Entwicklungshilfe aus Greifswald

30. Mrz 2006 | von Peter Eitel | Kategorie: Internationale Politik

Wappen Uni Greifswald.jpgDas Massachusetts Institute of Technology (MIT) ist wohl eine der renommiertesten Universitäten der Welt. Es wird in einem Atemzug genannt mit Harvard, Yale, Cambridge oder Oxford. Dagegen führt die Uni Greifswald eher ein Schattendasein. Zwei gegensätzlichere Paare sind in der akademischen Welt kaum vorstellbar, und doch eint beide etwas. Von Peter Eitel

mit.jpegAnn Smith, Dozentin am renommierten MIT, arbeitet mit ihren Studenten an real world problems. Für Smith sind das die Probleme der Bevölkerung in Entwicklungsländern. Die Studenten sollen ihr abstraktes Wissen anwenden und Lösungen schaffen. Ein Beispiel: Um fünf Kilogramm Mais in Maismehl zu verarbeiten, benötigt man in Afrika drei Arbeitskräfte für etwa drei Stunden. In den Augen von Ann Smith und ihren Studenten ließe sich dies effizienter lösen. Ihre Lösung ist ein umgebautes Fahrrad, dessen Tretmechanismus an eine Mühle angeschlossen wird. Im Ergebnis lässt sich die gleiche Menge Mais von einer Arbeitskraft in einer halben Stunde mahlen. Dieses Beispiel soll zeigen dass es möglich ist, die in den hohen Wissenschaften erlernten Kenntnisse auf ein praktikables Niveau zu bringen und dass Lösungen nicht nur in Laboren mit teuren Instrumenten gefunden werden. Außerdem: Die Studenten können ihrem theoretischen Wissen einen praktischen, greifbaren Nutzen geben.

Universität Greifswald – ein Leuchtturm?

Glaubt man den Medien sind deutsche Unis nicht gerade bekannt für eine solch anwendungsorientierte Lehre. Fünf Studenten der Universität Greifswald haben dieses Problem aufgegriffen und beschlossen, selbst Initiative zu ergreifen. “All das Wissen, das wir hier anhäufen ist für viele zu theoretisch und der Zusammenhang zu den Herausforderungen des Alltags nicht immer klar erkennbar”, sagt Johannes Kurt, Pressesprecher der Initiative “realCITY”.

“Wir möchten unseren Beitrag leisten, diese Schere zu schließen”, erklärt Kurt weiter. Ein Projekt, das sich interkultureller Zusammenarbeit verschreibt, schien eine Möglichkeit. Zunächst musste ein Partner gefunden werden. Nach einiger Suche fand man in der erst seit kurzem bestehenden Hilfsorganisation “MayanHope” in Guatemala einen Partner. “Ihre Vorstellung von Zusammenarbeit entspricht unserer – wir wollen kein Maisrad zur besten Lösung bestehender Probleme erklären, sondern wir wollen die Möglichkeiten schaffen, dass sich die Bevölkerung in Guatemala eine solche Lösung selbst erarbeiten kann” so Kurt. “realCITY schreibt Interdisziplinarität groß. Wir glauben, nur so einer immer komplexer werdenden Umwelt gerecht zu werden”. Dabei komme in der Entwicklungshilfe dem Bereich Bildung die Schlüsselrolle zu. “Bildung bedeutet Möglichkeiten schaffen”.

Die Teilnehmer von “realCITY” konnten sich zwischen acht Gruppen entscheiden, die einer Disziplin zuzuordnen sind, zum Beispiel Medizin, Wirtschaft oder Bildung. Die Schwierigkeit bestehe nun darin, den Gruppen klarzumachen, dass sie trotz unterschiedlicher inhaltlicher Schwerpunkte miteinander arbeiten müssten, doch “wir glauben, dass sich dies aus den Sachzwängen ergeben wird” ist der Sprecher überzeugt. Mittlerweile sind knapp 30 Teilnehmer aus allen Fachrichtungen bei “realCITY” aktiv. Begleitet wird das Projekt vom Rektor der Universität und Dozenten von vier Fakultäten.

Die Faktoren Zeit und Geld

Wie aber wollen “realCITY” und “MayanHope” Möglichkeiten für die Bevölkerung Guatemalas schaffen? “Wir wollen ein integriertes Zentrum für Bildung, experimentelle Landwirtschaft und eine kleinen Klinik errichten. Dazu benötigen wir etwa 50000 Euro”, sagt Kassenwart Daniel Wolf. Dabei gibt er zu bedenken, dass “der Erfolg von realCITY allein vom Einsatz der Teilnehmer abhängt”. Doch die Zeit drängt, wollen die Studenten doch bis Juli ihre Ergebnisse in einem Abschlußbericht präsentieren und nach Guatemala fliegen, um erste Schritte zur Umsetzung der Ergebnisse zu gehen. Wolf weist auch auf das größte Problem vieler guter Ideen im Bereich der Entwicklungshilfe hin: “Selbst wenn wir das Geld zusammenkriegen, dann muss ein solches Zentrum noch betrieben werden”. Die laufenden Kosten eines Projektes seien die Herausforderung nachhaltiger Entwicklungshilfe. Johannes Kurt fasst für die Initiative “realCITY” zusammen: “Alle Beteiligten werden unter Hochdruck arbeiten müssen, sonst gehen wir mit dieser Idee unter.”

Sapere aude! Der Geist der Aufklärung in Massachusetts und Greifswald

Das MIT und die Universität Greifswald haben also doch etwas gemeinsam. Einen Geist der Initiative mit  Entwicklungshilfe als praxisnaher Herausforderung für Studenten. Und der Versuch, den Mut zu fassen sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Die fünf Initiatoren von “realCITY” müssen aber erst noch unter Beweis stellen, dass ihr Konzept umsetzbar ist. “Wir sind realistisch. Wenn wir zehn Prozent von dem, was wir uns vorgenommen haben erreichen, dann haben wir schon etwas geleistet” erklärt Wolf. Es gehe eben nicht darum, in drei Monaten die ultimative Lösung zu erarbeiten, sondern vielmehr darum, gemeinsam mit “MayanHope” und der Bevölkerung in Guatemala längerfristig an der Gestaltung der Zukunft zu arbeiten. Ann Smith ist bereits einen entscheidenden Schritt weiter. Ihr Kurs ist an einer der einflussreichsten und bekanntesten Universitäten der Welt institutionalisiert. Unklar ist jedoch, ob auch die Bevölkerung in einem afrikanischen Dorf das Maisrad als eine Innovation betrachtet, die ihr Leben verbessert.


Hier geht es zum Guatemala-Dossier


Die Bildrechte liegen bei der Universität Greifswald und dem MIT.


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