Gewalt ohne Ende

22. Aug 2006 | von freier Autor | Kategorie: Politisches Buch

cover_al-quaida.jpgFünf Experten für den Islam der Gegenwart nutzen ihr Wissen, um Al-Qaida-Texte einer breiteren, nicht Arabisch sprechenden Öffentlichkeit zu erschließen. Mit einem bemerkenswerten Buchprojekt versuchen sie, dem Phänomen dieser durch Terroranschläge bekannt gewordenen Gruppe auf die Spur zu kommen. Von Karin Kranich

Das Buch Al-Qaida – Texte des Terrors ist 2005 in Frankreich erschienen und liegt nun auch in deutscher Fassung vor. Gilles Kepel, Islamspezialist an der Universität Paris, und Jean-Pierre Milelli, Dozent für Arabisch, haben Texte untersucht, die auf Arabisch ins Internet gestellt worden sind. Sie können vier Personen, die für Al-Qaida äußerst wichtig sind, zugeschrieben werden: Osama bin Laden, Abdullah Azzam, Ayman al-Zawahiri und Abu Mus´ab al-Zarqawi. So besteht der gut 500 Seiten starke Band hauptsächlich aus der Einführung und den entsprechenden vier Teilen.

Klarheit statt Verschleierung

Kepel, Milelli und ihre drei wissenschaftlichen Mitarbeiter, die Doktoranden Omar Saghi, Thomas Heghammer und Stephan Lacroix – alle am Institut d´Etudes politiques der Universität von Paris tätig – haben sich zum Ziel gesetzt, die Weltsicht von Al-Qaida anhand der schriftlichen Äußerungen zu erfassen und zu verstehen. Sie möchten verwirrenden Bildern und Schlagworten im Umfeld des “Terrorismus”, die eher verschleiern als dass sie aufklären, entgegenwirken.

Botschaften im Dienst des Dschihad

Für Bin Laden, Azzam, Zawahiri und Zarqawi ist es charakteristisch, in ihren Texten Suren und Hadithe (Koran-Kapitel und sog. Aussprüche Mohammeds) anzuführen, um ihre Ideologie und ihre “Operationen” aus der Tradition des Islam zu rechtfertigen. Dem Islamunkundigen erschließen sich diese Bezüge erst, wenn er den Islamspezialisten um Gilles Kepel folgt. Sie decken historische, kulturelle, politische und religiöse Hintergrundfakten in ausführlichen Kommentaren auf, wie die Autoren belegen.

Die “Botschaften” sprechen eine überwiegend pathetische, bildreiche Sprache, häufig im Stil einer Predigt, ungenau bezüglich historischer Zusammenhänge, eigenwillig, manchmal falsch in der Interpretation religiöser Inhalte, wie man den kritischen Anmerkungen entnehmen kann.

Alles ein Vorgeschmack

Es sei “….nur der ersteTropfen einer großen Flut”, prophezeite Bin Laden z.B., als der – dann vereitelte – Terroranschlag in Mombasa Ende November 2002 bevorstand. Im ersten Teil des Bandes ist Gelegenheit, Osama bin Laden, geboren 1957 in Saudi Arabiens Hauptstadt Riad, genauer kennen zu lernen.

Von Osama bin Laden haben die Autoren Auszüge aus acht Texten (1991-2004) aufgenommen. Sie sind nach Einschätzung Omar Saghis theoretisch nicht sehr tiefgründig, doch medienwirksam. Bin Ladens eigentliche Stärke liegt in Organisation und Aktion. Exemplarisch steht er für die “Gefühlslage einer ganzen Generation” und wird nach dem 11. September 2001 zur “Ikone” für viele Saudis.

Töten für den Glauben

“Der Dschihad unter Einsatz des eigenen Lebens und Geldes ist an jedem Ort, den die Ungläubigen erobert haben, eine persönliche Pflicht”, sagt Azzam in seinem Appell “Schließ dich der Karawane an” von 1987. In Teil Zwei stellt Thomas Heghammer den Jordanier und palästinensischen Religionsgelehrten Abdullah Jussuf Mustafa Azzam (1941-1989) und Auszüge aus fünf seiner Schriften vor, ergänzt durch ausführliche Kommentare.

Seine ideologischen Themen: Panislamismus und die Wende vom “inneren” zum “äußeren” Feind, wobei letzterer von muslimischem Boden vertrieben werden soll. Dazu fördert er den Märtyrerkult in radikal-sunnitischen Kreisen, so dass sich besonders junge Muslime im Kampf gern opfern wollen. Hier wird die direkte Verbindung zu den sprunghaft ansteigenden Selbstmordattentaten der 1990er Jahre deutlich. 1980 kommt Azzam über Mekka nach Afghanistan und arbeitet dort ab 1986 eng mit Bin Laden zusammen. Er verliert bei einem Bombenattentat 1989 im pakistanischen Peschawar sein Leben.

Anhand des Entwicklungsganges von Ayman al-Zawahiri, 1951 in Kairo geboren, führt Stephan Lacroix in Teil Drei kenntnisreich und detailliert durch die ägyptische Zeitgeschichte. 1985 trifft Zawahiri in Afghanistan auf Bin Laden, mit dem er 1998 – herausragendes Datum für Al-Qaida und die westliche Welt – auf einer ideologischen Linie liegt: Sie schließen sich in einer “Internationalen islamischen Front für den Heiligen Krieg gegen die Juden und Kreuzfahrer” zusammen, um besonders US-Amerikaner und Israelis zu ängstigen und zu erschrecken. Zawahiri gilt als Chefideologe von Al-Qaida und Wegbereiter der Anschläge auf das World Trade Center am 11.September 2001. Lacroix stellt vier breit kommentierte Textauszüge von Al-Zawahiri vor.

Ziel des Lebens: Martyrium

Nur mit dem Duft des Martyriums und des für Gott vergossenen Blutes bleibe die über die ganze Welt verbreitete muslimische Gemeinde am Leben, meint Abu Mus´ab al-Zarqawi (auch “Sarkawi”) in seinem “Brief an Bin Laden und Al-Zawahiri”. In Auszügen ist dieser Brief als einziges Dokument aufgenommen in den vierten und letzten Teil des Bandes. Jean-Pierre Milelli kommentiert und führt ein in das Leben und Denken Al-Zarqawis (1966 – 07.06.2006), der als Top-Terrorist von den USA jahrelang gesucht und kürzlich im irakischen Bakuba getötet wurde.

Eine andere Welt

Durch die “Texte des Terrors” wird der Leser direkt mit radikalen Einschätzungen, zerstörerischen Handlungsanweisungen und menschenverachtenden Appellen konfrontiert, – nicht ohne erschreckende Wirkung und gepaart mit der Erkenntnis, tief in eine fremde, demokratie- und aufklärungsfeindliche Welt zu blicken.

Gleichzeitig und untrennbar davon vermittelt die Lektüre ein lebendiges, differenziertes Gesellschaftsbild der Arabischen Halbinsel und des Nahen Ostens in einer Zeit des Umbruchs, der Identitätssuche zwischen traditionellem und westlichem Lebensstil. Die Einführungen gehören mit zu den spannendsten Abschnitten des Buches.

Dank intensiver Wissensvermittlung durch die Autoren, auch und besonders in den Kommentaren, erweitert man sein Wissen über den Islam und den Islamismus, erfährt etwas über innerislamische Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten sowie besondere religiöse Untergruppierungen.

Für diejenigen, die sich neu in die Materie einarbeiten wollen, wäre jedoch ein separates Glossar zur schnellen Übersicht hilfreich, zusätzlich zum vorhandenen Register der Orte, Sachbegriffe und Medien.

Wenn man wissen will, was es mit Al-Qaida auf sich hat, sollte man die Lektüre der Texte des Terrors nicht scheuen, auch wenn man den Kampfansagen für die Zukunft bedrückt entnehmen wird: Gewalt ohne Ende!

Kepel, Giles; Milelli, Jean-Pierre, (Hrsg.),
Al-Qaida, Texte des Terrors,
(2006), München, Piper Verlag,
ISBN 3-492-04912-5, 528 S., 24,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Piper Verlag. Der Verlag im Internet.


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