsextreme völkische Re-Nationalisierungsprojekt die einzige
genuine Anti-Globalisierungsbewegung dar. Wenngleich das Globalisierungsthema
bislang in der rechten Propaganda eher nachrangig, meist im Zusammenhang mit
sozialen Fragen, aufgegriffen wird, öffnet sich durch die Globalisierung ein “Möglichkeitsfenster
für Mitgliedergewinnung und Mobilisierung” – vor allem unter den Globalisierungsverlierern.
Vor diesem Hintergrund analysiert Armin
Pfahl-Traughber die Bedeutung der Globalisierungskritik für den deutschen
Rechtsextremismus. Überzeugend zeigt er die Fixierung auf den ethnisch definierten
Nationalstaat und ihre Begleiterscheinungen (Ablehnung des Individualitätsprinzips
und der Menschenrechte, Antiamerikanismus und Antisemitismus) auf. Die rechtsextreme
Kritik am Kapitalismus erscheint nicht als Ablehnung der Marktwirtschaft
an sich, sondern vielmehr der mit einigen marktwirtschaftlichen Praktiken
verbundenen sozialen und kulturellen Begleiterscheinungen. Globalisierungskritische
Positionen seien lediglich in den politischen und publizistischen Eliten
des deutschen Rechtsextremismus verankert, spielten aber für die Basis jenseits
simpelster Parolen kaum eine Rolle.
Marc Weitzman vom Simon-Wiesenthal-Center widmet
sich der Bedeutung von Antisemitismus und Holocaust-Leugnung im globalisierten
Zeitalter. Bei ihren Bemühungen, antisemitische Positionen einem breiteren
Publikum zugänglich zu machen, nutzen Rechtsextremisten zunehmend den globalisierungskritischen
Diskurs, um traditionelle Formen des Antisemitismus um neue Agitationsmöglichkeiten
zu ergänzen. Die Globalisierung mit all ihren Begleiterscheinungen wird als
Teil einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung betrachtet. Neben der Globalisierungskritik
haben die Antisemiten auch ein weiteres traditionell mit der linken Agenda
assoziiertes Thema aufgegriffen: die Ökologie. Der Versuch, mit antisemitischen
Themen die nationalen Mainstream-Debatten zu beeinflussen, zeigt sich nicht
zuletzt am gewachsenen rechtsextremen Interesse an der islamischen Welt.
Den überzeugendsten Beitrag im Ideologie-Abschnitt liefert Albert
Scharenberg. Nach einer umfassenden theoretischen Einordnung analysiert
er, wie sich verschiedene rechtsextreme Gruppierungen in Europa die Widersprüchlichkeit
und den Populismus bürgerlicher Einwanderungspolitik zu nutze machen. An
den Mainstream-Diskurs anknüpfend und diesen vor sich her treibend, betreiben
sie eine “Ethnisierung des Sozialen” im globalen Wettbewerbsstaat. In diesem
Zusammenhang ist es gerade die Akzeptanz bürgerlicher Politikpositionen durch
die Neue Rechte, die sie zur Gefahr werden lässt.
Aktuelle Fallstudien
An Mikhail Sokolovs Fallstudie zu den Entstehungsbedingungen der intellektuell
ausgerichteten Neuen Rechten im postkommunistischen Russland schließt sich
der zweite Hauptabschnitt an. Verglichen mit den vorangegangenen Beiträgen,
fällt der doch sehr deskriptive Charakter einiger Texte auf.
Besonders positiv hebt sich Grumkes Darstellung der “transnationalen Infrastruktur
der extremistischen Rechten” ab. Die ideologischen Hintergründe und Theorien
nicht aus dem Blick verlierend, beschreibt er anschaulich die Herausbildung
der “panarische[n] Internationale” – der internationalen Kooperationen, des
Informationsaustauschs und des regen Veranstaltungstourismus der rechtsextremen
Szene.
Auf Thomas
Pfeiffers Aufsatz über die wichtigsten rechtsextremen Internetseiten
und die Bedeutung des neuen Mediums für die Szene folgt Michael
Whines sehr kenntnis- und aufschlussreiche Untersuchung der vielfältigen
Verbindungen von Rechtsextremisten und Islamisten. Whine gelingt es, sowohl
die in die 40er Jahren zurückreichenden Wurzeln der Kontakte zwischen Islamisten,
Baathisten und (Neo-) Nazis als auch die vor allem seit dem 11. September
2001 bekannt gewordenen heutigen Verbindungen herauszuarbeiten. Der Autor
kommt zu dem Ergebnis, dass die Kooperationen bislang rein taktischer Natur,
opportunistisch, sehr kurzfristig und lediglich durch den gemeinsamen Hass
auf “den Westen”, die USA, Israel und Juden genährt waren.
Den Abschluss bildet Brigitte Brücks Text zur Rolle von Frauen im transnationalen
Rechtsextremismus. Ihre Schlussfolgerung, dass rechtextreme Politikerinnen
oftmals “in Verlängerung ihrer familiären Pflichten für die Ethnie ihres Volkes
einsteh[en], indem sie Familien anderer Ethnien ausgrenz[en]” wirkt angesichts
nur drei interviewter Politikerinnen recht gewagt.
Insgesamt bietet der Sammelband einen sehr guten Überblick über die Ideologien
und Strukturen der sich globalisierenden extremistischen Rechten. Die vielfältigen
Ansätze und Standpunkte der Autoren machen die Lektüre abwechslungsreich und
interessant. Wenngleich man einige Bereiche vermisst (etwa die Bedeutung der
Populärkultur und die Rolle der Jugend im transnationalen Rechtsextremismus)
und die Qualität der Beiträge stark schwankt (was auch wirkliche Höhepunkte
beinhaltet), stellt das Buch einen intellektuell anregenden Einstieg in das
Gebiet dar und liefert zahlreiche Anknüpfungsmöglichkeiten für die weitere
Beschäftigung mit der Thematik. Es ist den Autoren und Herausgebern gelungen,
eine der Paradoxien unserer globalisierten Welt verständlicher zu machen.
Thomas Greven, Thomas Grumke (Hg.),
Globalisierter Rechtsextremismus? Die extremistische Rechte in der Ära der
Globalisierung,
2006, Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften,
227 S., ISBN: 3-531-14514-2, 26,90 Euro
Die Bildrechte liegen beim VS-Verlag. Der Verlag im Internet.
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