For God and Ulster

26. Mrz 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

kandel1.jpegMit Johannes Kandel traut sich endlich wieder ein deutscher Autor an das Thema Nordirland heran. Der Nordirland-Konflikt ist der Versuch einer aktuellen und umfassenden Analyse des Konfliktes ohne die naiv-romantischen Tendenzen anderer Veröffentlichungen. Von Alesch Mühlbauer 

Johannes Kandel ist bislang vor allem als Autor von Büchern und Artikeln in Erscheinung getreten, die sich mit der muslimischen Diaspora in Europa und mit Fragen des interkulturellen Dialogs auseinandergesetzt haben. Keine schlechte Voraussetzung also für eine Abhandlung über Nordirland. Der Autor hat zudem familiäre Bindungen in der Region, so dass er auch einen Zugang zum Wertekanon und zur speziellen Sichtweise vor allem der nordirischen Protestanten vorweisen kann.

Eine Frage der Macht

Grundsätzlich, und davon geht auch Kandel aus, dreht sich in Nordirland alles um die Frage der territorialen Zugehörigkeit und der politischen Macht. Nach Jahrhunderten der englischen Vorherrschaft konnte zwar 1921 ein unabhängiges Irland entstehen, die nördlichen sechs Counties jedoch waren mehrheitlich von Protestanten bewohnt, die sich als Briten fühlten. Bis heute ist Nordirland teil Großbritanniens. Irische Nationalisten streben die Vereinigung der Insel an, pro-britische Unionisten hingegen den Verbleib im Vereinten Königreich. Kandel verwirft Thesen, die von einem "Religionskonflikt" ausgehen, die Religion spielt jedoch als identitätsstiftendes Merkmal durchaus eine Rolle.

Die berühmten Ereignisse werden im Buch alle detailliert geschildert und analysiert. Teilweise greift der Autor auf unsichere Quellen zurück oder verfällt ins Hypothetische, Fakten und Thesen bleiben jedoch immer klar getrennt. Beim berühmten "Bloody Sunday" von 1972 zum Beispiel ist bis heute nicht vollständig geklärt, was genau geschehen ist. Klar ist, dass britische Fallschirmjäger in der nordirischen Stadt Derry (Londonderry) während einer Demonstration 13 unbewaffnete Demonstranten und zwei Passanten erschossen hatten. Kandel schildert nicht nur die bekannten Fakten, sondern bezieht sich auch auf Interviews und erst kürzlich veröffentlichte Aussagen der Beteiligten. Wurden die Soldaten aus der Menge der Demonstranten beschossen oder verloren sie schlicht die Übersicht und die Nerven? Das Kapitel bietet eine willkommene Übersicht nicht nur der Tatsachen, sondern auch der Meinungen und der Folgen dieses Ereignisses.  

Ende der Gewalt – und nun?

Der Autor setzt zwar bei den englischen Eroberungen im 12 Jahrhundert an, der Fokus liegt aber eindeutig auf den Ereignissen der Jahre 1969 – 2005. Besonders die detaillierte Darstellung der Entwicklungen der neunziger Jahre kann überzeugen. Dem 1998 in Kraft getretenen Karfreitagsabkommen gingen jahrelange komplexe Verhandlungen voran. Trotz der damals allseits spürbaren Erleichterung wird die Provinz auch im Jahre 2006 noch von Westminster aus regiert. Kandel stellt in den letzten Kapiteln mit viel Übersicht das Dilemma der Friedensbemühungen dar: Sinn Fein hat als politischer Arm der IRA auf diese mäßigend eingewirkt, was Verhandlungen überhaupt möglich gemacht hat. Andererseits wird es keinen dauerhaften Frieden ohne eine Entwaffnung der IRA geben. Das Prozedere der Entwaffnung darf aber keinen entwürdigenden Charakter annehmen, denn die IRA hat nicht das Gefühl, sie habe "verloren". Ein Kreislauf, der schwer zu durchbrechen sein wird.

Befreiungskampf ade

Es ist zu begrüßen, dass endlich wieder ein aktuelles deutschsprachiges Werk zum Nordirlandkonflikt erschienen ist. Mit einigen Ausnahmen wie Peter Neumanns IRA: Langer Weg zum Frieden fallen deutsche Bücher durch mangelnde Aktualität oder durch eine einseitige Darstellung zugunsten der Katholiken auf. Vor allem Autoren aus dem linken politischen Spektrum wie Pit Wuhrer haben IRA/Sinn Fein bis in die späten neunziger Jahre hinein als legitime "Befreiungsbewegung" gedeutet. Kandel tappt nicht in diese Falle, man merkt an einigen Stellen des Buches jedoch, dass er eine gewisse Sympathie für die verzwickte Situation der Unionisten hegt. Zwar unterschlägt er keine Fakten, aber seine harsche Kritik an Zielen und Methoden der IRA vermißt man ein wenig im Zusammenhang mit der Darstellung loyalistischer Paramilitärs. Diese nicht minder brutalen Gruppen werden nur am Rande "abgehandelt".

Leider haben es einige orthographische Fehler ins Buch geschafft und bremsen etwas den Lesespaß. Insgesamt ist Der Nordirland-Konflikt kein Meilenstein, aber ein durchaus gelungenes und absolut lesenswertes Buch, das eine gute Alternative zu englischsprachigen Titeln wie Paul Dixons The Politics of War and Peace darstellt. Das Buch wird trotz seines Umfangs gerade Leser begeistern können, die bisher nichts oder nur wenig über den Konflikt erfahren haben.


Kandel, Johannes: Der Nordirland-Konflikt – von seinen historischen Wurzeln bis zur Gegenwart, Dietz 2005, 528 S.
ISBN 3-8012-4153-X, 48,00


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