Eine unbequeme Wahrheit
Mit eine “Eine unbequeme Wahrheit” hat Al Gore es geschafft, seinem Heimatland beizubringen, was Europa und der Rest der Welt seit Jahren erfolglos versuchen – Volksaufklärung in Sachen Klimawandel. Am 12.Oktober läuft der in den Staaten erfolgreiche Dokumentarfilm in Deutschland an. Von Iris Pufe
Mit “Eine unbequeme Wahrheit” hat der Beinahe-Präsident geschafft seinem Heimatland beizubringen, was Europa und der Rest der Welt seit Jahren erfolglos versuchen, nämlich Volksaufklärung in Sachen Klimawandel. In dunklem Anzug erklärt er im Professoren-Gestus einem Auditorium anhand einer Power Point Präsentation, warum sich das Klima ändert.
Die Wissenschaft soll’s richten
Ruhig und besonnen appelliert er an die Vernunft und an den Glauben in die Ergebnisse der Wissenschaft. Seine Zuhörerschaft steht für rund 250 Millionen US-Bürger, und Gores Professionalität, bei dem, was er erzählt, mag daher rühren, dass er den Vortrag bislang etwa tausend Mal rund um den Globus gehalten hat. Ohne sich in einem Dschungel aus Zahlen zu verlieren, bündelt er die wichtigsten Fakten anschaulich zu einem Ganzen. Worauf er hinaus will, ist klar – die Erkenntnis, dass sich das Klima wandelt, und der Mensch – und dazu zählen auch und vor allem die US-Bürger.
Die USA: Weltmeister in der Ressourcenvergeudung
Der Film ist sehenswert und notwendig. Für alle Staaten der Erde, vor allem aber für die USA. Nach wie vor sind sie pro Kopf und in der Summe die größten Ressourcenverschleißer der Welt. Kein anderes Land verbraucht mehr Wasser oder Öl; sie tragen sechs Prozent zur Erdbevölkerung, aber 25 Prozent zu den Kohlendioxidemissionen bei; ein Drittel aller Haushalte verfügt über drei Autos oder mehr; der Straßenverkehr hat in den letzten 20 Jahren um 80 Prozent zugenommen.
Kassenerfolg trotz oder weil “Öko”?
Erstaunlich ist, dass der Film ein Kassenerfolg ist. Wissenschaft gilt als trocken und Umwelt als wenig einladendes Thema für einen Kinobesuch. In den Staaten fällt der Film auf fruchtbaren Boden, weil derzeit ein regelrechtes Ökofieber ausgebrochen zu sein scheint; ein Gesinnungswandel, der sich unter anderem in Schwarzeneggers Initiativen zum Umweltschutz zeigt, und seinem Bemühen die Kyoto-Ziele auf die eine oder andere Art durchzusetzen. Das Öko in ist, belegen auch die mittlerweile 294 amerikanischen Städte mit knapp 50 Millionen Einwohnern, die sich zum “US-Mayors’ Climate Protection Agreement” zusammengeschlossen haben, um die Emissionen zu verringern.
Gores einsamer Kampf gegen den Treibhauseffekt
Zugegeben, mit knapp zwei Stunden Gore vor einer Power Point Präsentation, wenn auch mit feschen Grafiken und gutem Datenmaterial, wirkt die Dramaturgie etwas trocken. Andererseits bietet die Form der Darstellung einen roten Faden, der Spannung nicht auf Kosten von Informationen erzeugt. Zudem durchwebt Gore die Dramaturgie durch Szenen aus seinem Leben, Szenen, die erklären, wann er anfing, sich für schmelzende Polkappen zu interessieren und warum er sich bis heute für eine bessere Klimapolitik einsetzt. Dabei reichen die Bilder von der Kindheit bis in die jüngere Vergangenheit, als Gores umweltpolitisches Programm durch die Wahl seines Kontrahenten Bush abgestraft wurde.
Selbstinszenierung versus Gutmenschentum
Man kann Al Gore vorwerfen, zu stark zu personalisieren, die Klimawandel-Problematik zu sehr vor dem Hintergrund seiner Biografie aufzubereiten, oder, schlimmer noch, die Umweltgefahr als Hintergrund zur Ausbreitung seines Gutmenschentums herzunehmen.
Andererseits hat er sich einem Problem gestellt, dem sich Umweltaktivisten und -wissenschaftler ausgesetzt sehen seit es Umweltzerstörungen gibt, nämlich der Frage: wie bringe ich es der Öffentlichkeit bei? Ein Unterfangen, das nicht unterschätzt werden sollte, angesichts des Längs- und Querschnittscharakters sowie der Komplexität von Umweltproblemen, d.h. aufgrund ihres langfristigen, häufig nicht sichtbaren und vielfach verwobenen Charakters.
Umweltzerstörung braucht ein Gesicht
Eine andere Crux ist, dass Menschen sich mit Themen, die kein Gesicht haben, die nicht mit einer Person in assoziiert werden können, und denen somit das Menschliche abgeht, nur schwer identifizieren können. Nicht umsonst handeln nahezu alle Filme von Menschen, ob Glücklichen oder Unglücklichen, Verliebten oder Verhassten, Guten oder Schlechten; denn Menschen sorgen für Emotionen. Waldbrände und der Meeresspiegelanstieg dagegen nicht.
Sie lassen vielmehr ein diffuses Gefühl und den Eindruck von Ohnmacht zurück. Erst wenn sichtbar wird, was solche Ereignisse für den Menschen konkret bedeuten, und wie sie ihn betreffen, gewinnen Umweltveränderungen an fassbarer Bedeutung, und das hat Gore versucht.
Sehenswert
Zu gute zu halten ist Gore auch, dass er gleichzeitig nicht zu sehr auf die emotionale Wirkung im Publikum abzielt. Er bringt Argumente, Beispiele, nennt Namen, Berichte und Jahreszahlen, zitiert Forscher, Politiker und Kommissionen, beruft sich auf Statistiken und Messwerte. So ist es auch der Anspruch stärker wissenschaftlich zu argumentieren als alarmierende Bilder zu bringen, das den Film kenn- und auszeichnet. Gore zielt entgegen gängigem Hollywood-Verfahren mehr auf den Intellekt als das Herz. Deshalb ist der Film sehenswert.
Eine unbequeme Wahrheit
Ein Film von David Guggenheim, Mit Al Gore
Produziert von Laurie David, Lawrence Bender und Scott Z. Burns.
(2006), USA, Kinostart in Deutschland am 12. Oktober
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Die Verfasserin hat den Film vorab in den USA gesehen. Im Dezember dieses Jahres erscheint ihre Dissertation “Klima – Wälder – Indigene Völker” im Oekom Verlag.
Homepage zum Film: http://www.climate-crisis.de/
Die Bildrechte liegen bei united international pictures.
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