Eine gesunde Mischung aus Altruismus und Egoismus

30. Mrz 2006 | von Peter Eitel | Kategorie: Internationale Politik

Guatemala_Flagge.jpgWas bewegt Menschen dazu, anderen Menschen zu helfen? Wieso engagieren sich Menschen für Projekte in anderen Ländern? /e-politik.de/ sprach mit Colby Martin, dem Mitbegründer der Hilfsorganisation “MayanHope”, über Motivation und Abgründe der Entwicklungshilfe. Ein Interview von Peter Eitel

/e-politik.de/: Was war ihre Motivation eine weitere Organisation zu gründen, die den Armen dieser Welt helfen möchte?

Colby Martin: Eine schwierige Frage. Würde “MayanHope” “nur” darauf abzielen, den Armen zu helfen, dann könnte ich es nicht tun. Meine persönliche Motivation ist der Lerneffekt, den alle Beteiligten dabei haben. Wir wollen der indigenen Bevölkerung Möglichkeiten anbieten, weil sie diese verdienen. Seit Jahrhunderten werden sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Wir glauben, dass, wenn sie die Möglichkeiten sich zu entwickeln erhalten, dann werden sie diese auch nutzen.  “MayanHope” ist eine internationale Organisation und wir wollen Menschen aus der ganzen Welt zusammentreffen lassen, das Wissen und die Fähigkeiten bündeln und unser Leben so produktiver gestalten.

/e-politik.de/: Was ändert das?

Guatemala3.jpgMartin: Wenn wir einem Kind helfen, das nicht mehr zur Schule konnte, wieder die Schulbank zu drücken und das als Unterschied zählt, ja, dann ändern wir etwas. Wenn wir 30 gehbehinderte Menschen mit Rollstühlen versehen oder Gefängnisinsassen und ihre Wärter mit einem Weihnachtsessen versorgen oder Arbeitsplätze für einheimische Frauen schaffen, ja, dann machen wir einen Unterschied. Wir leben und wir sterben und der einzige, der die Frage nach dem Unterschied beantworten kann, ist der Betroffene. Wenn Sie zum Beispiel helfen, ein Krankenhaus zu errichten und eine Frau, die ohne ärztliche Hilfe chancenlos gewesen wäre lebt, dann können sie entscheiden, ob das zählt, ob das etwas geändert hat. Global betrachtet, würde ich sagen machen wir noch keinen Unterschied. Ich glaube Informations- und Wissenstransfer sind die Schlüssel zu unserer Entwicklung, wenn wir wirklich etwas ändern wollen.

/e-politik.de/: Sind sie ein Altruist oder ein Egoist – oder anderes gefragt: Ist Entwicklungshilfe Altruismus pur oder nur ein weiterer Ausdruck von Egoismus?

Martin: Sowohl als auch. Wir sehen das so: Wir können anderen dann helfen, wenn wir uns selbst helfen. Wir glauben an Beziehungen mit gegenseitiger Teilhabe. Beispielsweise sind wir überzeugt davon, dass Technologie das Leben der Maya verbessern kann und unser Leben sich durch weniger Abhängigkeit von Technologie verbessert. Jede Handlung hat viele verschiedene Gründe. Das einzige, das man wirklich kontrollieren kann, sind die eigenen Ziele. Unser Ziel ist es, so hart wie möglich daran zu arbeiten, denjenigen, die so wenig haben, Möglichkeiten zu bieten, ohne dass unser Egoismus die treibende Kraft wird. Das Unwichtigste für uns dabei ist ob uns Leute dafür Anerkennung schenken.

/e-politik.de/: Warum engagieren Sie sich gerade in Guatemala? Es gibt Länder mit größeren Problemen.

Martin: Die Maya wurden vergewaltigt, verschleppt und Opfer von Genoziden. In ganz Lateinamerika sagt man, es gäbe kein schlimmeres Land als Guatemala. Seit 500 Jahren leiden die Menschen in dieser Region Guatemalas unter Gewalt und Apartheid. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass es Länder gibt, die schlechtere Zustände als Guatemala haben. Was in Ruanda passierte, passierte auch in Guatemala. Der Unterschied ist, dass in Ruanda die UN vor Ort war, und Zeuge des Genozids wurde.

/e-politik.de/: Der Vorstand von “MayanHope” lebt auf der ganzen Welt verteilt ist. Kann man so überhaupt effizient arbeiten?

Martin: Absolut. Gerade das ist unsere Stärke. Unsere Herkunft und Kulturen sind unterschiedlich, aber über die fundamentalen Aspekte des Projekts sind wir uns alle einig. Dank des Internets können wir genau wie jedes international agierende Unternehmen arbeiten, mit Außenstellen und einer Stelle, von der alle zentralen Informationen und ein- und ausgehen.

/e-politik.de/: Sie leben zurzeit in den USA. Gibt es jemanden der vor Ort lebt oder ist “MayanHope” eine weitere Organisation, die scheinbar keine Ahnung hat, mit wem sie arbeitet und sich ihren Lebensunterhalt von Spendern zahlen lässt?

Martin: Nein. Mein Partner und Mitbegründer von “MayanHope”, Donald Langley, lebt und arbeitet in Guatemala und ich fliege in regelmäßigen Abständen dorthin, je nachdem, ob meine Hilfe benötigt wird, oder nicht. Die Ausgaben von Herrn Langley werden durch die von uns betriebene Jugendherberge gedeckt. Hier arbeiten vier einheimische Frauen und es gibt einen kleinen Laden, in dem die Touristen kleine Kunstgegenstände aus der Region kaufen können. Keiner der Vorstandsmitglieder erhält eine Bezahlung.

/e-politik.de/: Ist “MayanHope” ein Erfolg? Wie finanzieren sie sich?

Martin: Sollten wir unser Projekt heute beenden müssen, dann waren wir ein Erfolg. Wir betreiben  eine Schule für Kinder mit Lernschwierigkeiten, koordinieren eine Imker-Kooperative, versorgen Obdachlose mit Nahrung, haben die Müllsituation verbessert und einer guatemaltekischen Trekkingfirma auf die Beine geholfen. Darüber hinaus haben wir eine Jugendherberge und ein Restaurant. All das wurde mit weniger als 10 000 US Dollar in zwei Jahren erreicht. Donald Langley lebt in Guatemala und ich arbeite als Touristenführer in Texas, um die Rechnungen bezahlen zu können. Wir glauben, dass der Ball dieses Jahr ins rollen kommt, um unsere Ideen in die Tat umzusetzen.

/e-politik.de/: Lassen sie uns über die Finanzierung von Entwicklungshilfe reden. Kann man sagen, dass ihre Unternehmung davon abhängt, mit einer Katastrophe in den Medien zu sein? Müssen sie Not und Elend erfinden, um die Reichen zum Spenden zu bewegen?

Martin: Der Großteil aller Hilfsmittel wird immer dorthin fließen, wo er am dringendsten benötigt wird. Und das stelle ich nicht in Frage. Die Förderer unserer Schule teilten uns dieses Jahr mit, dass wir mit 2000 US Dollar weniger auskommen müssen, da es dieses Jahr viele Bedürfnisse gab. Und ja, die gab es. Ehrlich gesagt, wir wollen kein Projekt werden, dass von diesen Soforthilfen abhängt, denn das bedeutet, dass etwas Schreckliches passiert ist. Wir wollen Menschen, die sich mit unserem Projekt identifizieren, weil sie daran glauben. Unsere Arbeit zielt hauptsächlich darauf ab, Möglichkeiten für die Bevölkerung zu schaffen, damit sie unabhängiger von Hilfe von außen werden.

/e-politik.de/: Was sind ihre persönlichen Ziele? Was wollen sie langfristig erreichen?

Martin: “MayanHope” der Anfang einer Bewegung. Mit der heutigen Technologie, können wir ein Netz zwischen Menschen aufbauen und stärken. Heutzutage können wir direkt mit den Medien und den Regierungen in Kontakt treten, wir können mit Freund und Feind sprechen. So lernen wir über das Leben Anderer und dank dieses Prozesses werden wir ein höheres Niveau des Miteinanders erreichen. Das sind auch meine persönlichen Ziele: Zu lernen und sich zu entwickeln.


Hier geht es zum Guatemala-Dossier


Die Bildrechte liegen bei “MayanHope” und sind Public Domain.


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