Eine Studie menschlicher Grausamkeit

24. Nov 2006 | von Bert Grosse | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Werth.jpgStalins Politik der Umsiedlung breiter Bevölkerungsteile in den 1930iger Jahren ist allgemein gut erforscht. Nicolas Werth ergänzt die Recherchen jetzt um eine eindrucksvolle Studie, die zeigt, wie unmenschlich das kommunistische System mit den Menschen umging. Von Bert Große

 

  Frühsommer 1933 – eine weitere „Säuberungswelle“ erschüttert die Sowjetunion. Während in der Vergangenheit vorrangig Regimegegner und vermögende Bauern, so genannte „Kulaken“ Verfolgung und Vertreibung ausgesetzt waren, befiehlt Stalin diesmal die „Säuberung der Städte“. Ziel ist es, Kriminelle, Obdachlose, „arbeitsscheue Elemente“ und andere „Regimegegner“ aus den Großstädten zu vertreiben. Ihre Ansiedlung wurde in den menschenfeindlichen Regionen Sibiriens, Kasachstans oder im Altai angeordnet.

Nicolas Werth, Historiker am französischen Institut für Zeitgeschichte CNRS (Centre national de la recherche scientifique) und dem deutschen Publikum als Mitherausgeber des Schwarzbuch des Kommunismus bekannt, ist bei Recherchen in russischen Archiven auf die Ergebnisse einer Untersuchungskommission gestoßen und hat sie in seiner Studie Die Insel der Kannibalen, Stalins vergessener Gulag ausgewertet. Die Kommission wurde eingesetzt, nachdem ein junger Beamter, abgestoßen von seinen Erlebnissen auf der sibirischen Insel Nasino, Stalin persönlich Bericht erstattet hatte.

Der Plan zur Umsiedlung politisch Unliebsamer stammte von Genrich Jagoda, Stalins NKWD-Vorsitzendem und persönlichem Folterknecht. Zu Hunderttausenden sollten die „unzuverlässigen Elemente“ aus den Zentren in die russischen Weiten vertrieben werden, offiziell mit dem Ziel der individuellen „Erziehung“ sowie Urbarmachung und Besiedlung. Die Transporte und Ansiedlungen erfolgten unter völlig unzureichenden Bedingungen, Massensterben durch Hunger und Erfrieren wurden von der Staatsführung zumindest billigend in Kauf genommen, wie Werth nachweist, sogar aktiv angestrebt.

Nackt nach Sibirien

Die Anweisung lautete, Umsiedler mindestens 900 km von größeren Ortschaften entfernt auszusetzen – so auch in diesem Fall. Die Insel Nasino im Fluß Ob gelegen, war ein menschenleerer Fleck mitten in der sibirischen Einöde. Der Fluss ist nur wenige Monate schiffbar, das Klima im Winter mörderisch. Hier konnte nur überleben, wer gut ausgerüstet und versorgt war. Aber – wie so oft in der Geschichte von Zwangsumsiedlungen – war das Gegenteil der Fall.

Im Frühsommer 1933 landeten fast 15.000 Zwangsumsiedler auf der als Zwischenlager gedachten Insel. Nach wochenlangen Transporten in Viehwaggons und Lastkähnen litten buchstäblich alle an Krankheit und Erschöpfung, die Anzahl der unterwegs Verhungerten war enorm. Nicht wenige Gefangene wurden buchstäblich nackt in der Taiga ausgesetzt. Medizinische Versorgung gab es quasi nicht, die Verpflegung bestand aus wenigen Tonnen Mehl, die aus Mangel an Öfen nicht zu Brot verarbeitet werden konnten. In der Folge vermischten die Gefangenen Flusswasser und Mehl zu einem Brei – Konsequenz war eine Ruhr-Epidemie

Die ausgezehrten Gefangenen starben buchstäblich wie die Fliegen. Es kam zu vielfachen Fällen von Kannibalismus und Leichenschändung. Die wenigen Wachen, selbst ohne Verpflegung zurückgelassen, hatten keinerlei Interesse, gegen die einsetzende Massenflucht einzuschreiten. Werth berichtet, dass im Lauf der Zeit einige Siedlungen errichtet worden waren, in denen sich die – überwiegend schwerkriminellen – Gefangenen weigerten zu arbeiten oder auch nur Baracken für die eigene Unterkunft zu errichten. Die Suche nach Nahrung führte zu Plünderungen in den umliegenden Dörfern, die wiederum wahre Menschenjagden der Einheimischen zur Folge hatten.

Es konnte jeden treffen

Der Autor hatte dank der reichhaltig verfügbaren Akten die Möglichkeit, die Herkunft der Gefangenen nachzuvollziehen. Überwiegend entstammten sie der kriminellen oder Obdachlosenszene in den Großstädten, aber auch völlig Unbeteiligte oder sogar verdiente Kommunisten konnten in die Transporte gezwungen werden, wenn sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Parteibücher, gültige Arbeitsverträge oder sogar sowjetische Auszeichnungen halfen dann nicht weiter, das Wachpersonal hatte in diesem Fall die Anweisung, die fraglichen Unterlagen zu vernichten. Immerhin konnte es sich nach staatlicher Maßgabe nur um Fälschungen handeln.

Die Untersuchungskommission arbeitete im Übrigen ohne große Konsequenzen – einige wenige Offiziere wurden angeklagt, ganz selten sogar selber zum Deportiertenschicksal verurteilt. Für die meisten Beteiligten blieb die Ermittlung folgenlos, die Überlebenden wurden im Herbst in Sibirien ihrem Schicksal überlassen

Knapp, aber auf breitem Fundament

Das Besondere an der kurzen Studie ist die umfangreiche Aktenlage. Auch wenn seit den Büchern Alexander Solschenizyns, Anne Applebaums Gulag oder Janusz Bardachs anrührender Darstellung Der Mensch ist des Menschen Wolf bekannt ist, wie Stalins Deportations- und Lagersystem Gulag funktionierte, so lohnt die Lektüre.

Nicolas Werth gelingt es, anhand der Originalquellen zu zeigen, wie menschenverachtend das kommunistische Regime mit vermeintlichen und echten Gegnern umsprang. Aus Menschen werden „Elemente“ und „Zersetzer“. Die nüchtern buchhalterische Verwaltung der Toten nimmt den Gefangenen konsequent jede Menschlichkeit, wenn etwa der diensthabende Offizier von Nasino in seinen regelmäßigen Berichten die verstorbenen „Elemente“ nach Alterklassen („ca. 300 unter Zwölfjährige“) und Todesarten (Verhungern, Erfrieren, Entkräftung) einteilt.

Wer sich für das Lagersystem allgemein interessiert, ist mit anderen darstellenden Publikationen sicher besser bedient, da Werth umfassende Vorkenntnisse voraussetzt und gelegentlich bis in die untersten Ebenen der sowjetischen Verwaltung vorstößt, aber als ergänzende Detailstudie ist das Buch überaus informativ.

Nicolas Werth,

Die Insel der Kannibalen, Stalins vergessener Gulag,

(2006), München, Siedler Verlag,

224 S., ISBN 3-88680-853-X, 19,95 Euro



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